Interview

„Wir brauchen ein deutsches Stanford“ – Florian Nöll über Gründerunis

(Foto: Bundesverband Deutsche Startups)

Deutschland braucht mehr Hightech-Gründungen, erklärt Florian Nöll im t3n-Interview. Aber wo bekommen Studierende das beste Rüstzeug für eine spätere Unternehmensgründung?

Die überragende Mehrheit der Gründerszene hierzulande hat einen Uniabschluss. „Hochschulen schaffen Startup-Gründungen“, heißt es beispielsweise im Deutschen Startup Monitor 2019. „Über 81 Prozent der untersuchten Startups wurden von Akademikerinnen und Akademikern gegründet.“ Auffällig ist, dass einige Bildungseinrichtungen besonders häufig in der Vita junger Unternehmergenerationen auftauchen. Auch Florian Nöll hat eine dieser Gründerschmieden besucht. Ihr gegenüber hegt er gemischte Gefühle. Als ehemaliges Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Deutscher Startups weiß er, was eine Universität zu einer erfolgreichen Gründeruniversität macht. Er ist sich sicher, dass hierzulande sowohl strukturell als auch konzeptionell noch viel passieren muss, um extrem hochwertigen Talentschmieden den Weg zu ebnen. Ein Gespräch über den Status quo und die aktuellen Herausforderungen des deutschen Universitätssystems.

Florian Nöll über Gründerunis: „Es muss eine deutsche Uni geben, die Weltklasse ist“

Studenten der Technischen Universität München. Sie zählt zu den besten Gründerunis in Deutschland (Foto: dpa)

t3n: Florian, du hast an der Freien Universität Berlin studiert, die als eine der Top-Gründerunis in Deutschland gilt. Wie erheblich war ihr Einfluss auf deine Karriere? 

Florian Nöll: „Stellen Sie sich vor, sie besitzen ein Stahlwerk“ – mit diesen Worten hat mein Professor in Finanzierung damals seine Erstsemestervorlesung eröffnet und damit auch in gewisser Weise das Ende meines Studiums an der FU eingeleitet. Ich war bereits seit meiner Schulzeit unternehmerisch aktiv in Vorbereitung meiner ersten Startup-Gründung. Ein Stahlwerk wollte ich nie besitzen. Aber die FU hatte auch positiven Einfluss. Ich habe damals meine Zeit in den Veranstaltungen von Professor Faltin verbracht und viel über Entrepreneurship und mich selbst gelernt. Für das BWL-Diplom hatte das zwar keine Relevanz. Aber das war nach der Sache mit dem Stahlwerk auch egal.

t3n: Günther Faltin ist inzwischen an der Universität Chiang Mai. Was ist von seiner Lehre im Arbeitsbereich Entrepreneurship an der FU geblieben? 

Faltin ist mit seiner Stiftung und dem Entrepreneurship Summit bis heute an der FU präsent. An der Uni war ich jedoch sehr lange nicht mehr, sodass ich die Frage konkreter gar nicht beantworten kann. Den Grundstein für ihr Renommee hat aber sicher er gelegt.

t3n: Was machen die sogenannten Gründerunis besser als andere, wenn es um Unternehmertum geht?

Nach meiner Überzeugung ist Freiraum der Schlüssel zum Erfolg. Das enge Korsett der Hochschulverwaltung nimmt der Gründungsförderung häufig die notwendige Freiheit. Das beginnt schon bei der Personalauswahl. Es braucht Unternehmer und Unternehmerinnen oder mindestens sehr unternehmerische Typen für die Gründungsförderung innerhalb der Hochschulen. Diese Menschen sind in der Regel nicht die besten Bürokraten. Und dann braucht es natürlich diese Faltins. Hochschullehrer, die für Unternehmertum brennen.

t3n: Wie lässt sich so ein Feuer der Professoren und Professorinnen denn entfachen?

Ein erster Schritt wäre die Schaffung von echten Anreizen. In der Leistungsbeurteilung von Hochschullehrern muss eine Ausgründung den gleichen Wert haben wie eine Publikation. Wer seine besten Absolventen zu Gründern macht, muss dafür belohnt werden.

t3n: Das klingt nach einem für deutsche Verhältnisse radikalen System-Update: Wie kommt diese Position in der Professorenszene an?

Ein bisschen schöpferische Zerstörung tut den Hochschulen sicher gut. Ich gehe davon aus, dass einige wenige Hochschulen vorweg gehen werden und in Berufungsverfahren die Ausgründungsaktivitäten berücksichtigen. Im Zweifel jene Unis, die heute schon erfolgreiche Gründungsförderung betreiben. Die werden zwangsläufig auch die besten Gründungsprofs anziehen. Für die Professorinnen und Professoren, die das nicht wollen, bleiben aber sicher noch genug Elfenbeintürme stehen.

t3n: Teure Privatuniversitäten haben oft einen besseren Ruf als staatliche. Ist das gerechtfertigt?

