Interview

Relayr-Chef Josef Brunner: „Wir Deutschen sind Chief Bedenkenträger“

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Entwickler tüfteln im alten Büro von Relayr an einer Applikation. (Foto: Michael Hübner)

Vielleicht ist es erst einmal wichtig zu sagen, dass wir eines der wenigen Unternehmen sind, die keine Cloudabhängigkeit haben. Unsere Kunden müssen nicht in unsere Cloud gehen, sie können ihre Daten auch auf firmeninternen Rechnern speichern. Das ist sehr teuer, deswegen machen das wenige. Aber es ist für uns auch ein großes Alleinstellungsmerkmal. Und wir können Hybridmodelle fahren.

t3n.de: Also einige Daten liegen in der Cloud und einige nicht. 

Richtig. Ein Unternehmen kann etwa bestimmen, dass seine Produktionsdaten nie die Fabrik verlassen. Wir erstellen daraus ein Metaset an neuen Daten, die an die nächste Instanz gehen. Die Maschinen müssen dafür nicht mit dem Internet verbunden sein.

t3n.de: Ihr bietet aber auch Cloudlösungen an. Was ist, wenn die angegriffen werden?

Dafür muss man erst einmal die Szenarien definieren: In einem wird die Infrastruktur angegriffen und jemand nutzt sie gegen das Unternehmen und seine Kunden. Das wäre die klassische Erpressung: „Wenn du mir nicht so und so viel Geld überweist, dann kommst du nicht mehr an deine Daten.“ Ich würde sagen, das ist der harmlosere Fall.

t3n.de: Harmlos?

Ja. Ich weiß, dass jemand in mein System eingedrungen ist und kann die Lücke schließen. In einem zweiten Fall erzeugen die Hacker ganz neue Geschäftsmodelle aus den Daten, etwa wenn ein Hacker in ein System eindringt und niemand das mitbekommt. Oder sie sabotieren die Anlage. Das ist viel schlimmer.

t3n.de: Warum?

Nehmen wir eine Pipeline, die mit Drucksensoren digitalisiert wurde. Es ist sehr einfach, den Sensor zu übernehmen und falsche Druckdaten zu verschicken. Das führt dazu, dass sich der Druck erhöht und die Pipeline in die Luft geht. Für Unternehmen wie GE und Cisco ist das ein Horrorszenario. Deswegen nutzen sie auch unsere Lösung, weil wir stark auf Sicherheit setzen.

„Ohne Digitalisierung bist du sicher, aber in fünf Jahren auch sicher Pleite“

t3n.de: Wie sieht das konkret aus?

Wir haben drei Blöcke: Beim Devicemanagement vernetzen wir die Geräte. Bei der Middleware laufen die ganzen Datenströme zusammen. Und ganz oben sitzt eine Applikation mit Dashboards und Analytics. Die Middleware ist das Herzstück, über ihr liegt ein Sicherheitsnetz. Mit Algorithmen können wir dort feststellen, ob die Daten zueinander passen oder ob es Auffälligkeiten gibt. Dafür haben wir Anfang des Jahres das Startup Neokami aus München gekauft. Das analysiert Datenströme mittels künstlicher Intelligenz und untersucht, ob die Daten, die ein Unternehmen bekommt, auch valide sind. Wir nennen das „anomally detection“.

t3n.de: Was heißt das?

Bleiben wir bei dem Beispiel mit den Drucksensoren: Wenn jemand einen Sensor hackt und sich der Druck verändert, erkennt unser Sicherheitsnetz das. Es prüft dann, ob sich der Druck auch an anderen Sensoren verändert. Ist das nicht der Fall, wäre das eine erste Anomalie. Das zweite Thema ist zusätzliche Sensorik. Jetzt wird es etwas physikalisch: Bei höherem Druck gibt es vielleicht eine andere Luftverdrängung in der Pipeline. Unser System kann auch die Dichte messen. Wenn die Daten nicht korrelieren, hat es verifiziert, dass einer der Sensoren falsche, also nicht valide Daten liefert, und kann eine Warnung rausgeben.

t3n.de: Trotz dieses Systems werden Hacker immer auch mal ein System knacken. Bereitet euren Kunden das nicht Sorgen?

Absolut. Und die Sorgen sind auch berechtigt. Aber wir Deutschen sind wahnsinnig gut im Sorgen machen. Ich bezeichne uns gerne als Chief Bedenkenträger. Nur muss man auch mal bedenken: Deutschland ist im Segment der Industrie extrem stark, weil die deutschen Firmen gute Maschinen gebaut haben. Jetzt verschiebt sich die Wirtschaft aber Richtung Software und Servicemodelle. Darin sind andere Länder stärker. Wenn die Unternehmen lieber offline bleiben, okay. Dann ist ihr Gedankengut vielleicht sicher, aber dann können sie auch sicher sein, dass sie in fünf Jahren nicht mehr da sind.

t3n.de: Steile These.

Das ist natürlich überspitzt. Aber ich glaube fest daran, dass Unternehmen das Risiko eingehen müssen, weil sie sonst nicht mehr denselben Service anbieten können wie ihre Konkurrenten.

t3n.de: Jetzt ist Relayr kein jahrzehntealter Konzern, den man kennt, sondern ein Startup. Die Unternehmen müssen ja darauf vertrauen, dass es euch in zehn Jahren auch noch gibt, dass ihr auch in zehn Jahren noch Softwareupdates macht. Wie überzeugt ihr sie davon?

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Ein Kommentar
MayesticCat
MayesticCat

Gebäudeautomation? So etwas wird schon seit längerem gemacht. Der eigentliche Clou ist sicherlich die Vernetzung und das one-fits-all Konzept. Jetzt kann ich aus einer zentralen Schaltzentrale heraus feststellen, dass meine Anlage irgendwo im niergendwo ein Problem hat. Ein Problem wo sowieso ein Techniker raus muss. Bisher gibts aber die ein oder andere Insellösung und (meines Wissens nach) keine Universalschnittstelle zum einsehen aller Parameter.

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