Kolumne

Der Technik-Optimismus ist zurück: Wie Elon Musk die 80er Jahre beerdigte

Elon Musk erwägt für Tesla den Rückzug von der Börse. (Foto: dpa)

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Eine Falcon-Heavy-Rakete schießt einen Tesla ins All, der seitdem live ins Internet streamt. Das ist nicht nur mindestens der Marketing-Stunt des Jahrzehnts – Elon Musk bringt auch den lange verloren geglaubten Technikoptimismus zurück.

Technologie verbessert unser Leben, wird uns helfen die Folgen des menschengemachten Klimawandels zu bewältigen und uns ermöglichen länger, gesünder und besser zu leben. Und obwohl all das offensichtlicher als je zuvor ist, bleibt die Skepsis gegenüber dem technologischen Fortschritt in der westlichen Welt, insbesondere in Deutschland, tief verankert.

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Doch die Front bröckelt: Elon Musk zeigt mit seinen Unternehmen, dass sich die Zukunft noch immer durch Technologie gestalten lässt. Manchmal wirkt es, als ob er sich dabei übernimmt: Tesla will mit den Elektroautos, Solarziegeln und Akkus das Energiesystem der Welt revolutionieren, SpaceX die Raumfahrt, Boring und Hyperloop die Verkehrsprobleme der Metropolen lösen und Neuralink die Interaktion zwischen Mensch und Computer – von „Nebenprojekten“ wie der Forschung an künstlicher Intelligenz durch OpenAI mal ganz abgesehen.

Der Machbarkeitswahn der 1960er Jahre

Viele seiner überoptimistischen Ankündigungen konnte Musk nicht halten. Und trotzdem wären Elektroautos ohne ihn heute noch immer eine Mini-Nische. Und ohne die Kombination aus den günstigen Solardächern und der Speicherung der Energie durch leistungsfähige und günstige Akkus wäre die Energiewende vor allem in den USA noch deutlich ferner.

Das Wichtigste aber: Musk und seine Unternehmen haben wesentlich dazu beigetragen, gerade unter den Jüngeren in der westlichen Welt den gesellschaftlichen Mindset wieder mehr in Richtung Zukunfts- und Technikoptimismus zu drehen. Von dem war seit den 1980ern wenig zu spüren gewesen.

Das war schon einmal anders: Bis mindestens Ende der 1960er Jahre herrschte dies- und jenseits der ideologischen Mauer der feste Glaube an Planbarkeit und Fortschritt durch Technologie – rückblickend heute manchmal verächtlich Machbarkeitswahn genannt. Die Eroberung des Weltraums hatte gerade erst begonnen, man gab sich dem Rausch des Höher, Schneller und Weiter hin, ohne auf die Folgen für Ökologie und menschliche Gesundheit zu achten.

Mit den 1970er Jahren folgten auf Hippie- die New-Age- und Ende des Jahrzehnts die Ökologie-Bewegung. Neben dem legitimen Hinweis darauf, dass technischer Fortschritt und Wirtschaftswachstum nicht die einzigen Kriterien sein sollten, nach denen Menschen und ganze Gesellschaften ihr Leben ausrichten, brachten die grünen Bewegungen auch den Rückgriff auf die Romantik und das Gefühl – und damit das Irrationale. Und das bedeutete leider auch die irrationale – und damit unbegründete und nur auf Gefühlen basierende – Ablehnung von Technik. Warnten die Grünen in den 1980er vor dem „Computerstaat“, lehnen sie bis heute gentechnisch veränderte Organismen ab.

Bei der Revitalisierung des Zukunftsoptimismus nimmt die Inszenierung natürlich eine wichtige Rolle ein. Das Model S von Tesla verhalf nicht deshalb dem Elektroauto zum Durchbruch, weil dem Unternehmen technisch etwas gelungen ist, das zuvor noch keinem Hersteller gelang. Das Model S war schnell, schick und befreite das Elektroauto „vom Müsli-Image“ wie es Daimler-Chef Dieter Zetsche einmal ausdrückte. Heute planen alle relevanten Autohersteller, eine breite Auswahl an Elektroautos in den kommenden Jahren auf den Markt zu bringen.

Elon Musk ist Meister der Inszenierung

Auch bei seinen Raumfahrt-Aktivitäten weiß Elon Musk sein Unternehmen in Szene zu setzen. Der Transport eines Teslas in den erdnahen Orbit und der anschließende Video-Livestream aus dem All durch den neuen Raketentyp Falcon Heavy für schwere Lasten ist mindestens mal der Marketing-Stunt des Jahrzehnts. Doch die Inszenierung darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Musk auch hier Dinge gelungen sind, die zuvor von fast allen Raumfahrtexperten für unmöglich gehalten wurden: eine private Raumfahrtorganisation, die Satelliten zu einem Bruchteil der Kosten ins All schießt, die zuvor bei der Nasa anfielen – und bei denen große Teile der Rakete sogar wiederverwendet werden können.

