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Urlaubstage für die Menstruation helfen niemandem

Sonne, Strand, Meer, Blut, Krämpfe – wie man sich Ferien halt vorstellt. Die Idee des Menstruationsurlaubs ignoriert die Lebenswirklichkeit aller Menschen, findet unsere Autorin.

5 Min.
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Menstruationsschmerzen können für Frauen im Berufsleben ein Problem sein. (Foto: Shutterstock)

Es gab Phasen in meinem Leben, da konnte ich nicht aufstehen, wenn ich meine Tage bekam. Mein Freund hielt meine Hand, ich wand mich im Bett – mit dem Gefühl, von einer unsichtbaren Macht verdroschen zu werden. Und es gab einen Arbeitgeber, da habe ich mir an diesen Tagen artig Urlaub genommen. Menstruationsurlaub sozusagen, abgezogen von meinen Urlaubstagen, und entschuldigt habe ich mich auch. Wortreich.

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Und dennoch halte ich das Konzept des Menstruationsurlaubs für zu kurz gegriffen. Das Thema kommt alle paar Jahre mal auf, aktuell ist ein Gesetzesentwurf in Spanien der Aufhänger. Dort soll ein Rechtsanspruch auf freie Tage verankert werden. Die Idee ist grundsätzlich gar nicht schlecht, schließlich soll hier realen gesundheitlichen Bedürfnissen begegnet werden. Also fragen wir uns in Deutschland erneut: Wollen wir das auch?

Das ganze System ist veraltet

Ich würde sagen: Wir wollen das auf keinen Fall. Alternative Regelungen wären leichter zu schaffen und würden allen helfen. Dafür müssten wir uns aber endlich mal trauen, ein bald 140 Jahre altes System zu überarbeiten. In Deutschland sind wir stolz darauf, dass Otto von Bismarck im Jahr 1883 die Krankenversicherung einführte (jaja, die Bayern waren etwas früher dran, weiß ich). Dieses System wurde immer weiter ausgeweitet, aber die Basis bildeten immer die gleichen Grundlagen:

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  • Menschen arbeiten ausnahmslos an Betriebsstätten.
  • Sie sind entweder arbeitsfähig oder nicht.
  • Sie müssen vom ersten Tag an überwacht werden.
  • Man kann ihnen nicht vertrauen.

Bestenfalls haben Arbeitnehmende noch drei Tage Zeit, bis das Attest vorliegen muss – ausgestellt sein muss es aber am ersten Krankheitstag. Davon hängen dann auch Faktoren wie Lohnfortzahlung oder später Krankengeld ab.
Für Frauen mit Menstruationsbeschwerden bedeutet das: Sie bekommen bereits Krankentage, müssen also keinen Urlaub nehmen und der Firma auch keinen Grund für ihr Fehlen mitteilen. Allerdings müssen sie in jedem Monat ein Attest vorlegen. Und auf die Dauer ist eine Kündigung wegen häufiger Krankheit wenigstens theoretisch möglich.
Die Idee eines Menstruationsurlaubs könnte dieses System vereinfachen, das stimmt. Der Preis ist allerdings zu hoch.

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Ein ganzer Schwung Probleme

Derzeit sprechen wir von Menstruationsurlaub, damit wir ein Schlagwort haben. Wir wollen Wiedererkennungswert schaffen. Ich benutze dieses Wort auch, schließlich möchte ich, dass Interessierte diesen Text im Netz auch finden. Allerdings ist der Begriff wertend. Wie Urlaub fühlen sich diese Tage ganz sicher nicht an. Noch dazu schwingt bereits jetzt ein Vorwurf mit, als handele es sich um unberechtigte zusätzliche Urlaubstage.

Wir müssen auch über die unbequeme Wahrheit sprechen, dass Frauen noch immer diskriminiert werden. In toxischen Arbeitsumfeldern können regelmäßige Abwesenheiten aufgrund der Menstruation zur Gefahr werden, weil Frauen in den Tagen davor möglicherweise in ihrer Kompetenz abgewertet werden. Diese Form der Diskriminierung am Arbeitsplatz geschieht, da müssen wir uns nichts vormachen, durch Männer und Frauen. Wir sind als Gesellschaft noch nicht so weit, die weibliche Fruchtbarkeit als normalen biologischen Prozess anzuerkennen.

