Interview

Frank Thelen will seine Scanner-App für Millionen verkaufen

Scanbot-Gründer Frank Thelen. (Foto: Doo GmbH)

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Erst die Pleite, dann der Erfolg: Scanbot hat sich überraschend zu einer der beliebtesten Smartphone-Apps entwickelt. Nun sprechen die Macher um Frank Thelen offen über ihre Verkaufspläne.

Für damalige Verhältnisse war es eine einzigartige Startup-Pleite: Jahrelang hatte der bekannte Unternehmer und heutige Investor Frank Thelen mit Doo an einer Online-Plattform für die Verwaltung von Dokumenten gearbeitet. Sein Ziel bestand darin, das papierlose Büro endlich Wirklichkeit werden zu lassen. Zehn Millionen US-Dollar Risikokapital flossen bis zum Frühjahr 2014 in die Bonner Firma.

Doch dann war plötzlich Schluss. Das Geld war weitgehend aufgebraucht, das Wachstum ausgeblieben. „Wir mussten es einsehen“, schrieben die Doo-Macher in einer Mail. „Entweder war unsere Annahme falsch, dass die Nutzer uns brauchen oder wir haben es nicht geschafft, das Produkt so zu gestalten, dass es ein Problem löst. Wir schienen einfach nicht die Bedürfnisse einer kritischen Nutzerschaft zu erreichen.“

Zehn Millionen Downloads für Scanbot

Eine vollständige Abwicklung des Unternehmens kam für Thelen jedoch nicht infrage. Er kündigte einen Neustart an und veröffentlichte wenige Monate später Scanbot – eine vergleichsweise einfach gestrickte App, mit der Nutzer private Dokumente mit dem Smartphone abfotografieren und in die Cloud laden konnten.

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So sieht die Scanbot-App heute auf dem iPhone aus. (Bild: Scanbot)

Erneut eine zum Scheitern verurteile Idee? Das dachten viele. Zumal der Markt für Scanner-Apps schon damals überschwemmt war. Trotzdem hat sich Scanbot über die Jahre zu einer der beliebtesten Smartphone-Apps überhaupt entwickelt. Im Interview nennen Frank Thelen und der heutige Scanbot-Chef Christoph Wagner die Gründe für den überraschenden Erfolg – und sprechen offen über ihre Verkaufspläne.

t3n.de: Herr Wagner, Sie haben vor knapp drei Jahren die Scanbot-Geschäftsführung von Frank Thelen übernommen. Wie steht es heute um die App?

Christoph Wagner: Scanbot hat inzwischen über zehn Millionen Downloads. Jeden Monat wird die App rund 200.000 mal heruntergeladen. Das sind beachtliche Zahlen, die wohl kaum jemand für möglich gehalten hat.

Frank Thelen: Damit hat wirklich niemand gerechnet. Meine Enttäuschung nach der Doo-Pleite war damals riesengroß. Wir haben viele Jahre in die Entwicklung der Sync-Technologie und das Design der Apps gesteckt. Ich glaubte, eine wirklich bedeutende Plattform zu bauen. Am Ende wollten aber weder die Nutzer noch weitere Investoren dafür zahlen. Dass man dann hergeht, und aus den Resten der Technologie eine vergleichsweise einfache Scanner-App baut, war eine Verzweiflungstat.

t3n.de: Zehn Millionen Downloads sind ja schön und gut. Aber wie viele Nutzer bleiben danach auch hängen?

Wagner: Das hängt stark davon ab, ob es Promotions gibt oder Apple uns im Store bewirbt. Inzwischen bleiben uns aber 30 bis 50 Prozent der Nutzer erhalten. Das war nicht immer so. Anfangs haben einige Nutzer die App sofort wieder deinstalliert.

t3n.de: Wieso?

Wagner: Eine kuriose Geschichte. Das App-Icon von Scanbot war lange Zeit einem lächelnden Gesicht in Form eines Aktenordners nachempfunden. Immer wenn wir von Apple im Store beworben wurden, haben sich Nutzer bei uns per E-Mail beschwert. Die Leute dachten, es handelt sich bei der App um ein Spiel.

t3n.de: Die Leute haben Scanbot für ein Spiel gehalten?

