Ratgeber

Kein Urlaub? So finden Freiberufler Erholung im Alltag

Gerade Freiberufler müssen sich im Alltag regenieren, um leistungsfähig zu bleiben. (Foto: GaudiLab/Shutterstock)

Der ungestörte Feierabend oder die Nicht-Erreichbarkeit im Urlaub sind für Angestellte dank des Siegeszugs der „Work-Life-Balance“ fast zur Normalität geworden. Das bietet Arbeitnehmern Raum für Erholung. Selbstständige hingegen wagen oft gar nicht, an Urlaub zu denken. Sie brauchen eine Alternative.

Schon wieder hast du bis spät in die Nacht am Angebot gesessen. Du brauchst eine Pause. Sagen auch deine Freunde. Und mit deiner Familie hast du schon seit einer Ewigkeit nichts mehr unternommen. Der Job frisst dich auf. Aber Urlaub? Daran ist im Moment nicht zu denken …

Gefährliche Auszeit

„Bei Freiberuflern ist Nichterreichbarkeit ganz besonders verknüpft mit existentiellen Befürchtungen“, so Business-Coach Bernhard Juchniewicz. „Die Folge: Sie meinen, sich keine Auszeit erlauben zu können.“ Aus dem ständigen Standby-Modus, in dem Selbständige sich befinden, resultiere schnell eine besondere Form der Arbeitssucht. In die Karten spiele dem sogenannten Workaholismus, dass Selbständige in der Regel keine klare Trennung zwischen Arbeitszeit und Freizeit hätten. Da wird am Wochenende die Ablage gemacht, schon mal das nächste Angebot kalkuliert oder es werden die Social-Media-Kanäle gepflegt. Ihre Arbeitswoche hat so nicht selten 60 Stunden. „Freiberufler glauben, unabkömmlich im Job zu sein“, so Juchniewicz. „Eine Umstellung auf Erholung fällt ihnen enorm schwer.“

Braucht es erst eine Krise?

Dabei stehen Freiberufler sich in der Regel selbst im Weg. Anstatt als „eigener Chef“ das individuelle Arbeitsleben verantwortungsbewusst zu gestalten – und zwar so, dass das persönliche Wohlbefinden nicht zu kurz kommt –, seien Selbständige in vielen Fällen auch ihre stärksten Antreiber. Familie und Freizeit kämen gerade in den ersten Jahren der Selbständigkeit in der Regel zu kurz. „Die Qualität der persönlichen Arbeitswelt wird erst hinterfragt, wenn bereits negative Auswirkungen, wie beispielsweise eine Krise der Beziehung oder gesundheitliche Probleme, zu spüren sind“, so Juchniewicz. Wer glaubt, er habe ein gutes Zeitmanagement, weil er viel schaffe, habe noch lange kein gutes Zeitmanagement. „Selbstständige brauchen Erholung“, so Juchniewicz. Also Urlaub verordnen? Klar, es gibt viele gute Gründe, die dafür sprechen, sich eine Auszeit vom Job zu gönnen und wegzufahren, Abstand vom Alltag zu gewinnen und ganz unbeschwert neue Eindrücke zu genießen. „Aber um wirklich langfristig leistungsfähig zu bleiben, müssen gerade Höchstleistende wie Selbständige und Freiberufler lernen, sich auch außerhalb des Urlaubs zu regenerieren“, so der Business-Coach.

Entspannung und Ausgleich

Gerade, wenn ein Urlaub schwer einzurichten ist, sei Erholung im Alltag entscheidend. Claudia Schuh, Inhaberin der Kommunikationsberatung zapato42, entspannt beim Kochen: „Meditatives Gemüseschneiden und das gute Gefühl, etwas Sicht- und Schmeckbares, also etwas Sinnliches geleistet zu haben, das ist ein schöner Ausgleich zur Kopfarbeit.“ Damit Arbeit und Privates nicht verschwimmt, hat sich die Beraterin eine klare Trennung verordnet. Ihr tue es gut, zu Hause nur in Ausnahmefällen zu arbeiten. „Mein Zuhause ist ein klarer Rückzugsort ins Private für mich“, so Schuh. „Wenn ich unterwegs bin, nehme ich mir bewusst Zeitinseln für die Arbeit.“

Freiheit schafft Gegengewicht

IT-Führungskräfte-Coach und Herausgeber des Leben-Führen-Podcast, Olaf Kapinski, arbeitet und entspannt, wenn es passt. „Es kann passieren, dass ich um sechs Uhr anfange und um 21 Uhr aufhöre, dazwischen aber eine Stunde mit dem Hund laufe und zwei Stunden Mittagspause mache, inklusive Nickerchen“. Er zwinge sich ausschließlich zu Bürozeiten, wenn es um die Buchhaltung gehe. „Der Rest fließt.“ Viele Freiberufler sehen gerade in dieser persönlichen Freiheit – der Freiheit zu arbeiten, wann und wo man will – ein großes Gegengewicht zur oftmals extrem großen Belastung. „Ich fühle, dass ich mit weniger Regeneration klarkomme, weil mich der Tag weit weniger schlaucht“, so Kapinski.

Psychohygiene hilft

Business-Coach Bernhard Juchniewicz empfiehlt insbesondere vier Dinge, mit denen gerade Selbstständige und Freiberufler Erholung im Alltag finden:

  1. Meditiere. Eine tägliche Meditation hilft, die Gedanken zu beruhigen und sich innere Klarheit und Tiefenentspannung zu verschaffen.
  2. Bleibe bei der Sache. Verzichte auf Multitasking und sei stattdessen vollständig sinnesspezifisch anwesend bei dem, was du gerade tust. Das gilt auch für die Zeit, die du mit Partner und Familie verbringst. Sinnesspezifische Anwesenheit ist ein essentieller Bestandteil der persönlichen Psychohygiene.
  3. Schlafe. Eine bewährte Methode für den Erhalt der täglichen Leistungsfähigkeit ist das Power-Napping – eine kurze Auszeit durch Schlafen am Tag. Studien haben nachgewiesen, dass die Leistungsfähigkeit des Gehirns nach Anwendung dieser Methode ansteigt.
  4. Erkenne deine Stressoren. In Zusammenarbeit mit einem professionellen Coach kannst du deine ganz persönlichen Stressoren identifizieren und aufarbeiten. Dauerstress schadet nicht nur Herz und Kreislauf, sondern macht sogar vergesslich und unkreativ. Dauerstress verhindert, dass du neue Eindrücke aufnehmen und verarbeiten kannst. Für einen Unternehmer, der selbst sein wertvollstes Kapital ist, unverantwortlich.

Und wenn dann der wohlverdiente Urlaub wirklich in die Tat umgesetzt wird, kannst du ihn dank der erlernten Verhaltensweisen rundum genießen.

Mehr zum Thema: Arbeiten trotz Urlaub: 70 Prozent der Berufstätigen sind für den Chef erreichbar

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