
„Ich müsste eigentlich am Schreibtisch sitzen“, sage ich zu meiner Tochter. Sie schaut mich an. „Aber mit mir zu kuscheln ist doch schöner“, sagt sie. Und natürlich hat sie recht. Nur muss ich eben in beidem gut sein – und zwar genau jetzt. Rollenstress nennt man das, wenn man in allen Lebensbereichen glänzen will. Meist bezieht er sich auf die Arbeit und die Familie, aber auch Partnerschaft, Freundschaften, Ehrenamt und informelle Rollen in der Nachbarschaft stehen miteinander in Konkurrenz – die Liste ist nicht abgeschlossen und geduscht hat auch noch niemand.
Dazu gibt es die unerwünschten Rollen: Schonmal versucht, gleichzeitig eine gute Patientin und eine gute Erwerbstätige zu sein? Auch nicht so leicht.
Ich habe neulich einen Ratgeber über Rollenstress gelesen und war ernüchtert. Offenbar liegt der Fehler bei mir: Ich müsste einfach nur meine Erwartungen reduzieren – zack, Problem gelöst! Man kann eben nicht überall 120 Prozent geben, höhöhö, Schenkelklopfer, Augenzwinkern.
Erwartungen? Wessen Erwartungen?
Doch mein Rollenstress und der in meinem Umfeld basiert nicht auf unvernünftigen Erwartungen. Also: Bei einigen Menschen schon, aber durch diesen Reifungsprozess müssen wir alle durch. Und dann? Dann bleibt noch immer Rollenstress übrig. Und der liegt nicht in den eigenen Erwartungen begründet. Er liegt in den Erwartungen der anderen.
Diese Erwartungen der anderen sind angeblich häufig nur eingebildet, heißt es in dem erwähnten Ratgeber. Ich bezweifle das. Menschen haben eine Menge Erwartungen aneinander und sicherlich erwarten wir immer mal wieder, dass jemand anderes etwas erwartet und liegen damit falsch. Aber echte Probleme resultieren aus echten Erwartungen, die miteinander in Konkurrenz stehen.
Das Argument, oft wird nicht gut kommuniziert, lasse ich dabei nur bedingt gelten. Das mag bei geringer Erfahrung tatsächlich passieren. Doch diese Art von Reibungsverlusten fällt eines Tages auf und wird korrigiert. Und daraus lernt man. Menschen sind nicht so blöd, wie ihnen oft unterstellt wird. Und Lösungen sind nicht so einfach wie die, die aus respektlosen Ratschlägen resultieren.
Was tun mit all den Aufgaben?
Gehen wir also davon aus, dass der Rollenstress echt ist. Was für eine Erleichterung! Du bist nicht zu blöd, dein Leben ist wirklich nicht zu schaffen!
Toll. Und jetzt?
Jetzt hörst du erst einmal auf, alle Lebensbereiche als getrennte Einheiten zu betrachten. Für viele Menschen ist der Alltag eine Frage von zwei Ressourcen: Zeit und Energie. Zeit, weil man eben nicht gleichzeitig kuscheln und arbeiten kann. Energie, weil es nicht leicht ist, den ganzen Tag zu lächeln und für andere Menschen die emotionale Knautschzone zu bieten, und dann abends fröhlich Familie, Partnerschaft und Freundschaft auszuleben.
Und jetzt müssen realistische Entscheidungen getroffen werden. Du hast nicht genug Zeit für alle Lebensbereiche? Du hast nicht genug Energie für alle Lebensbereiche? Dann musst du entscheiden, wo du die Zeit und die Energie einsetzen willst. Und das ist schwer. Leider kann man sich Zeit und Energie nur begrenzt antrainieren. Die Wahrscheinlichkeit ist also groß, dass du mit mehr Einsatz nur ineffizienter wirst und damit Zeit und Energie verlierst.
Rollenstress ist ein Organisationsproblem
Die Antwort auf den Rollenstress liegt also darin, sich selbst nicht schlechter zu behandeln als eine Packung Eier aus dem Supermarkt. Du willst Waffeln backen? Du willst Frühstückseier für alle? Dann backst du entweder weniger Waffeln oder du verzichtest auf die Frühstückseier. Du versuchst aber nicht, mehr Ei aus der Schale zu pressen (natürlich würdest du das versuchen. Aber wir sind uns doch einig, dass das nichts bringt, oder? Oder?).
Rollenstress ist also ein Organisationsproblem und nur als solches ist er zu lösen. Das kann bedeuten, dass du vielleicht gerade keine Vollzeitstelle schaffst. Oder dass du, wenn deine Firma dir das Homeoffice streicht, eine andere Firma benötigst. Es kann auch bedeuten, dass deine Familie oder Freunde öfter mal auf dich verzichten müssen (idealerweise geplant, sonst verteilst du deinen Stress nur auf andere um). Wie du das entscheidest, ist deine Sache. Es aber nicht zu entscheiden, verschärft nur das Problem. Rollenstress ist nicht eingebildet, Rollenstress ist echt. Ihn bestehen zu lassen, ist unprofessionell.