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Flipboard: Mit künstlicher Intelligenz zu relevanten News

Sein erstes Startup verkaufte Mike McCue an Netscape, das zweite an Microsoft. Jetzt will der US-Gründer mit seiner News-App Flipboard den deutschen Markt erobern. Wir trafen McCue zum Interview.

Lesezeit: 8 Min.
Mike McCue, der Gründer von Flipboard, will mit seiner News-App das Content-Geschäft verändern. (Bild: Flipboard)

Immer mehr Zeit verbringen wir mit tagesaktuellen Medien, wobei der Nachrichtenkonsum sich von Jahr zu Jahr mehr auf Mobilgeräte fokussiert. Doch was ist wirklich relevant für uns, was wollen wir lesen? Das soll uns, wenn man Gründer Mike McCue glaubt, die Kurations-App Flipboard zeigen, auf der auch t3n vertreten ist.

Nachdem die App im US-Markt eine feste Größe ist und für Millionen von Lesern als Plattform das Newsgeschehen auf Social-Basis vorsortiert, hat das Unternehmen vor einigen Tagen die deutsche Version einem Relaunch unterzogen. Leser aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sollen so neue Möglichkeiten erhalten, Inhalte in Flipboard ganz individuell zu personalisieren. Nach dem französischen Markt handelt es sich um die zweite Lokalisierung außerhalb der USA der KI-gesteuerten Flipboard Themen-Engine.

Flipboard: Rund 1.800 Nachrichtenquellen in Deutschland

Schon jetzt stammen 27 Prozent der Gesamtleserschaft von Flipboard aus Europa und in Deutschland ist das Unternehmen in den letzten sechs Monaten um über 16 Prozent gewachsen. Flipboard indexiert mit einem Redaktionsteam den Content von Publishern und Bloggern – teilweise in Kooperation mit den Verlagen selbst – und ermöglicht es Algorithmen, die Inhalte in Hunderte von Themen zu gliedern. In Deutschland stehen rund 1.800 Nachrichtenquellen zur Verfügung. Den Lesern soll so ein grafisch anspruchsvolles Smart-Magazin angeboten werden, das ganz auf ihre persönlichen Interessen zugeschnitten ist.

Wir trafen den Flipboard-CEO Mike McCue kurz vor dem Deutschland-Start der neuen Plattform in München. Dort erklärte er uns, wie das Portal mit Fake News umgeht, warum Flipboard dem Leser mehr bietet als ein herkömmliches, kuratierendes Portal und wie die KI-Engine Nachrichten auswählt und aufbereitet.

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t3n.de: News-Apps wie Flipboard sind in den USA populärer als bei uns. Das verwundert nicht, weil die Zahl der englischsprachigen Nutzer naturgemäß größer ist. Welche Rolle spielen für euch in diesem Zusammenhang überhaupt Europa und hier der deutsche Markt?

Mike McCue: Deutschland ist für uns ein schnell wachsender Markt. Wir haben weltweit mehr als 100 Millionen aktive monatliche Nutzer, ein Drittel davon in Europa – und Deutschland ist hier nach Großbritannien der wichtigste Markt. Wir  sind aktuell dabei, unsere Beziehungen zu den Publishern in Deutschland zu vertiefen – darunter übrigens große und kleine Verlage bis hin zu Bloggern und Content-Produzenten mit spitzer Zielgruppe. Wir werden jetzt unsere Machine-Learning-Plattform, die wir in den englischsprachigen Märkten und in Frankreich bereits erprobt haben, auch für die DACH-Region ausrollen.

t3n.de: Wie schützt ihr die Leser vor Fake News, vor fragwürdigen Quellen und Nachrichten?

Wir haben eine Mischung aus menschlichen Kuratoren und Machine-Learning-Algorithmen, die gut zusammenarbeiten. Bei den Content-Lieferanten, die sich bei uns akkreditieren, überprüfen wir, ob es sich um hochwertigen Content handelt, filtern Hate Speech und Fake News heraus und entscheiden darüber, wo und wie ein Publisher eingruppiert wird. Das könnte ein Algorithmus so gar nicht leisten. Umgekehrt wären die Kuratoren aber auch überlastet mit der schieren Menge an Content – wir haben Zehntausende Medienmarken auf Flipboard in all den Sprachen, alleine 1.800 für den hiesigen Markt. Am Ende bekommt der Nutzer hochgradig granulierte, spezialisierte Feeds mit den Stories, von denen wir meinen, dass sie für ihn interessant sind. Dabei orientieren wir uns natürlich auch an der Tageszeit oder am Wochentag, um dem Leser die jeweils situativ passenden Inhalte zu präsentieren – personalisiert übrigens auch in Form eines anpassbaren Newsletters. Den gibt es bisher vorrangig für den US-Markt, wir wollen ihn aber auch für Europa anbieten.

t3n.de: Wonach bewertet ihr Nachrichten und wie sorgt ihr dafür, dass die Nachrichten eben nicht zensiert werden?