Wagner Ja. Der Name der App in Verbindung mit dem verspielten Icon hat wohl für Verwirrung gesorgt. Entsprechend wurde uns in den E-Mails auch Betrug vorgeworfen. Wir mussten viel Aufklärungsarbeit leisten und haben das Icon dann auch überarbeitet. Seitdem ist die Konversionsrate um 25 Prozent besser.

Thelen: Hater können sehr krass sein. Es gibt bis heute einen Nutzer, der uns deswegen eine 1-Sterne-Bewertung im Store verpasst – bei jedem neuen Release.

t3n.de: Was hat das enorme Wachstum der App denn noch begünstigt?

Wagner: Zunächst einmal wachsen wir hauptsächlich organisch. Wir geben kein Geld für App-Store- oder Suchmaschinenoptimierung aus. Stattdessen konzentrieren wir uns darauf, neue Technologien von Apple und Google sehr schnell in die App zu integrieren. Beispielsweise Face-ID oder bald auch AR-Kit. Apple bewirbt solche Apps prominent im Store. Darüber generieren wir letztlich auch die meisten Downloads.

t3n.de: Haben Sie keine Sorge, dass Apple die iPhones selbst mit einer Scanner-Funktion ausstattet? Es gab schon einige Apps, die daran zugrunde gegangen sind.

Thelen: Das haben sie ja bereits gemacht.

Wagner: Genau. Mit der normalen Kamera-App lassen sich QR-Codes auslesen und mit der Notizen-App sogar Dokumente scannen. Vielleicht hätten wir noch mehr Downloads, wenn Apple diese Funktionen nicht selbst integriert hätte. Aber die Leute nutzen ja trotzdem Wunderlist oder Spark, obwohl auf dem iPhone bereits eine To-do- und E-Mail-App vorinstalliert ist. Insofern machen wir uns da keine Sorgen.

t3n.de: Trotzdem ist der Markt an Scanner-Apps ja überschwemmt. Warum sollten die Leute ausgerechnet Scanbot nutzen?

Wagner: Ich sehe unsere Stärke vor allem in der offenen Cloud-Strategie. Was du mit Scanbot scannst, kannst du überall hochladen. Natürlich kann man ein Dokument auch von Dropbox herunterladen, aber die Weitergabe an andere Plattformen ist dann schwierig. Sollten Apple oder Google das Thema stärker besetzen, werden sie mit Sicherheit dafür sorgen, dass die Dokumente im Konzern bleiben. Wir glauben aber, dass das nicht der beste Ort ist, um Dokumente abzulegen.

Thelen: Ich gehe ohnehin davon aus, dass circa 80 Prozent der Anbieter auf lange Sicht verschwinden werden. Schon allein, weil man von einer Einmalzahlung für eine App keine Firma dauerhaft finanzieren kann.

t3n.de: Bisher setzt Scanbot allerdings nicht auf ein kostenpflichtiges Abo-Modell. Verlangt wird nur eine Einmalzahlung von 7,99 Euro für einige Zusatzfunktionen. Davon können Sie leben?

Wagner: Nein. Ein einzelner Entwickler könnte das vielleicht, aber sicher keine Firma mit fünf Mitarbeitern. Leider haben viele Nutzer dafür kein Verständnis.

Thelen: Das macht mich echt wütend. Die Leute erwarten immer noch, dass Apps kostenlos sind.

t3n.deWeil sie es von Amazon, Facebook oder Google gewohnt sind.

Thelen: Genau. Die Amerikaner finanzieren ihre Apps einfach quer durch andere Geschäfte. Aber ein normaler Entwickler geschweige denn eine ganze Firma kann von einer Einmalzahlung nicht mehr leben. Die Leute sind teilweise nicht mal bereit, 99 Cent für eine gute App zu bezahlen. Aber wehe, sie bekommen bei Starbucks einen Schuss Vanille für ’nen Euro extra aufgeschwatzt: Dann sind sie sofort dabei.

t3n.de: Das klingt alles so, als planen Sie selbst ein Abo einzuführen.

