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Kolumne

Kind und Karriere: Lieber Vorbild sein anstatt alte Rollenbilder weitergeben

Kind und Karriere – das ist und bleibt ein Reizthema. Oft wird hierzulande über Politikversagen und schlechte Rahmenbedingungen diskutiert. Dabei sollten wir viel mehr darauf achten, welche Rollenbilder wir den nächsten Generationen mitgeben.

Von Alexander Schulz
4 Min.
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Kinder und Karriere. (Foto: Vladimirova Julia / Shutterstock.com)

Um es vorab klarzustellen: Ich habe keine Kinder. Es steht mir nicht zu, Ratschläge für Eltern auszusprechen. Mir geht es um das, was Kinder von ihren Eltern vorgelebt bekommen und warum diese Werte und Normen so essenziell für das Thema Kind und Karriere sind. Sicher, nicht jeder schlägt den Weg seiner Eltern ein. Manche Menschen rebellieren und wollen das genaue Gegenteil. Aber dennoch werden wir durch unsere Eltern geprägt.

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Meine Mutter war lange Zeit alleinerziehend. Zwei Kinder, Job in der Pflege. Unterhaltszahlungen: Fehlanzeige. Eine Situation, wie sie wohl viele Frauen und Männer in Deutschland kennen. In so einer Lage trotzdem eine Karriere und beruflichen Aufstieg anstreben? Kritisch. Überstunden, Fortbildungen, wachsende Verantwortung im Job und zu Hause sitzen zwei Kinder. Meine Schwester war zwölf, ich neun Jahre alt als unsere Eltern sich getrennt haben. Mein Vater war keine Hilfe, kein Wochenendpapa, kein Vater, der zumindest stundenweise mal eingesprungen ist. Meine Mutter war allein mit uns – und ist gleichzeitig beruflich durchgestartet.

Die Rahmenbedingungen befeuern die Ungleichheit

Ich will nicht das Alleinerziehenden-Modell empfehlen. Es geht darum, was diese Zeit und diese Erfahrung mit mir gemacht haben. Für mich ist aufgrund meiner eigenen Sozialisierung klar, dass ein Kind bedeutet: 50/50. Ich muss mich nicht dazu zwingen, ich finde das einfach nur fair. Ich weiß, wie unfair es anders sein kann.

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Doch für viele Menschen ist es das nicht, auch in meinem Umfeld. Sobald aus einem Paar eine Familie wird, verfällt es in traditionelle Rollenmuster: Er kümmert sich vorrangig um seine eigene Karriere und schafft das Geld ran, sie um das gemeinsame Kind. Klar, diese Entscheidung treffen viele auch nicht wirklich freiwillig. Ehegattensplitting, Steuerklassen, Mutterschutzzeiten – all das befeuert die Ungleichheit und sorgt wiederum dafür, dass sich die Rollenbilder, die hinter diesen Strukturen stehen, noch weiter verfestigen. Ein Teufelskreis.

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Traditionelle Rollenbilder sind das größte Problem

Die 18. Shell Jugendstudie von 2019 hat ergeben, dass traditionelle Rollenbilder in Deutschland weiter fest verankert sind. Für die Studie wurden Jugendliche befragt, wie sie sich die Aufteilung der Erwerbstätigkeit vorstellen würden, wenn beide 30 Jahre alt wären und ein zweijähriges Kind hätten. Das Ergebnis: Junge Männer und Frauen sind sich recht einig bezüglich der bevorzugten Rollenverteilung. In einer Partnerschaft mit kleinem Kind sollte die Frau und nicht der Mann beruflich kürzertreten. 65 Prozent der Frauen würden gerne maximal halbtags arbeiten – und 68 Prozent der jungen Männer wünschen sich genau das von ihrer Partnerin.