Flipboard präsentierte vor wenigen Tagen seine neue, deutsche Ausgabe. (Bild: Flipboard)

Flipboard ist ein Technologieunternehmen, aber eines mit den Werten der Medien. Wir haben hier journalistische Guidelines und einen Editorial Director, der die lokalen Teams unterstützt. Dabei findet eine ganz klassische Quellenbewertung statt und wir tragen eine redaktionelle Verantwortung: Steckt ein zuverlässiges Redaktionsteam dahinter, gab es mal Fake News? Gerade bei diesem Thema, das ja vor allem im politischen Themenumfeld vorkommt, bewerten wir nicht nur Informationsangebote an sich, sondern oft auch die einzelne Meldung.  Als Nutzer kannst du daher nicht nur entscheiden, ob du mehr Politik oder mehr Sport lesen willst, sondern auch, ob du eher linke oder konservative Sichtweisen lesen möchtest. Abgesehen davon können wir auch Inhalte außerhalb deiner Filterbubble zeigen, also aus anderer Perspektive. Und jeder Nutzer kann Inhalte up- und down-voten.

t3n.de: Ihr wollt in diesem Zusammenhang zukünftig einen Schwerpunkt auf Tech-Inhalte legen?

Es ist eines der beliebtesten Themen unter unseren Nutzern. Aktuell haben wir zunächst in den USA einen neuen Ansatz angekündigt, der noch tiefer als bisher geht – auch in Europa soll das so bald wie möglich folgen. Unsere Leser sind sehr stark technisch interessiert, arbeiten teilweise selbst in dieser Industrie. Wir arbeiten auch hier mit Vordenkern und Verlagen in der Tech-Branche zusammen. Zum Beispiel haben wir in den USA eine Rubrik mit fünf wichtigen Technikbüchern oder Büchern zu Kryptowährungen oder zu einem anderen speziellen Thema, die wir jeweils von Meinungsführern auswählen und kuratieren lassen. Sowas wollen wir hier in Deutschland auch machen.

t3n.de: Flipboard bietet ein schönes, opulentes Layout, fast zu schade für schnöde Nachrichten. Mögen das die Verlage oder hätten die die Leser nicht lieber bei sich auf der Seite? Die Klicks finden ja bei Flipboard statt.

Unterm Strich kommen die Klicks auch bei den Verlagen an – und wir hören auch gerade in Gesprächen mit deutschen Verlagen, dass wir als Traffic-Lieferant wahrgenommen werden. Da war ich in den letzten Tagen angenehm überrascht. Wir bringen den Verlagen Klicks und Impressions – so wie Google, Twitter oder Facebook das auch tun. Die Wahrscheinlichkeit steigt, wenn ich den Anfang des Artikels lese, dass ich auch den Rest will – und dann bin ich auf dem Inventar der Verlage und bringe denen Reichweite. Die Click-through-Rate ist bei Flipboard signifikant höher als bei anderen sozialen Netzwerken. Abgesehen davon vermarkten wir in den USA zusammen mit ausgewählten Publishern unser Inventar auf Programmatic-Advertising-Basis.

t3n.de: Was unterscheidet euch von Google und anderen Websites, die Nachrichten kuratieren und Inhalte für den Leser aufbereiten?

Als wir vor acht Jahren mit Flipboard angefangen haben, ging es uns darum, eine Plattform für guten Content zu schaffen. Anders als Facebook und Google war unser Geschäftsmodell stets auf Medien und Publisher ausgerichtet und der mediale Content nicht bloß ein Nebenbeiprodukt. Es ging immer zentral darum, Content zu monetarisieren und für den Leser optimal auffindbar zu machen.

Nachrichten sind aber nur ein Teil unseres Geschäfts. Es geht auch um langfristige Inhalte nach Themen sortiert, die hochgradig personalisiert werden. Anders als bei Twitter, wo du Leuten folgst, folgst du in unserem Falle Themen, die aber wiederum mit Menschen zu tun haben, nicht nur mit Algorithmen.  Kein Publisher kann alle Inhalte in optimaler Form bieten – und gerade jüngere Zielgruppen sind es heute gewohnt, ihre Inhalte an einem zentralen Ort über das Smartphone verfügbar zu haben. Diese beiden Parteien wollen wir zusammenbringen und das auf Augenhöhe mit den Verlagen.

t3n.de: Und die Verlage sind wirklich immer happy damit?

Wenn es einen Verlag gibt, der das partout nicht will, dann spielen wir auch nicht dessen Content aus, sondern respektieren seinen Wunsch. Das war aber im Übrigen in all den Jahren nur ein einziges Mal der Fall. Und die kamen dann später wieder und baten uns, ihre Inhalte doch wieder einfließen zu lassen. Der springende Punkt ist, ob so etwas im Einklang mit dem Publisher passiert oder gegen seinen Willen.

t3n.de: Aber ihr schaut nicht nur auf die großen Publisher, sondern auch auf Blogger und Portale, die sich an spitzere Zielgruppen richten …

Ja, weil wir herausgefunden haben, dass wir gerade für diese Publisher eine gute Plattform sind, um neue Zielgruppen zu erreichen. Für Blogs – übrigens jeder Größe – ist Flipboard eine gute Möglichkeit, Reichweite zu generieren und eine feine Granulierung der Stichworte zu erzielen. Da haben wir beispielsweise nicht nur Fotografie als Thema, sondern auch bestimmte Kameratypen und -hersteller, etwa wenn ich mich speziell für Leica interessiere oder Landschaftsfotografie oder HDR. Diese feine Granulierung an Stichworten funktioniert auch und insbesondere in Zukunft aufgrund der Einbeziehung von AI-Algorithmen.

t3n.de: Lass uns mal einen Blick in die Zukunft wagen: Wie werden wir in drei oder fünf Jahren News rezipieren? Welche Trends seht ihr?

