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Moonshots: Was komplett überzogene Ziele für dein Unternehmen tun

Moonshots: Scheinbar unlösbare Probleme zu lösen, ist die Motivation. (Foto: Shutterstock- taffpixture)

Scheinbar unlösbare Probleme zu lösen, ist die Motivation hinter Moonshots. In der Folge können sich hohe Umsatzquellen ergeben. Eine inhaltliche Auseinandersetzung ist dabei wichtig.

Wenn Svenja Lehmann – der wir in diesem Artikel einen anderen Namen gegeben haben – über ihren alten Chef spricht, dann nicht besonders gut. „Wir bekamen Zielvorgaben, die unerreichbar waren“, erzählt die Vertriebsangestellte. Lehmann und ihre Kollegen sollten den Umsatz um ein Vielfaches erhöhen. „Plötzlich hieß es, im kommenden Jahr wollen wir verdreifachen.“ Das Ziel des Unternehmens: ein regelrechter Moonshot. Einzig und allein, die Ressourcen blieben gleich, Prozesse veränderten sich kaum. Das überhöhte Ziel, so die Berlinerin, war nicht nur nicht zu erreichen, es demotivierte das Team auch und sorgte für Stress.

Moonshots lösen Probleme und schaffen so Umsatz

Kennedys Raumfahrtprogramm als Vorbild für Moonshots. (Foto: Shutterstock-Digital Images Studio)

Dabei sind Moonshots keineswegs falsch. Überhöhte Ziele können, wenn sie richtig angepackt werden, für enorm hohe Erträge sorgen. Der Begriff selbst geht auf John F. Kennedy und seine 1961 veröffentlichte Erwartung an das US-Raumfahrtprojekt zurück. Er wollte binnen zehn Jahren einen Mann auf dem Mond landen lassen. 1969 betrat Neil Armstrong dann auch als erster Mensch den Erdtrabanten. Unternehmen wie Google haben den Begriff später für eigene Projekte der Forschungsabteilung X übernommen. Google Glass, selbstfahrende Autos, Lasten tragende Roboter oder Project Titan – sie alle gelten als Moonshots.

Sie erfordern jedoch eine über den Tellerrand blickende Auseinandersetzung mit den Prozessen und Ressourcen. So wie Kennedy für die Erreichung seines Ziels völlig neue Voraussetzungen geschaffen hat, so müssen auch Unternehmen überlegen: Was brauchen wir, um nicht nur ein zehn Prozent besseres Ergebnis zu erreichen, sondern eines, das gegebenenfalls zehn Mal so gut ist wie das bisherige? Es geht also nicht darum, die Effizienz zu steigern, sondern die Effektivität infrage zu stellen. Selbst wenn Svenja Lehmann und ihre Kollegen den Arbeitstag optimiert hätten: Ein so hochgestecktes Ziel wäre trotzdem kaum möglich gewesen.

„Eine zehnprozentige Steigerung ließe sich durch mehr Input bewerkstelligen. Eine Steigerung mal zehn nicht.“

„In unserer Interpretation ist der Moonshot ein Tool des mentalen Kontrastierens – man stellt sich ein so unrealistisch wirkendes Ergebnis vor, dass die reflexartig aufkommenden Lösungsansätze versagen“, erklärt auch OKR-Coach Marco Alberti. Das sogenannte „Objectives and Key Results“-Managementsystem hilft dabei, die Perspektive auf die richtigen Herausforderungen zu legen und die Konsequenzen daraus zu ziehen. „Eine zehnprozentige Steigerung ließe sich durch mehr Input bewerkstelligen. Eine Steigerung mal zehn nicht. Es geht darum, etwas anderes zu versuchen, statt mit Überstunden zu kompensieren.“

Das Besondere daran: Selbst, wenn ein Moonshot nicht hundertprozentig erreicht wird, alleine die Auseinandersetzung damit und das Denken außerhalb der Box kann schon ein Erfolg sein. Oder anders gesagt: Im besten Falle ist der Weg das Ziel. Es geht mehr um den Prozess als um das Ergebnis an sich. Selbst wenn nur 30 Prozent des Moonshots eingefahren werden würden, könne das häufig mehr bedeuten als eine obligatorische Zehn-Prozent-Steigerung, gibt Marco Alberti zu verstehen. Ursache und Wirkung zu hinterfragen, bedeutet auch, deutlich größere Hebel zu finden, um die Ziele zu erreichen. Davon profitiere jeder.

Richtig angewendet kann die Moonshot-Logik im Zusammenhang mit der Definition von OKR zu völlig neuen strategischen Überlegungen und nicht zuletzt sogar zu neuen Produkten und Services führen. So wie Google als einstiges Suchmaschinenunternehmen auf der Suche nach neuen hilfreichen Lösungen für Probleme der Menschheit abseits ausgetretener Pfade gesucht hat, hätte eventuell auch Svenja Lehmanns Chef von diesem Ansatz profitieren können. „Anstatt uns länger arbeiten zu lassen, hätte ein nutzwertiger Service den Umsatz vielleicht erhöht“, verrät sie. Zufriedener wären sie und ihre Mitarbeiter damit in jedem Fall gewesen.


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Dass Vorgesetzte diesen Weg so selten gehen wollen, hängt häufig mit konkreten Ängsten zusammen. Eine Frage, die damit einhergeht, lautet: Was wenn wir scheitern? „Ein allumfassender Erfolg ist natürlich nie planbar“, weiß auch Marco Alberti. „Glück und Pech gehören dazu.“ Wichtig ist jedoch immer, daraus Rückschlüsse und Synergien für das Unternehmen zu entwickeln. Als Google die Internetdrohne Titan 2016 aufgrund einiger Rückschläge auf Eis legte, wanderten die Fachkräfte in andere Moonshots wie etwa Wing – eine eigens entwickelte Drohne zur Paketzustellung, mit der auch Essen ausgeliefert werden soll.

Unternehmen profitieren in der Regel von Moonshots. Auf dem Rücken der Mitarbeiter sollten sie jedoch nicht ausgetragen werden. Sich hohe Ziele zu stecken, ist wichtig. Sie zu erreichen, heißt jedoch auch, sich Zeit zu nehmen und Methoden genau zu durchdenken, anstatt lediglich demotivierende Zielvereinbarungen durchzugeben, die Mitarbeiter im schlimmsten Fall verzweifeln lassen – und wie Svenja Lehmann zur Kündigung treiben. Nachhaltig ist das nicht: Wer ein erfolgreiches Unternehmen will, ist auf motivierte Fachkräfte angewiesen. Die Denkarbeit muss im Vorfeld passieren. Innovationshunger ist Voraussetzung.

Top-10 der deutschen Gründer-Unis
Platz zehn: WHU Otto Beisheim School of Management. Laut Startup-Monitor 2018 haben 1,3 Prozent der 3.700 befragten Gründer ihren Abschluss dort gemacht. (Foto: dpa)

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Ein Kommentar
Chris
Chris

Die Überschrift sollte dringend mal angepasst werden

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