Kommentar

Lebensmittel aus dem Netz – eine historische Chance vertan

Das Geschäft mit Lebensmittel-Lieferungen kommt in Deutschland trotz Corona nur mäßig in Schwung. (Foto: aluxum – Shutterstock)

Die Coronakrise hätte ein Boom für Lebensmittel-Lieferdienste werden können, die gefühlt seit Jahren kurz davor stehen, das nächste große Ding im Handel zu werden.

Für den gesamten Handel, online wie offline, waren die letzten Wochen herausfordernd, chancenreich, anstrengend – je nach Sichtweise und Produktsortiment. Bemerkenswerterweise haben selbst Händler und Geschäfte in der Provinz, die bislang so gar nichts Digitales hatten, die Chancen des Internets für sich erkannt und genutzt – oftmals auf wirklich kreative Art und Weise. Doch eine Branche, der seit Jahren ein immenses Wachstumspotenzial vorausgesagt wird, hat dagegen einmal mehr eine Gelegenheit verpasst: der Online-Lebensmittelhandel.

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Während sich Amazon zum Unmut vieler Marketplace-Händler kurzfristig sogar mit gebündelten Kräften auf bestimmte in der Krise besonders gefragte Produkte fokussiert hat und während die Paketdienste so ziemlich alles auf die Straße gebracht haben, was fahren und ausliefern kann, haben die Online-Lebensmittelhändler die historische Chance zumindest bisher kaum genutzt. Es hätte so viele Spielarten gegeben – vom ausgewachsenen Lieferservice mit Webshop und App, der natürlich personalintensiv ist, über standardisierte Versorgungspakete mit den gefragtesten Produkten, die der Kunde laut der sicherlich reichlich vorhandenen Daten der Händler in der Filiale kaufen würde, bis hin zu Click-&-Collect-Lösungen, die erst jetzt so langsam von einzelnen Franchise-Partnern umgesetzt werden.

Lebensmittel liefern: Interessenten gäbe es genügend

Selbst jetzt, wo sich zumindest in Sachen Konsumgüter-Warengruppen und Einkauf der gängigen Produkte vieles wieder normalisiert hat, können einige Lieferdienste noch auf Wochen hinaus keine freien Lieferslots bereitstellen. Warum das so ist, erklärt ein Franchisepartner einer großen Handelskette mit der Tatsache, dass das Geschäft auch so gut laufe. Expansion und Marktanteile gewinnen? Das sei kein Thema für die Krise. Anders sieht die Situation im Ausland aus. Auch hier gab’s zeitweise Engpässe bei Lieferterminen, aber die Ressourcen der Lieferdienste wurden kontinuierlich erhöht, das Personal aufgestockt und insbesondere in den USA werden zahlreiche Neukunden gewonnen.

Dabei kaufen laut einer Bitkom-Studie seit Ausbruch der Coronakrise auch hierzulande mehr Leute bei Onlinesupermärkten wie Rewe oder Bringmeister ein – der Anteil hat sich von 7 auf 19 Prozent fast verdreifacht bei denen, die das zumindest ein Mal genutzt haben. Und auch Plattformen für regionale landwirtschaftliche Produkte erleben eine erhöhte Nachfrage, während Supermärkte und Discounter zumindest der Umfrage zufolge einige Kunden meiden. „Viele Menschen, die jetzt umgestiegen sind, können die Vorteile des Online-Einkaufs jetzt unmittelbar erleben und werden sich daran auch langfristig gewöhnen“, glaubt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder. Doch der Handel könnte noch mehr Kunden „bekehren“, wenn er es denn nur wollte.

Das Preisargument fällt endlich einmal weg

Es hätte etwa Ansätze geben können, den Kunden eine Liefer-Flatrate anzubieten, ähnlich wie diese beispielsweise in Frankreich oder Großbritannien seit Jahren erfolgreich funktioniert, denn immerhin zwei Drittel der deutschen Verbraucher fühlen sich unbehaglich, wenn sie im stationären Supermarkt einkaufen. Und drei von vier Kunden (74 Prozent) beklagen, es würden sich zu viele Menschen nicht an die gebotenen Abstands- und Hygieneregeln halten. Und gerade dieser letzte Umstand wäre für viele Kunden ein Grund gewesen, das ansonsten gerne genutzte Argument, die Kunden seien in Deutschland nicht bereit, für zusätzlichen Service zu zahlen, ad acta zu legen. Es ist angesichts der gestiegenen Nachfrage sogar verständlich, dass Lieferdienste derzeit gar nicht erst werben. Es ist aber nicht einsehbar, warum sie ihr Geschäft, das boomen könnte, nicht mit entsprechenden externen Lieferanten forcieren und den Kunden attraktive Angebote auf Basis von Mitgliedschaften machen.

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2 Kommentare
Oliver Braun
Oliver Braun

Statusbericht für Berlin-Wilmersdorf: Seit Ostern (Ostersonntag) gibt es bei Rewe wieder reichlich freie Slots, auch noch kurzfristig. Eine Woche später dann das gleiche bei Amazon Fresh.

Vorher gab es teilweise auf drei oder vier Wochen nur vereinzelte, plötzlich auftauchende Slots bei den beiden, aber das hat sich damals ganz schlagartig wieder gebessert.

Antworten
Peer Tenpin
Peer Tenpin

Lieferflatrate ist Mist und verteuert die Produkte.
Die Leute fangen dann an, sich jede Banane einzeln zu bestellen
Auch Logistik hat ihren Preis.

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