(Bild: Flipboard)

Also auf jeden Fall werden die mobilen Geräte noch wichtiger werden, wenn es um das Lesen von Inhalten geht. Das betrifft sowohl Smartphones als auch Tablets, weil die sich aufgrund des größeren Bildschirmes gut dazu eignen, Inhalte abzubilden. Wir sehen die üblichen Nutzungstrends: Tagsüber lesen viele Leute am Büro-PC ihre News, während das Tablet ein Feierabend- und vor allem Wochenend-Gerät ist.

Und so wie wir geschriebene Inhalte verarbeiten, können wir das auch bei Audio- und Video-Content, gerade bei kürzeren Formaten. Wir haben damit begonnen, Podcasts zu kuratieren und zu verarbeiten. Ein Thema, das in Zukunft wichtiger für uns bei Flipboard wird, ist Curating-Commerce, also Inhalte, die den Leser interessieren könnten, aufzubereiten und auffindbar zu machen. Dahinter steht ein Affiliate-Modell, das für uns ein interessantes Erlösmodell abseits klassischer Werbung sein kann. Also beispielsweise zusätzlich zu den Inhalten über Fotografie auch das passende Equipment zu empfehlen oder empfehlen zu lassen. All things curated … und zusammen mit den KI-Algorithmen ergibt das für uns ein rundes Gesamtpaket.

t3n.de: Sind die deutschen Verleger schon reif für sowas?

Ich habe den Eindruck, dass viele das schon sehr gerne für sich nutzen wollen, weil sie auf der Suche nach stimmigen Erlösmodellen sind, gerade angesichts bestimmter Einschränkungen in der Werbung und der Reichweite von Werbung. Und wir werden als Traffic-Lieferant abseits von Google und Facebook sehr wohl wahrgenommen von den Verlagen. Aber da ist noch ein anderer Punkt: Es gibt eine Vielzahl von Premium-Marken und werbenden Unternehmen. Die Industrie und die Media-Agenturen sehen uns als hochwertiges und zuverlässiges Werbeumfeld – anders als in anderen Bereichen, wo sie nicht sicher sein können, dass sie auch in einem Qualitätsumfeld stattfinden.

t3n.de: Wie bewertet ihr die Entwicklungen rund um Facebook und Cambridge Analytica? Führt das zu einem Wechsel in der Wahrnehmung der Leute und in der Bereitschaft, Inhalte zu teilen?

Das ist eine gesunde Debatte, die für uns in vielerlei Hinsicht hilfreich war. Die Nutzer haben jetzt verstanden, dass ihre Vorlieben und Informationen, die sie teilen, gegen sie verwendet werden können. Das ist ein schwerwiegendes Problem und es ist wichtig, dass Nutzer ihre Datenhoheit wieder erlangen. Gerade das Newsgeschäft ist eine Vertrauenssache und Flipboard war immer extrem zurückhaltend und vorsichtig im Hinblick auf Privatsphäre der Nutzer. Wir wenden die DSGVO-Richtlinien bereits weltweit als Standard an – und zusammen mit der Diskussion rund um Fake News und die Facebook-Abhängigkeit, die gerade in den USA ein Thema ist, hat uns diese Debatte sicher mehr genutzt.

t3n.de: Das Internet-Business ist gefährlich kurzlebig – es kann auch jemand machen, der einen Browser rausbringt oder ein mobiles Betriebssystem, sprich: die Googles, Apples, Facebooks dieser Welt. Habt ihr nicht Angst, überflüssig zu werden, wenn einer der „Großen“ kommt?

Es gibt ja bereits heute ein paar Mitbewerber, die content-getriebene Produkte hatten oder haben: Apple hat Apple News, Google hatte den Google-News-Stand, Facebook hatte Paper, Yahoo und einige weitere Player hatten auch Produkte in diesem Umfeld. Aber für uns ist das nie wichtig gewesen: Wir jagen die Mitbewerber nicht, wir lassen uns nicht jagen, wir kümmern uns nicht um sie. Worum wir uns aber kümmern, sind unsere Nutzer und unsere Partner. Wenn wir diese zwei Gruppen Tag für Tag aufs Neue überzeugen können, dann werden wir weiter erfolgreich sein – das ist es, was zählt. Der Werbemarkt ist 600 Milliarden US-Dollar schwer und nur 200 Milliarden davon sind im Online-Bereich angekommen. Wir stehen also noch ganz am Anfang und es ist genug für alle da.

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