Subjektiv betrachtet ist mein Eindruck der, dass Privatunis ihre Alumni-Netzwerke besser pflegen. Und aus manch einem Alumni-Netzwerk ist in den letzten 15 Jahren ein Investorennetzwerk geworden. Gleichzeitig haben einige wenige staatliche Unis, insbesondere einige Technische Universitäten, in den letzten Jahren sehr große Schritte gemacht. Das halte ich für extrem wichtig, weil nur hier Hightech-Startups entstehen können. Ohne dass ich den Erfolg der Internetgründergeneration schmälern will. Deutschland braucht mehr Hightech-Gründungen.

t3n: Von welchen Technologien sprichst du konkret? Und welche Unis machen da einen besonderen Job?

An der TU München ist mit „Unternehmertum“ – dem Zentrum für Innovation und Gründung der Uni – ein vorbildhafter Leuchtturm entstanden. Auch die RWTH Aachen macht einen sehr guten Job, in Berlin nehme ich die TU besonders war. Das Ergebnis sind beeindruckende Gründungen in der Luft- und Raumfahrt oder auch der Elektromobilität.

t3n: Eines der zukunftsträchtigsten Hightech-Themenfelder ist die künstliche Intelligenz. Vor allem China ist da Innovationstreiber. Der Staat investiert horrende Summen in Forschungsstätten sowie die Wirtschaftsförderung. Wird Deutschland hier abgehängt?

Wenn in der Wissenschaft wie im Fußball das Geld die Tore schießt, sind wir in Deutschland tatsächlich chancenlos. Meine Hoffnung ist, dass die Industrie auf Basis der durchaus guten Grundlagenforschung in Deutschland dagegen halten kann.

„Ein bisschen schöpferische Zerstörung tut den Hochschulen sicher gut.“

Können deutsche Gründeruniversitäten im internationalen Vergleich mithalten?

Ja, ich glaube, das ist möglich. Aber es braucht privates Kapital und unternehmerische Strukturen. Universitäten müssen in der Lage sein, den Schritt von einem Forschungsergebnis zur Marktreife selbst zu finanzieren. Die deutsche Investorenlandschaft ist noch nicht stark genug, um systematisch kapitalintensive Gründungen mit langem Time-to-Market zu finanzieren. Wenn eine Uni von ihren Absolventen und Absolventinnen überzeugt ist, muss sie deren Finanzierung organisieren. Und sich natürlich auch an den Ausgründungen beteiligen können.

t3n: Unis sollen nicht nur ausbilden, sondern auch zu Risikokapitalgeber werden?

Sie müssen sogar. Einerseits, um das beschriebene Marktversagen zu kompensieren. Aber ebenso, um an den Erfolgen zu partizipieren, die sie hervorbringen. Nur so können die Gründungsförderungen unabhängig vom Geld der Hochschulen und von Fördermitteln werden.

t3n: Gibt es da Vorbilder? 

Ja, sogar in Deutschland. In München bei Unternehmertum-Zentrum oder studentisch organisiert am Karlsruher Institut für Technologie. Der Fonds heißt First Momentum Ventures. Vorbild waren die US-amerikanischen Dorm Room Funds.

t3n: Wie genau läuft das ab?

First Momentum investiert 20.000 bis 100.000 Euro Pre-Seed in Hochschulausgründungen. Das Geld im Fonds kommt von der baden-württembergischen Förderbank L-Bank und privaten Investoren.

t3n: Was muss sich noch flächendeckend in der Universitätslandschaft etablieren, damit der Gründerstandort Deutschland profitiert?

Natürlich brauchen wir an jeder Uni einen Entrepreneurship-Lehrstuhl, der interdisziplinär agiert. Was wir aber zuallererst brauchen, ist ein deutsches Stanford. Es muss eine deutsche Uni geben, die Weltklasse ist.

t3n: Du hast nun schon viele Gründerunis hierzulande genannt: Welche davon würdest du angehenden Studierenden besonders empfehlen? Bleibst du als Alumni der FU Berlin treu oder glaubst du, andere Einrichtungen haben ein besseres Programm?

Wer heute sein Studium beginnt, hat eine echte Auswahl und nicht zuletzt durch den Deutschen Startup Monitor und viele andere Quellen auch ordentlich Transparenz. Insbesondere zukünftige Ingenieure mit Gründungsabsichten sind an den Technischen Universitäten in München, Berlin, Aachen und dem KIT wahrscheinlich sehr gut aufgehoben. Für BWL-Studenten und -Studentinnen sind die WHU und HHL eine womöglich lohnenswerte Überlegung. Doch bei allem Patriotismus: Ein paar Semester in Stanford bleiben für alle angehenden Unternehmer und Unternehmerinnen ein Highlight.

t3n: Fachlich gesehen oder eher bezüglich der Charakterbildung? 

Sowohl als auch. Weil es ein innovativer Campus ist und das Motto der Uni allen Gründern und Gründerinnen den Weg weist: „Die Luft der Freiheit weht.“

t3n: Danke für deine Zeit.

Top-10 der deutschen Gründerunis
Platz zehn: WHU Otto Beisheim School of Management. Laut Startup-Monitor 2018 haben 1,3 Prozent der 3.700 befragten Gründer ihren Abschluss dort gemacht. (Foto: dpa)

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