Sprechen wir in Deutschland über Kind und Karriere, geht es häufig um fehlende Rahmenbedingungen für Eltern und um Politikversagen. Dabei sind die tradierten Rollenbilder das größte Problem. Solange in den Entscheiderpositionen Männer und Frauen sitzen, die selbst mit dem klassischen Ernährermodell aufgewachsen sind, wird sich nur langsam etwas ändern. Wir wissen doch alle, wie schwer es ist, sich gegen die eigene Sozialisierung zu wenden. Wenn es schon schwierig genug ist, mal auf gesüßte Lebensmittel zu verzichten – wie ungemütlich ist es dann erst, sich gegen das Lebensmodell zu stellen, das einem aus jeder Pore dieses Landes entgegenströmt und mit dem man vielleicht selbst aufgewachsen ist?

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Väter müssten Einbußen in Kauf nehmen

Wirkliche Gleichberechtigung vorzuleben, bedeutet eben auch, Abstriche machen zu müssen. Väter müssen dafür ihre Privilegien aufgeben, Einbußen in Kauf nehmen. Und Mütter müssen das in ihrer Partnerschaft einfordern. Nicht jedes Paar kann es sich leisten, so resolut vorzugehen. Aber es gibt in Deutschland genügend, die es könnten. Mit zwei Monaten Elternzeit und im Haushalt helfen ist es halt nicht getan. Wenn ich als Mann möchte, dass sich traditionelle Rollenbilder ändern, reicht es nicht, einen geharnischten Tweet aufzusetzen und in Richtung Staat zu blöken. Ich muss bei mir selbst anfangen. Nicht für den Applaus meiner Bubble, nicht für den Schulterklopfer meiner Partnerin, sondern dafür, dass Gleichberechtigung tatsächlich irgendwann mal eintritt. Nicht zuletzt, damit die nachfolgende Generation sich auf ihre eigenen Kinder freuen kann, ohne Angst vor dem Karriereknick zu haben.

Erst, wenn wir die traditionellen Rollenbilder hinter uns lassen, werden sich die Rahmenbedingungen nachhaltig und schneller ändern. Das heißt nicht, dass kein Druck auf die aktuelle Regierung ausgeübt werden soll. Die Politik muss sich bewegen. Aber den Anfang sollten wir zu Hause machen, wenn wir nicht wollen, dass in zukünftigen Jugendstudien weiterhin über 60 Prozent der Frauen nur in Teilzeit arbeiten wollen und fast 70 Prozent der Männer genau das von ihren Partnerinnen einfordern.

Meine Mutter hat es geschafft, sie hat Karriere und Kinder unter einen Hut gebracht. Ich bin stolz, sie mein Vorbild nennen zu können, und bewundere sie für ihren Lebensweg, der oft schwierig genug war. Sie konnte nicht immer bei ihren Kindern sein, wenn sie es wollte, und sie konnte ihre Karriere nicht immer so zügig voranbringen, wie sie zu leisten im Stande gewesen wäre. Sie hat Abstriche gemacht. Aber damit hat sie mir gezeigt, dass sich Beruf und Familie vereinbaren lassen, trotz aller Widrigkeiten – und dafür gesorgt, dass ich mit einem anderen Rollenverständnis aufwachse als viele andere in diesem Land.

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Dein t3n-Team

Manuel

„Väter müssen dafür ihre Privilegien aufgeben, Einbußen in Kauf nehmen.“
Das Privileg nicht halbtags arbeiten zu können, die Einbuße sich ums Kind kümmern zu können?

Vom etwas-hergeben zu reden macht die Sache nicht symphatischer.

Sie stattdessen zu ermutigen auf die traditionellen Rollenmuster zu pfeifen und sich so zu arrangieren wie sie es selber für richtig finden wäre der bessere Weg. Der Mann darf ja immer noch der Hauptverdiener sein – er darf aber auch Hausmann sein, egal was die alte Schabracke aus der Nachbarwohnung lästert.

Antworten
Nope

Wo ist das Problem, ab acht Monaten kann man sein Kleinkind bis zu 12 Stunden in der Kita einlagern und nach Feierabend verstört wieder abholen. Da können beide Eltern recht schnell wieder on Vollzeit arbeiten. Wenn die Kinder dann in die Schule gehen, gibts für die Zeit danach den Hort. Wenn die Eltern dann Hilfe brauchen, dafür gibts das Altersheim. Niemand muss sich wirklich um seine Sippschaft kümmern.