Manche mögen Raumfahrt für Unsinn halten. Warum ins All fliegen, wenn auf der Erde noch Menschen hungern und Kriege stattfinden? Warum Tonnen von Treibstoff in die Luft blasen, wenn wir das Problem des menschengemachten Klimawandels noch immer nicht in den Griff bekommen haben?

Das ist eine legitime Perspektive. Aber Musk denkt langfristig und groß. Vielleicht denkt er zum Beispiel daran, was Menschen in 1.000 oder gar 10.000 Jahren über unsere Zeit sagen werden. Vermutlich wird sie dann nicht der Syrien- oder Irakkrieg interessieren. Vermutlich wird selbst der Kalte Krieg bis dahin höchstens noch eine historische Randnotiz sein. Gut vorstellbar ist, dass sich Menschen in 1.000 oder 10.000 Jahren für unsere Zeit vor allem deshalb interessieren, weil wir die ersten, vorsichtigen Schritte vor die Tür unseres eigenen Planeten machen. Etwas, das in ferner Zukunft einmal die Grundlage dafür werden könnte, dass die Menschheit zu einer multiplanetaren Spezies wird.

Und Musk weiß auch, dass der Mensch zum Träumen gemacht ist. Er besitzt neben der Fähigkeit zum rationalen Denken auch die Fähigkeit zur Imagination – und erst diese Kombination macht ihn zu dieser auf der Erde einzigartigen Spezies, die sich nie damit zufrieden gegeben hat, satt zu sein und es warm zu haben. Nur deshalb nutzen wir unseren Verstand, um Städte und Wolkenkratzer zu bauen, zum Mond zu fliegen oder Computer zu bauen, weil wir uns eine andere und bessere Welt mit diesen Dingen vorstellen als ohne.

Diese Ziele und Vorstellungen wirken auf individueller aber auch gesellschaftlicher Ebene. Die Zeit der großen gesellschaftlichen Visionen scheint allerdings vorbei. Der Sozialismus zeigte, dass der Versuch, eine gesellschaftliche Utopie umzusetzen, schnell in totalitären Dystopien endet. Auch andere einigende Ideologien wie Nationalismus wurden und werden immer wieder missbraucht.

Gesucht: Gesellschaftliche Vision ohne Grenzen

Doch auch nach dem Untergang der großen gesellschaftlichen Ideologien bleibt bei vielen der Wunsch nach Visionen, die über die eigene Lebensplanung hinausgehen. Viele der großen gesellschaftlichen Visionen der Vergangenheit waren vor allem deshalb schädlich, weil sie ein „Innen“ und ein „Außen“ hatten – sie brauchten einen Gegner, um zusammenzuschweißen. Kapitalismus und Demokratie gegen real existierenden Sozialismus, Religionen und Nationen gegeneinander. Kann es eine zeitgemäße gesamtgesellschaftliche Vision geben, die in einer globalisierten Welt keine neuen Grenzen aufzieht, sondern alle mitnimmt?

Schon die Mondlandung 1969 hatte große Teile der Welt vor den Fernsehern vereint – zumindest die, die sich damals einen Fernseher leisten konnten und in einem Teil der Welt lebten, in den das Ereignis übertragen wurde. Der Falcon-Heavy-Start war schon eine eine Art Mini-Mondlandung unserer Generation: 2,3 Millionen Menschen verfolgten den Youtube-Livestream – geschlagen nur vom vom Stratosphärensprung von Felix Baumgartner 2012. Der Blick in die Sterne vereint – und setzt unser Leben auf der Erde in Relation. Wer kann beim Anblick der Erde aus dem All noch ernsthaft so kleingeistig sein zu glauben, dass künstlich gezogene Grenzen von Nationen, Religionen oder Ethnien uns als Menschheit trennen sollten? Wer erkennt nicht, dass unser kleiner blauer Planet unsere gemeinsame Heimat ist, die es zu pflegen und bewahren gilt?

Musk und SpaceX lenken unseren Blick durch die Inszenierung wieder auf diese Perspektive – und regen unsere Imagination an. Was können wir als Menschheit noch alles erreichen, wenn wir unsere Kreativität und den Erfindergeist in Projekte fließen lassen, hinter denen große Teile der Menschheit stehen?  Wie kann Technologie unser aller Leben verbessern?

Endlich erscheint Technologie wieder als Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Eine Zukunft mit sauberer Energie, reiner Luft und ohne Staus. Und eine Zukunft, in der wir als Menschheit gemeinsam den nächsten großen Schritt anstreben: die Eroberung des Weltraums. Der Technikoptimismus der 1960er Jahre ist in einer weniger naiven Version zurückgekehrt – und der „No Future“-Pessimismus der 1980er Jahre weitgehend beerdigt.

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