Interview

Vier-Tage-Woche: Unternehmer sprechen über ihre Erfahrungen

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Vier-Tage-Woche: 4 Unternehmer sprechen über ihre Erfahrungen

Anna Kaiser und Jana Tepe (v.l.): „Die Vier-Tage-Woche ist bei uns also eine Option.“ (Foto: Tandemploy)

Anna Kaiser und Jana Tepe haben Tandemploy 2013 in Berlin gegründet. Sie entwickeln eine innovative HR-Software, die Unternehmen von innen heraus flexibilisiert. Dabei nutzen sie den stärksten Hebel, den Organisationen haben: die eigenen Mitarbeiter. Die Belegschaft, und nicht etwa das Management, benutzt und betreibt das Programm und wird somit zum Ideengeber für flexible Arbeits- und Kollaborationsformen. Für ihre gleichermaßen disruptive und alltagstaugliche Technologie wurden die beiden Gründerinnen und ihr 17-köpfiges Team bereits dutzendfach ausgezeichnet. Die Berliner arbeiten von Anfang an maximal flexibel. 

t3n: Warum habt ihr die Vier-Tage-Woche eingeführt und wie verteilen sich die Stunden auf die Arbeitswoche? 

Jana Tepe: Bei uns arbeitet jeder seine gewünschte wöchentliche Stundenzahl, im Schnitt sind das um die 32 Wochenstunden. Wie man seine Stunden verteilt, entscheidet man eigenverantwortlich und natürlich in enger Absprache mit den unmittelbaren Teamkollegen, deren Aufgaben mit den eigenen zusammenhängen. Die Vier-Tage-Woche ist bei uns also eine Option, die derzeit fünf von 17 Kollegen gewählt haben. Wieder andere verteilen ihre Stunden auf drei oder auch auf fünf Tage.

t3n: Ist die Produktivität dadurch gleich geblieben oder vielleicht sogar angestiegen?

Anna Kaiser: Die Forschung zeigt, dass Menschen in Teilzeitmodellen produktiver sind als Vollzeitangestellte, im Mittel zwischen zehn und 15 Prozent. Bei Jobsharing-Paaren, die nochmals eine engere Teamkonstellation und einen hohen Selbstmanagement-Fokus haben, spricht man sogar von bis zu 30 Prozent mehr Produktivität. Natürlich ist das in der Praxis schwer messbar, aber ich spüre deutlich, dass wir ein hochmotiviertes Team haben, das – in wirklich kurzen Zyklen – innovative Produkte auf den Markt bringt. Auch arbeite ich nun teilweise mit Teilzeit-Kollegen zusammen, die ich schon aus früheren Vollzeitarbeitsverhältnissen kenne. Und ich behaupte: Sie schaffen in 25 bis 30 Stunden genauso viel wie früher in 40 Stunden.

t3n: Wie lange hat es gedauert, bis sich das Arbeitszeit-Modell eingespielt hat? 

Tepe: Das hat eigentlich von Beginn an sehr gut funktioniert, weil es einfach auch sehr fest in unserer Kultur verankert ist. Jetzt, wo wir weiter wachsen, merken wir aber, dass es ein paar mehr Regeln braucht. Aus großer Freiheit folgt eben auch große Verantwortung. Wir müssen uns sogar besser absprechen als Kollegen in klassischen Hierarchien mit festen Präsenzzeiten. Die Regeln hierfür finden wir gemeinsam im Team, probieren sie aus, verwerfen einige wieder, behalten gute Dinge bei. Es ist, auch für uns, immer wieder ein Experiment, das wir aber unbedingt eingehen wollen. Wir gewinnen damit ja alle.

t3n: Konntet ihr durch die Vier-Tage-Woche auch Kosten sparen?

Kaiser: Tatsächlich bewerben sich bei uns wegen der flexiblen Arbeitsmodelle viele tolle und auch sehr erfahrene Menschen, die wir uns zu deren Ursprungsgehältern eigentlich kaum leisten könnten. Wenn wir dann aber gemeinsam mit den Bewerbern anfangen, mit der Stundenzahl zu spielen, kommen wir eigentlich immer auf einen Deal, der für alle vorteilhaft und leistbar ist. Das Argument, mehr Zeit zu haben, darf man nicht unterschätzen, denn sie ist immerhin das Wichtigste, was wir haben.

Grundsätzlich versuchen wir dennoch immer überproportional zu zahlen und uns nicht an dem Standard der 40-Stunden-Woche und den damit assoziierten Gehältern aufzuhängen. Wir haben bestimmte Budgets für bestimmte Aufgabenfelder und fragen immer erst die Bewerber nach ihrem Wohlfühl-Wunsch-Gehalt. In den allermeisten Fällen können wir dieses auch zahlen oder aber werfen unsere weiteren Vorzüge ins Rennen: 30 Urlaubstage plus bayrische Feiertage, maximale Flexibilität und Zeitsouveränität.

t3n: Hast du das Gefühl, dass die Kollegen entspannter sind?

Kaiser: Auf jeden Fall. Unsere Arbeitsweise ist allermeistens entspannt, aber dennoch sehr konzentriert und zielorientiert. Dadurch, dass wir eben alle flexibel und auch alle anders arbeiten und hier sind, müssen wir uns sehr gut absprechen, für andere mitdenken, empathisch sein. Das ginge gar nicht anders.

t3n: Wie verbringen die Mitarbeiter ihren gewonnen Tag?

Tepe: Ganz unterschiedlich! Einige haben kleine Kinder, einer lernt an seinem freien Freitag Deutsch, andere sind künstlerisch tätig und spielen im Theater oder machen Musik. Wieder andere engagieren sich ehrenamtlich. Eine bunte Mischung verschiedener Interessen und Themen – wie im echten Leben eben.

t3n: Gab es auch Kollegen, die mit dem Arbeitszeitmodell wenig anfangen konnten?

Tepe: Manche Kollegen möchten in ihrer aktuellen Lebensphase gerne 40 Stunden die Woche arbeiten. Das geht natürlich auch, ist eben nur nicht das Nonplusultra, an dem man nicht rütteln darf. Denn wer hat eigentlich gesagt, dass jeder Job und jedes Lebensmodell am besten in eine 40-Stunden-Arbeitswoche passt? Das kann super passen, muss es aber eben nicht.

t3n: Ist die Vier-Tage-Woche etwas, das du grundsätzlich jedem Unternehmen empfehlen würdest?

Kaiser: Auf jeden Fall würden wir jedem Unternehmen mehr Flexibilität und Lebensfreundlichkeit empfehlen. Ob in Form einer Vier-Tage-Woche oder in Form verschiedener Teilzeit- oder Jobsharing-Modelle, ist dabei eigentlich zweitrangig und sicher auch individuell nach Branche und Tätigkeiten. Viel wichtiger ist, die grundsätzliche Offenheit, andere Arbeitsweisen und -modelle auszuprobieren und das für sich passende Mosaik daraus zu basteln. Die Mitarbeiter kann und sollte man dabei unbedingt einbeziehen, denn flexible Unternehmen gestalten wir am Ende alle gemeinsam. Das ist ein Geben und Nehmen.

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