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Interview

Mozilla-CIO Borchert: „Mein engster Mitarbeiter sitzt in Schweden im Wald“

Eine Deutsche ist Mozillas Innovationschefin: Die ehemalige Spiegel-Online-Geschäftsführerin Katharina Borchert. Im Interview erzählt sie, warum Mozilla Staub angesetzt hat – und was sich ändern soll.

Von Stephan Dörner
7 Min.
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Mozilla-CIO Katharina Borchert. (Foto: Mozilla)

Katharina Borchert wechselte als Geschäftsführerin von Spiegel Online zum Firefox-Macher Mozilla und ist dort als Chief Innovation Officer für die zukünftige Ausrichtung der Mozilla-Produkte zuständig. Im Interview berichtet sie über die Unterschiede zwischen Spiegel Online und Mozilla – und was der Open-Source-Browser aus ihrer Sicht dringend ändern sollte.

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t3n.de: Mozilla steckt ja nicht nur hinter dem Firefox-Browser, sondern ist auch ein Unternehmen, das Entwickler bezahlen muss. Dabei ist Mozilla bei den Einnahmen sehr abhängig von dem größten Browser-Konkurrenten Google, oder?

Katharina Borchert: Wir haben 2014 bewusst diversifiziert, zugunsten flexiblerer und länderspezifischer Partnerschaften. In Nordamerika ist seither Yahoo die Standardsuche, in Europa Google, Baidu in China und Yandex ist es in Russland, Weißrussland, Kasachstan, der Ukraine und der Türkei. De facto sind wir heute in einer finanziell deutlich stärkeren Situation bei gleichzeitig größerer Produktflexibilität. Die genauen Zahlen stehen immer in unserem Jahresbericht.

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„Wir können unmöglich mehr Leute einstellen als Google“

t3n.de: Und die Leute in den USA lassen Yahoo wirklich voreingestellt?

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Borchert: Viele bleiben dabei, andere wechseln. Die Wahl liegt aber weltweit immer beim Nutzer.

t3n.de: Und ihr verdient dann an jeder Suche?

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Borchert: Wir verdienen an jeder Suche mit der Suchmaschine, mit der wir eine entsprechende Partnerschaft haben. Als Beispiel eben mit Yahoo in den USA.

t3n.de: Und warum ist Mozilla in den USA von Google zu Yahoo gewechselt? Der Erfolg von Googles Browser Chrome dürfte Mozilla nicht gefallen, oder?

Borchert: Es ging uns vor allem darum zu diversifizieren, weltweit nicht nur einen Partner zu haben – aber auch um mehr Freiheit in der Produktgestaltung und darum, ein paar Dinge ausprobieren zu können. Aber natürlich wären wir glücklich, wenn wir einen deutlich größeren Marktanteil hätten, klar. Wir sind ja überzeugt von dem, was wir machen und deswegen kann uns das nicht gefallen.

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t3n.de: In Deutschland ist Firefox ja noch relativ verbreitet, in den USA stark zurückfallen gegenüber Chrome. Google hat natürlich mehr Geld für Entwicklung.

Borchert: Nicht nur für Entwicklung, auch für Marketing.

t3n.de: Das auch. Aber ist Chrome nicht auch einfach schneller?

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Borchert: Das ändert sich gerade wieder. Wir waren da zurückgefallen, aber Konkurrenz ist ja gesund, weil sie einen auf Zack hält. Durch die kontinuierliche Implementierung von Multi-Process-Firefox seit August dieses Jahres sind wir extrem viel schneller und besser geworden. Und wir haben unsere Entwicklungsprozesse umgestellt und arbeiten inzwischen auch an spannenden Erweiterungen und Neuerungen. Wir befinden uns weiterhin mitten in einem großen Optimierungs- und Innovationsprozess.

t3n.de: Aber ist es langfristig als Mozilla Corp überhaupt möglich, mit Google technisch mitzuhalten? Google wird immer mehr Geld für Entwickler haben. Sie werden immer die besten Programmierer am Markt bekommen – zumindest, wenn sich diese mit Geld locken lassen. Außerdem hat Google zusätzlich noch relativ viel Einfluss auf die Entwicklung des Webs an sich, weil sie wichtige Dienste wie Gmail und Google Drive anbieten – Programme, bei denen Javascript stark zum Einsatz kommt.

