Interview

Mozilla-CIO Borchert: „Mein engster Mitarbeiter sitzt in Schweden im Wald“

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t3n.de: Aber ist es langfristig als Mozilla Corp überhaupt möglich, mit Google technisch mitzuhalten? Google wird immer mehr Geld für Entwickler haben. Sie werden immer die besten Programmierer am Markt bekommen – zumindest, wenn sich diese mit Geld locken lassen. Außerdem hat Google zusätzlich noch relativ viel Einfluss auf die Entwicklung des Webs an sich, weil sie wichtige Dienste wie Gmail und Google Drive anbieten – Programme, bei denen Javascript stark zum Einsatz kommt.

Ich glaube Mozilla muss wieder stärker die eigenen Open-Source-Wurzeln einbeziehen

Borchert: Von außen wird oft unterschätzt, wie viel Arbeit Mozilla in die Entwicklung von Webstandards steckt und wie groß unsere Entwicklungsabteilung ist. Klar kann Google immer das fünf- oder zehnfache an Geld in Problemlösung investieren – aber das alleine ist es noch nicht. Aber ich will das Problem auch nicht kleinreden: Google ist schon sehr, sehr mächtig und riesig – und mir macht das Geld, das sie für Marketing ausgeben können, ehrlich gesagt sogar noch mehr Sorgen. Selbst wenn wir das Zehnfache an Geld verdienen würden, kämen wir dagegen gar nicht an. Aber Geld ist nicht alles – und wir können durchaus wettbewerbsfähige Gehälter zahlen. Vor allem finden wir aber immer wieder tolle Leute, die an die Mission von Mozilla glauben, von den Werten überzeugt sind und die Möglichkeiten nutzen wollen, die Mozilla ihnen bietet. Und ich glaube, Mozilla muss wieder stärker zu den eigenen Open-Source-Wurzeln zurückkehren, auf die Kraft der Vielen setzen. Dazu gehört neben der Entwicklung auch der Bereich Aktivismus und Policy-Arbeit wie unsere aktuelle Kampagne gegen den Entwurf des vereinheitlichten EU-Urheberrechts. Mozilla ist jetzt 15 Jahre alt und wir folgen leider nicht mehr überall Best Practice Standards. Wir sind ein bisschen staubig geworden, aber wir arbeiten daran intensiv.

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Foto: Shutterstock

t3n.de: Apropos staubig, befindet sich eigentlich noch Netscape-Code in Firefox?

Alexander Klepel, Mozilla-Sprecher: Ich vermute ja, weil wir da eine ganze Menge Legacy-Code rumfliegen haben.

t3n.de: Am Anfang wurde Firefox ja sehr stark von einer Open-Source-Community getragen. Wie viel Prozent des Codes kommt heute noch von Nicht-Angestellten?

Borchert: Nach den Zahlen, die ich kenne, waren es früher um die 40 Prozent – heute ist das leider deutlich weniger. Die Arbeit hat sich stark zu den Mitarbeitern hin verlagert. Das muss sich nach meiner Überzeugung wieder ändern. Aber wie du eben schon zu recht gesagt hast: Wir können unmöglich mehr Leute einstellen als Google. Was Google in einem Quartal verdient, haben wir über unsere gesamte Lebenszeit noch nicht verdient. Teil meiner Aufgabe ist es, wieder mehr Leute aus der Community für Engagement bei uns zu begeistern.

t3n.de: Teil davon ist ja die Initiative Mozillas für eine Reform des Urheberrechts in der EU. Inwiefern ist das Thema für Mozilla relevant?

Borchert: Mozilla ist ein wertegetriebenes Unternehmen – wir haben Ziele, die über den geschäftlichen Erfolg hinausgehen. Und wir haben uns auf die Fahnen geschrieben, zuerst an den Nutzer zu denken und das offene Internet zu verteidigen. Der Entwurf, wie er von der EU-Kommission vorgelegt wurde, ist nach unserer Überzeugung schlecht für die Gesellschaft, das freie Internet und die Nutzer. Die Panoramafreiheit zum Beispiel – also das grundsätzliche Recht, öffentliche Gebäude zu fotografieren – wurde ja komplett wieder gestrichen. Mir ist zwar kein Fall bekannt, in dem jemand der Prozess gemacht wurde, weil er sich nachts vor dem beleuchteten Eiffelturm oder der kleinen Meerjungfrau in Kopenhagen fotografieren ließ – aber sollen Nutzer sich mit den rechtlichen Feinheiten auskennen? Für uns macht beispielsweise die Remix-Kultur viel des Internetreichtums aus.

t3n.de: Seht ihr noch mehr Probleme?

Borchert: Auch Ausnahmen für die Forschung sollen dem Entwurf zufolge enge Grenzen gesetzt werden und er orientiert sich nur an staatlichen Forschungseinrichtungen. Wir leben aber in einem Zeitalter, in dem auch der gebildete und interessierte Normalbürger forschen kann. Da ist der Entwurf in ganz klassischen, konservativen Denkmustern verhaftet. Und das Leistungsschutzrecht war ein von vorne herein verfehlter Ansatz – und jetzt soll das auch noch europaweit ausgerollt werden.

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Ein Kommentar
Präsenzkultur sind Kosten pur
Präsenzkultur sind Kosten pur

„Die Deutschen tun sich mit dezentralem Arbeiten ja oft schwer – bei Mozilla ist das Gegenteil der Fall. Rund 38 Prozent der Mitarbeiter arbeiten von zuhause aus oder einem sonstigen Ort ihrer Wahl. Sie wohnen nicht einmal in der Nähe eines Büros – obwohl wir rund um die Welt welche haben.“

Tja. Präsenzkultur sind Kosten pur…

In Gegenden mit weiten Strecken wie Australien, Kanada, Schweden usw. ist sowas natürlich schlauerwise längst üblich während hier die Mietmafia-Mästung in den überfüllten Wohngebieten weiter stattfindet.
Auf dem Land verlegt man die Glasfaser für ein Zehntel über-irdisch. Da kann man zum Bruchteil mieten und jeder hat einen Parkplatz vor der Tür und man ist billiger und schneller mit arm-dicken Glasfasern angebunden.

http://www.golem.de/news/ftth-fttb-oberirdische-glasfaser-spart-85-prozent-der-kosten-1606-121745.html
15% statt 100% macht 6.6 mal so viel Glasfaser beim gleichen Preis !

Und für die Konzepte der Schriftlichkeit und das man klar sieht was wann wie wo ist wie ein aufgemaltes Make-File wird sicher als neue IT-Methode in ein paar Jahren durchs Dorf getrieben…
Schlanke FIrmen (ich glaube Debis mit DEM ORDNER) haben sowas schon ewig. Da hat jedes Projekt einen einheitlichen Ordner (früher zumindest) und daher blickt jeder Mitarbeiter (auch wenn man neue ran holt) sofort durch.

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