Wagner: Wir überlegen momentan, wie wir so viel Mehrwert für die Nutzer schaffen können, dass ein Abonnement am Ende für alle lohnenswert ist. Klar ist aber: Viele unserer Konkurrenten setzen bereits darauf und Apple wird ein solches Modell in Zukunft wohl auch technisch besser unterstützen. Allerdings haben wir inzwischen noch ein weiteres Geschäftsmodell entdeckt.

t3n.de: Eine Erklärung bitte.

Wagner: Als ich 2015 die Geschäftsführung von Frank übernommen habe, kam mir die Idee, die Technologie hinter Scanbot auch anderen Entwickler zugänglich zu machen. Wir bieten Unternehmen also eine als White-Label-Lösung an, mit der sie innerhalb von wenigen Tagen ihre Apps mit Scanner-Funktionen oder einem PDF-Export ausstatten können. Während der Lizenzlaufzeit gibt es vollen Support und alle Updates. Dafür erheben wir eine fünfstellige Jahresgebühr.

t3n.de: Und das bezahlen die Leute?

Wagner: Ja. Bislang nutzen mehr als 100 Unternehmen die White-Label-Lösung. Tendenz stark steigend.

t3n.de: Was heißt das für den Umsatz dieses Jahr?

Wir rechnen mit einem siebenstelligen Umsatz und sind seit Jahresbeginn auch durchgehend profitabel.

t3n.de: Aber ist es nicht von Nachteil, eine über Jahre entwickelte Technologie an Wettbewerber weiterzugeben?

Thelen: Genau deswegen wollte ich das Vorhaben übrigens am Anfang stoppen…

Wagner: Wir verkaufen die Technologie ja nicht an irgendwelche Wettbewerber, die dann in den Code schauen und selbst eine Scanner-App bauen. Interessiert an der Lösung sind vor allem Krankenkassen, deren Kerngeschäft nicht die App-Entwicklung ist. Die können mit einem Informatiker keine komplexen Algorithmen bauen. Mit uns können sie ihre App dann aber trotzdem in wenigen Schritten mit einer Scan-Funktion ausstatten. Zum Beispiel für den Upload einer Rechnung.

Thelen: An diesen Markt habe ich erst gar nicht geglaubt. Ich denke immer in skalierbaren Geschäftsmodellen. Insofern erschien mir die Idee, unsere Technologie an vielleicht zehn Banken zu verkaufen, sehr fragwürdig. Andererseits: Ich habe die Geschäftsführung damals bewusst und konsequent an Christoph abgegeben. Zum Glück hat es funktioniert. Am Ende hat er sich durchgesetzt. Inzwischen nutzen Versicherungen, Banken und Logistiker unsere Software.

t3n.de: Also wird Scanbot jetzt zur Enterprise-Plattform?

Thelen: In jedem Fall bietet unsere Technologie noch reichlich Potenzial für entsprechende Anwendungen. Wie cool wäre es, einfach das Smartphone über einen Personalausweis zu halten und mithilfe von künstlicher Intelligenz automatisch zu erkennen, ob es ein echtes oder gefälschtes Dokument ist? Der Fokus von Scanbot wird sich weg von der reinen Bilderkennung hin zur Datenanalyse verlagern. It’s a long way, aber sowas wie ein SAP für Dokumente wäre denkbar.

Wagner: Es wird vor allem um die Verarbeitung von Dokumenten mit unstrukturierten Daten gehen. So eine Rechnung vom Finanzamt scannen und ablegen ist einfach. Aber gerade in Konzernen gibt es unzählige Dokumente, die unstrukturierte Daten haben. Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen oder Rechnungen von Kunden zum Beispiel. Die haben alle verschiedene Schriftarten, Größen und Farben. Unseren Mehrwert sehe ich darin, diese Daten künftig zu erfassen und in automatisch in eine andere Software zu übertragen. Dieser Markt ist noch mal um ein Vielfaches größer.

t3n.de: Gab es eigentlich schon Überlegungen, die Firma zu verkaufen?