Ich glaube Mozilla muss wieder stärker die eigenen Open-Source-Wurzeln einbeziehen

Borchert: Von außen wird oft unterschätzt, wie viel Arbeit Mozilla in die Entwicklung von Webstandards steckt und wie groß unsere Entwicklungsabteilung ist. Klar kann Google immer das fünf- oder zehnfache an Geld in Problemlösung investieren – aber das alleine ist es noch nicht. Aber ich will das Problem auch nicht kleinreden: Google ist schon sehr, sehr mächtig und riesig – und mir macht das Geld, das sie für Marketing ausgeben können, ehrlich gesagt sogar noch mehr Sorgen. Selbst wenn wir das Zehnfache an Geld verdienen würden, kämen wir dagegen gar nicht an. Aber Geld ist nicht alles – und wir können durchaus wettbewerbsfähige Gehälter zahlen. Vor allem finden wir aber immer wieder tolle Leute, die an die Mission von Mozilla glauben, von den Werten überzeugt sind und die Möglichkeiten nutzen wollen, die Mozilla ihnen bietet. Und ich glaube, Mozilla muss wieder stärker zu den eigenen Open-Source-Wurzeln zurückkehren, auf die Kraft der Vielen setzen. Dazu gehört neben der Entwicklung auch der Bereich Aktivismus und Policy-Arbeit wie unsere aktuelle Kampagne gegen den Entwurf des vereinheitlichten EU-Urheberrechts. Mozilla ist jetzt 15 Jahre alt und wir folgen leider nicht mehr überall Best Practice Standards. Wir sind ein bisschen staubig geworden, aber wir arbeiten daran intensiv.

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Foto: Shutterstock

t3n.de: Apropos staubig, befindet sich eigentlich noch Netscape-Code in Firefox?

Alexander Klepel, Mozilla-Sprecher: Ich vermute ja, weil wir da eine ganze Menge Legacy-Code rumfliegen haben.

t3n.de: Am Anfang wurde Firefox ja sehr stark von einer Open-Source-Community getragen. Wie viel Prozent des Codes kommt heute noch von Nicht-Angestellten?

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Borchert: Nach den Zahlen, die ich kenne, waren es früher um die 40 Prozent – heute ist das leider deutlich weniger. Die Arbeit hat sich stark zu den Mitarbeitern hin verlagert. Das muss sich nach meiner Überzeugung wieder ändern. Aber wie du eben schon zu recht gesagt hast: Wir können unmöglich mehr Leute einstellen als Google. Was Google in einem Quartal verdient, haben wir über unsere gesamte Lebenszeit noch nicht verdient. Teil meiner Aufgabe ist es, wieder mehr Leute aus der Community für Engagement bei uns zu begeistern.

t3n.de: Teil davon ist ja die Initiative Mozillas für eine Reform des Urheberrechts in der EU. Inwiefern ist das Thema für Mozilla relevant?

Borchert: Mozilla ist ein wertegetriebenes Unternehmen – wir haben Ziele, die über den geschäftlichen Erfolg hinausgehen. Und wir haben uns auf die Fahnen geschrieben, zuerst an den Nutzer zu denken und das offene Internet zu verteidigen. Der Entwurf, wie er von der EU-Kommission vorgelegt wurde, ist nach unserer Überzeugung schlecht für die Gesellschaft, das freie Internet und die Nutzer. Die Panoramafreiheit zum Beispiel – also das grundsätzliche Recht, öffentliche Gebäude zu fotografieren – wurde ja komplett wieder gestrichen. Mir ist zwar kein Fall bekannt, in dem jemand der Prozess gemacht wurde, weil er sich nachts vor dem beleuchteten Eiffelturm oder der kleinen Meerjungfrau in Kopenhagen fotografieren ließ – aber sollen Nutzer sich mit den rechtlichen Feinheiten auskennen? Für uns macht beispielsweise die Remix-Kultur viel des Internetreichtums aus.

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t3n.de: Seht ihr noch mehr Probleme?

Borchert: Auch Ausnahmen für die Forschung sollen dem Entwurf zufolge enge Grenzen gesetzt werden und er orientiert sich nur an staatlichen Forschungseinrichtungen. Wir leben aber in einem Zeitalter, in dem auch der gebildete und interessierte Normalbürger forschen kann. Da ist der Entwurf in ganz klassischen, konservativen Denkmustern verhaftet. Und das Leistungsschutzrecht war ein von vorne herein verfehlter Ansatz – und jetzt soll das auch noch europaweit ausgerollt werden.

t3n.de: Nach dem aktuell gültigen Urheberrecht sind wir ja alle notorische Verletzer des Urheberrechts, dafür reicht es ja ein Foto bei Facebook zu teilen, ohne den Urheber zu fragen. Dasselbe gilt für Soup oder Tumble – ist nicht das halbe Internet eine einzige Urheberrechtsverletzung?

