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Fehlende Tech-Titanen – McKinsey bemängelt den deutschen Gründergeist

Warum gibt es in Deutschland nur einen Tech-Titanen? McKinsey versucht sich an einer Erklärung und bemängelt einen oft fehlenden technischen Bildungshintergrund und Skeptizismus gegenüber Gründern.

Von Ekki Kern
4 Min. Lesezeit

SAP ist der einzige deutsche Tech-Titan. Warum ist das so? (Bild: DPA)

Tatsächlich könne bislang nur ein deutsches Unternehmen den Titel „Tech-Titan“ für sich beanspruchen, schreibt das Beratungsunternehmen McKinsey im Vorwort seiner Studie „Tech-Titanen made in Germany“: der Software-Hersteller SAP.

Doch warum gibt es in Deutschland nicht mehr solche extrem wertvollen Unternehmen, fragen sich die Autoren des Reports. Und welche Faktoren wären entscheidend, um in Deutschland Tech-Titanen entstehen zu lassen? Immerhin, eines steht für McKinsey offenbar schon jetzt fest: Der Mangel an deutschen Technologie-Giganten berge „erhebliche Risiken für den Wirtschaftsstandort Deutschland“.

Zur Erklärung: Als Tech-Titanen gelten Technologie-Unternehmen mit einem Börsenwert von mehr als 100 Milliarden US-Dollar. Dazu zählen etwa Google, Apple, Facebook oder Amazon – und in Deutschland eben SAP. Diese Konzerne sind zu einem zentralen Motor der globalen Wirtschaft und Gesellschaft geworden. Tech-Titanen würden „die Arbeitsplätze von morgen“ schaffen, heißt es bei McKinsey, sie würden hochkarätige Talente ausbilden und Zukunftstechnologien wie künstliche Intelligenz oder das Internet der Dinge vorantreiben.

Mittlerweile würden diese Konzerne 38 Prozent des Marktwerts der Top-50-Unternehmen weltweit stellen, geht aus dem Report hervor. Vor 20 Jahren habe ihr Anteil noch bei acht Prozent gelegen.

So (schlecht) ist Deutschland aufgestellt

„Rund 20 Milliarden Dollar zusätzliche Investitionen sind erforderlich, um auf ein mit den USA vergleichbares Pro-Kopf-Niveau zu kommen.“

Immerhin: Neben SAP als einzigem Titanen gebe es hierzulande drei technologische sogenannte Decacorns, also Unternehmen mit mehr als zehn Milliarden Dollar Börsenwert, und zehn Unicorns, die mehr als eine Milliarde Dollar wert sind. Zum Vergleich: Die USA haben elf Titanen, 52 Decacorns und 184 Unicorns, China zwei Titanen, 23 Decacorns und 173 Unicorns.

Begrifferklärung (Grafik: McKinsey)

Begrifferklärung. (Grafik: McKinsey)

Unbestritten scheint, dass aufstrebende Technologieunternehmen einen geeigneten Nährboden brauchen, um sich entfalten zu können. Benötigt werde laut Studie ein „sich selbst verstärkendes Ökosystem“ aus drei Schlüsselfaktoren: Talent, also hochkarätige Tech-Gründer und Mitarbeiter, Kapital, um Wachstum zu finanzieren, sowie günstige Marktbedingungen, um ein optimales Umfeld zu schaffen.

In Deutschland, heißt es, würden zur Zeit rund drei Milliarden Dollar Wagniskapital jährlich investiert, in den USA dagegen ungefähr 85 Milliarden. Damit stehe aufstrebenden Tech-Unternehmen hierzulande – pro Kopf gerechnet – nur ein Achtel des Wagniskapitals im Vergleich zu US-Gründungen zur Verfügung.

Technologieunternehmen mit einer Bewertung von > 1 Mrd. USD (Grafik: McKinsey)

Technologieunternehmen mit einer Bewertung von mehr als einer Milliarde US-Dollar. (Grafik: McKinsey)

Starkes Tech-Ökosystem fehlt

Um das Kapital zu erhöhen, würde schlicht mehr Wagniskapital aus dem In- und Ausland benötigt, schreiben die Studienautoren. „Rund 20 Milliarden Dollar zusätzliche Investitionen sind erforderlich, um auf ein mit den USA vergleichbares Pro-Kopf-Niveau zu kommen“, sagt Adam Bird, Seniorpartner im Münchener Büro von McKinsey und Autor der Studie.