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Die klügste Lösung für die Karriere ist es dann, den „Menstruationsurlaub“ bewusst nicht zu nehmen. Damit ist also niemandem geholfen, während für viele Menschen ein Risiko entsteht. Danke für nichts. Aber es geht besser.

Kontrolle war noch nie gut – Vertrauen ist besser

Wenn wir uns trauen, etwas freier zu denken, dann kommen wir sehr schnell zu einem System, von dem alle Menschen profitieren – sogar die Unternehmen. Das aktuelle System baut auf all den Vorurteilen auf, die reiche Menschen früher von ihren Arbeiterinnen und Arbeitern hatten. Es geht davon aus, dass Menschen nicht arbeiten wollen. Und dass sie ein auf Eigenverantwortung basierendes System für ihren eigenen Vorteil benutzen würden.

Aus der „Science of Trust“-Forschung, der sich der Neuroökonom Paul Zak widmet, wissen wir schon seit vielen Jahren, dass diese Annahme Unsinn ist. Menschen, denen Vertrauen entgegengebracht wird, reagieren mit Vertrauenswürdigkeit. Sie wollen das Vertrauen nicht verspielen, also hängen sie sich rein. Allzu viele Gewissheiten gibt es in der Verhaltenswissenschaft nicht. Aber dies ist eine, die für die meisten Menschen gilt und in vielen Experimenten immer wieder belegt wurde.

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Schlauer kranksein – für alle

Würden wir uns in Deutschland endlich mal trauen, die Regeln für Krankentage dauerhaft zu vereinfachen, wäre vielen Menschen geholfen. Es gibt nämlich nicht nur die Menstruation.

Es gibt chronische und rezidivierende Krankheiten, die Menschen belasten. Krankheiten, die unangenehm genug sind, um nicht zur Arbeit zu gehen – und auch sicher nicht in eine Arztpraxis. Denken wir an Migräne, die Dreivierteljahr Kita-Erkältungen bei Eltern, chronische Krankheiten des Verdauungstrakts. Kein vernunftbegabter Mensch würde wegen a) Kinkerlitzchen oder
b) wiederkehrenden Krankheiten jedes Mal in die Praxis gehen. Selbst bei schweren und schlimmen Krankheiten ist dies nicht immer nötig, denn Patientinnen und Patienten lernen sich selbst ziemlich gut kennen. Aber von Arbeitnehmenden verlangen wir diesen Gang. Immer wieder und wieder. „Brauchen Sie außer dem Attest sonst noch was?“ – „Nein.“ Ja, ach.

Man stelle sich einmal vor, wie viel günstiger, effektiver, effizienter und menschlicher unsere medizinische Versorgung wäre, wenn wir das System nicht für einen bürokratischen Dinosaurier überlasten würden. Telemedizin (schönes Wort, oder?) ist da nur ein erster Schritt. Vertrauen ist der letzte Schritt: Lasst uns einfach davon ausgehen, dass Angestellte selbst beurteilen können, ob sie an einem Tag in die Firma fahren oder es lassen, ob sie nach einer schlaflosen Nacht lieber erst später anfangen, ob sie bei schweren körperlichen oder psychischen Beschwerden lieber nur das Nötigste von zu Hause aus erledigen oder auch mal nichts, weil das oft genug die beste Lösung ist. Und ob sie an diesem Tag medizinische Versorgung brauchen oder eine Wärmflasche.

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Auch eine Kranken-Teilzeit wäre denkbar, denn krank zu Hause zu arbeiten ist immer noch besser, als sich für das wichtige Projekt mit Beschwerden (oder ansteckend!) in die Firma zu schleppen.

Wir können das

In jedem Menschen liegt die Fähigkeit, vernünftig für sich selbst zu entscheiden. Menstruationsurlaub ist eine hübsche Idee, um diese Entscheidung ohne ärztliche Erlaubnis zu treffen. Sie greift aber viel zu kurz. Sie ignoriert, dass alle Menschen wiederkehrende gesundheitliche Bedürfnisse haben, deren Erfüllung sie zu zufriedeneren und besseren Angestellten macht.

Und der Menstruationsurlaub ignoriert die Gefahren, die in ihm liegen. Es reicht nicht, zu sagen, dass ich als Frau das nicht will. Als Angestellte hätte ich Angst vor einer solchen Politik. Er wird der Gleichberechtigung mehr schaden als nützen.

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