Antworten
Insomnia88

„Wirkliche Gleichberechtigung“ ist allein aus biologischen Gründen nicht möglich. Wie der Autor schon sagt gibt es den Mutterschutz. Das ist keine reine politische Erfindung. Die Frau trägt nun mal das Kind aus und damit hört es nicht auf – Stichwort Muttermilch. Wir haben zwar selbst zu Milchersatz gegriffen (aus privaten Gründen) aber jeder Arzt empfiehlt, dass die Mutter das Baby so lang es geht natürlich stillen sollte, sofern es möglich ist. Das hat nichts mit Rollenbildern zu tun sondern mit der körperlichen und geistigen Entwicklung des Kindes.
Ein Vater kann diese Rolle einfach nicht so gut übernehmen wie eine Mutter. Es sei denn die Mutter produziert keine oder zu wenig Milch – dann wären beide „Rollen“ austauschbar.

Das Problem bei dem Wort „Gleichberechtigung“ ist, dass es oft mit einem „Zwang“ gleichgesetzt wird. Wir haben grundsätzlich eine Gleichberechtigung (außer in kleinen Details wie schon oben angesprochen) aber ich habe das Gefühl, dass der Autor vergisst, dass einige Frauen nach der Entbindung gar nicht arbeiten wollen. Achja, das kommt natürlich daher, dass sie von Kind an so sozialisiert sind und das böse Patriachat alles dafür tut *roll eyes* – dementsprechend wird Frauen abgesprochen eigene Wünsche zu haben und eigene Entscheidungen zu treffen.

Vielleicht schieße ich aber auch voll am Thema vorbei, weil der Autor ja im ersten Abschnitt sagt, dass es um die Rollenbilder geht, die Kinder vorgelebt bekommen. Ich sehe in meinem Umfeld nur nicht diese klassische Verteilung, dass Frauen zu Haus bleiben während der Mann Karriere macht. Lediglich in der ersten Zeit nach der Geburt bis das Kind in die Kita kommt. Danach ist alles 50/50. Da ja auch keine Studie/Statistik dazu angegeben ist, hört sich das alles nach „gefühlt ist es so“ an. Die einzige angesprochene Statistik ist die zu den Jugendlichen. Einziger Haken dabei ist, dass Eltern von Jugendlichen noch zu einer Generation gehören wo diese Rollenbilder stärker vertreten waren. Um einen aktuellen Stand zu haben, sollte man sich die jungen Eltern dieser Generation ansehen. Selbst ich als relativ junges Elternteil (liege sogar knapp unter dem aktuellen Durchschnittsalter für das erste Kind) bin noch mit klassischen Rollenbildern „aufgewachsen“, doch waren die halt nicht mehr so stark wie noch zuvor.

Antworten
Das Brot

Beginnt mit den Worten: „Um es vorab klarzustellen: Ich habe keine Kinder. Es steht mir nicht zu, Ratschläge für Eltern auszusprechen.“ nur um dann den restlichen Artikel lang Ratschläge für Eltern auszusprechen.

Warum muss es immer das veränderte Rollenbild sein? Warum ist es falsch wenn meine Frau und ich uns bewusst dafür entscheiden?
Die Wahl zu haben bedeutet die Wahl frei treffen zu können und nicht dazu gezwungen zu werden etwas zu tun das man gar nicht will nur damit es gerade ins Weltbild von ein paar Leuten passt.
Dazu gehört auch das es völlig ok ist wenn man traditionell das ganze behandeln möchte. Wenn man das nicht will dann tut man es halt nicht. In der Realität ist das ohnehin nicht so schwarz und weiß aber da kann der Autor hier schlecht mitreden.

Finde das sehr anmaßend auf der einen Seite eine freie Wahl zu propagieren nur um dann den Leuten vorzuschreiben wie sie sich zu entscheiden haben.

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