Wagner: Es gab bereits Überlegungen, ja.

t3n.de: Auch konkrete Angebote?

Thelen: Wenn man eine schnell wachsende App mit einer spannenden Technologie hat, dann gibt es natürlich Gespräche. Das richtige Angebot war zwar noch nicht dabei, aber wir sind auch ehrlich genug zu sagen, dass wir das Unternehmen irgendwann verkaufen werden.  Schon allein, weil Investoren wie Target Partners ihr Geld einmal wiedersehen möchten.

t3n.de: Für wann ist der Exit denn geplant?

Thelen: Das wird Christoph als CEO entscheiden. Wenn er glaubt, dass Angebot und Zeitpunkt stimmen, kann er den Verkauf in die Wege leiten.

Wagner: Bei aller Spekulation ist es auch noch mal wichtig zu betonen, dass wir gar keinen Druck haben, das Unternehmen zu verkaufen. Wir haben ja jetzt ein funktionierendes Geschäftsmodell gefunden.

t3n.de: Dann anders gefragt: Was wäre denn ein stimmiges Angebot?

Thelen: Es sollte ein Partner sein, der auch strategisch für Scanbot interessant ist.

t3n.de: Das sagt jeder Gründer…

Thelen: Wenn wir das Unternehmen jetzt mit der Brechstange verkaufen würden, könnten wir sofort mit einem normalen Mittelständler sprechen, der uns – das ist jetzt ein hypothetisch gedacht – einfach das Zehnfache vom Jahresgewinn zahlt. Also beispielsweise 25 Millionen Euro bei zweieinhalb Millionen Euro Jahresgewinn. Ein solches Angebot käme für uns aber nicht infrage. Meldet sich dagegen ein Unternehmen, das zum Beispiel sehr groß im physikalischen Scannerbereich ist und sich mit unserer Technologie digitalisieren will, dann überlegen wir uns das. Ein Verkauf muss Scanbot noch größer machen.

t3n.de: Klingt so, als müssten es mindestens 50 oder 100 Millionen sein.

Thelen: Es ist ja kein Geheimnis, zu welchen Summen wir in der Vergangenheit bereits Unternehmen verkauft haben. Wunderlist beispielsweise ist für mehrere hundert Millionen Euro verkauft worden. Ich erwarte da also schon eine gewisse Relevanz. Für zehn Millionen Euro ist Scanbot jedenfalls nicht zu haben.

t3n.de: Vielen Dank für das Gespräch.

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4 Kommentare
DennisVibrand

Interessanter Beitrag und tolles Interview, vielen Dank dafür @t3n!

Antworten
Marvin K
Marvin K

Ein wirklich guter Beitrag! Mir hat sehr gefallen das auch nachgehakt wurde, vor allem bei kritischen Fragen.

Antworten
Hans Ott
Hans Ott

Was denn jetzt: die Firma kann keine 5 Arbeitsplätze finanzieren, die Firma macht 100*5-stelliges Lizenzgeschäft (sagen wir mal grosszügig 2 Mio), die Firma macht 2.5 Mio GEWINN, die Firma ist VIEL MEHR als 10 Mio wert – was stimmt denn? Ich tippe mal auf eine Mischung aus erster und zweiter Aussage. Sorry, aber das ist mieser Journalismus, sollte aber wohl auch eher bezahlte PR sein…

Antworten
Daniel Hüfner

Hallo Hans,

die Aussage von Herrn Thelen bzw. Wagner zur Finanzierung einer 5-Mann-Firma bezog sich auf ein Geschäftsmodell ausschließlich basierend auf einer Einmalzahlung für eine App. Das steht auch in der Frage und in der Antwort. Bitte erst lesen, dann pöbeln.

Beste Grüße

Daniel

Antworten

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