Borchert: Genau. Und das ist in den USA mit dem sogenannten Fair Use schon ein bisschen besser geregelt. Wir hatten sehr gehofft, dass es so etwas auch für Europa geben würde. Allein dieser Wahn mit Anwaltskanzleien und Abmahnungen in Deutschland. Nach dem neuen Entwurf wird das noch mehr ausufern. Und wir können auch nicht nachvollziehen, warum man ein in Spanien und Deutschland bereits dramatisch gescheitertes Leistungsschutzrecht nun europaweit einführen und gleich von einem auf 20 Jahre ausweiten muss. Das Leistungsschutzrecht ging schon in den nationalen Fassungen komplett an der Realität der Internetnutzung und der geschäftlichen Realität des Digitaljournalismus vorbei.

t3n.de: Du bist jetzt seit Oktober 2015 bei Mozilla, zuvor Geschäftsführerin bei Spiegel Online. Wie groß ist die Umstellung?

Borchert: Ich bin seit Mitte Januar dieses Jahres da, im Oktober hatten wir es angekündigt. Es ist eine große Umstellung. Jobwechsel sind ja ohnehin immer anstrengend – aber diesmal ist es gleich Firma, Branche, Kultur und Kontinent auf einmal. In den USA musst du zum Beispiel lernen, Kritik zwischen sehr höflichen Zeilen zu lesen, Prozesse laufen komplett anders. Aber die optimistische „Can do“-Kultur von Mozilla ist erfrischend.

t3n.de: Wie unterscheidet sich die Arbeitskultur?

Borchert: Es ist eine riesige Umstellung für mich, die ich aber als sehr positiv empfinde. Die Deutschen tun sich mit dezentralem Arbeiten ja oft schwer – bei Mozilla ist das Gegenteil der Fall. Rund 38 Prozent der Mitarbeiter arbeiten von zuhause aus oder einem sonstigen Ort ihrer Wahl. Sie wohnen nicht einmal in der Nähe eines Büros – obwohl wir rund um die Welt welche haben. Diese Flexibilität in der Arbeits- und Lebensgestaltung habe ich in Deutschland oft vermisst. Wir arbeiten daher häufig asynchron gemeinsam an Dokumenten und es wird sehr viel mehr schriftlich festgehalten. Das sorgt dann auch für mehr Transparenz in Entscheidungsprozessen.

t3n.de: Und der persönliche Kontakt fehlt nicht?

Borchert: Es funktioniert besser als ich gedacht hätte, enge persönliche Kontakte per Video aufzubauen. Ich habe kürzlich auf einer Veranstaltung des Handelsblatts gesprochen und dann sagte sofort jemand: „Sie müssen ja aber zugeben, dass alle Ihre engsten Mitarbeiter bei Ihnen im Büro sitzen und die Menschen, die so ein bisschen Code schreiben, die sitzen dann halt irgendwo anders.“ Da konnte ich nur erwidern: Nein, mein allerengster Mitarbeiter, mein Chief of Staff, sitzt drei Stunden nördlich von Stockholm im Wald. Er sitzt also nicht nur nicht in meinem Büro, sondern nicht einmal in meiner Zeitzone – das sind neun Stunden Unterschied. Das ist nicht einfach – aber so habe ich einen total glücklichen, hochmotivierten und produktiven Kollegen, der seine ideale Lebenssituation gefunden hat.

Mehr zum Thema Mozilla: Mozilla Firefox blockiert bald viele Flash-Inhalte

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Kommentare (1)

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Präsenzkultur sind Kosten pur

„Die Deutschen tun sich mit dezentralem Arbeiten ja oft schwer – bei Mozilla ist das Gegenteil der Fall. Rund 38 Prozent der Mitarbeiter arbeiten von zuhause aus oder einem sonstigen Ort ihrer Wahl. Sie wohnen nicht einmal in der Nähe eines Büros – obwohl wir rund um die Welt welche haben.“

Tja. Präsenzkultur sind Kosten pur…

In Gegenden mit weiten Strecken wie Australien, Kanada, Schweden usw. ist sowas natürlich schlauerwise längst üblich während hier die Mietmafia-Mästung in den überfüllten Wohngebieten weiter stattfindet.
Auf dem Land verlegt man die Glasfaser für ein Zehntel über-irdisch. Da kann man zum Bruchteil mieten und jeder hat einen Parkplatz vor der Tür und man ist billiger und schneller mit arm-dicken Glasfasern angebunden.

http://www.golem.de/news/ftth-fttb-oberirdische-glasfaser-spart-85-prozent-der-kosten-1606-121745.html
15% statt 100% macht 6.6 mal so viel Glasfaser beim gleichen Preis !

Und für die Konzepte der Schriftlichkeit und das man klar sieht was wann wie wo ist wie ein aufgemaltes Make-File wird sicher als neue IT-Methode in ein paar Jahren durchs Dorf getrieben…
Schlanke FIrmen (ich glaube Debis mit DEM ORDNER) haben sowas schon ewig. Da hat jedes Projekt einen einheitlichen Ordner (früher zumindest) und daher blickt jeder Mitarbeiter (auch wenn man neue ran holt) sofort durch.

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