Durch verbesserte Beziehungen und finanzielle Anreize könnten hiesige und ausländische Venture-Capital-Fonds motiviert werden, vermehrt in deutsche Tech-Startups zu investieren. Beschleunigen ließe sich der Kapitalzufluss durch die Gründung eines staatlich geförderten deutschen Fonds, der jungen Technologieunternehmen direkt oder indirekt Kapital bereitstellt und damit zugleich die Bildung eines starken Tech-Ökosystems vorantreibt.

Anteil der Tech-Titanen an der Marktkapitalisierung der Top-50-Unternehmen, 1998 und 2018a in Prozent (global und länderspezifisch) (Grafik: McKinsey)

Anteil der Tech-Titanen an der Marktkapitalisierung der Top-50-Unternehmen, 1998 und 2018 in Prozent (global und länderspezifisch). (Grafik: McKinsey)

Hinzu komme ein notwendiger Abbau regulatorischer Hürden, die Deutschland für Risikokapitalgeber unattraktiver machen, schätzen die Studienautoren die Lage ein. Deutschland sei zum Beispiel eines der wenigen Länder, dass eine Umsatzsteuer auf Fondsverwaltungsgebühren erhebt.

Gründergeist „weniger ausgeprägt“

Zwar besitze das Land eine „starke technologische Innovationskraft“. Und es gebe international führende technische Hochschulen. Allerdings sei im internationalen Vergleich der Gründergeist „weniger ausgeprägt“, sagt Adam Bird. Laut Global Entrepreneurship Monitor Report von 2017 haben nur fünf Prozent aller deutschen Erwachsenen mindestens ein Unternehmen gegründet, in den USA sind es hingegen 14 Prozent, und in China zehn Prozent. Bei Uni-Absolventen liegt die Gründungsquote mit zwei Prozent noch niedriger.

Ausbildung von Gründern globaler Tech-Titanen gegenüber deutschen Unternehmen > 1 Mrd. EUR, 2017 (Grafik: McKinsey)

Ausbildung von Gründern globaler Tech-Titanen gegenüber deutschen Unternehmen > 1 Mrd. EUR, 2017. (Grafik: McKinsey)

Und noch ein weiterer Unterschied falle auf: Während im Jahr 2017 weltweit 70 Prozent aller Gründer von Tech-Titanen Ingenieurwissenschaften oder Informatik studiert haben, hatten 70 Prozent der Gründer aller deutschen Unicorns und Decacorns keinen technischen Bildungshintergrund.

„Deutsche skeptisch gegenüber Gründern“

Ohnehin seien die Deutschen im internationalen Vergleich „besonders skeptisch gegenüber Gründern“, will McKinsey herausgefunden haben. So würden hierzulande nur 51 Prozent glauben, dass Unternehmer eine gute Berufswahl ist. In China und den USA seien es mehr als 60 Prozent, und auch in Großbritannien, Schweden und Frankreich sei der Anteil höher als in Deutschland.

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4 Kommentare
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Samuel Speitelsbach
Samuel Speitelsbach

1: Was den Deutschen fehlt ist Nationalstolz. Stattdessen ärgern sie sich mit englischen Programmiersprachen herum.

2: Das Kartellamt sollte gegen die Großen Lobbyisten einschreiten, statt sie als angeblichen Motor zu verherrlichen!

Antworten
Titus von Unhold
Titus von Unhold

Was hat Nationalstolz mit Programmiersprachen zu tun? Und wo bezeichnet das Bundeskartellamt GAFAM als Motor? Belege bitte!

Antworten
anon
anon

Es wird einem in Deutschland auch nicht wirklich leicht gemacht etwas aufzubauen… Wenn wirklich Bedarf besteht, dann sollten die Gesetze angepasst werden, sodass auch kleine Startups und kluge Köpfe was auf die Beine stellen können, ohne zusammenzubrechen wegen der Deutschen Bürokratie. So oder so, die Leute werden wahrscheinlich lieber versuchen im Ausland erfolgreich zu werden.

Antworten
Titus von Unhold
Titus von Unhold

Das bisschen Bürokratie ist doch ein Witz.

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