Kolumne

Vor der Wahl: Warum ihr mehr braucht als den Wahl-O-Mat

Der Wahl-O-Mat sollte nicht die einzige Informationsquelle sein (Bild: Shutterstock).

Lesezeit: 5 Min.
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Der Wahl-O-Mat und seine Klone wollen zeigen, mit welchen Parteien wir übereinstimmen. Leider ist es falsch, anzunehmen, dass so ein Algorithmus zu einer sinnvollen Wahlentscheidung führen müsse. Kurz vor der Entscheidung am Sonntag schauen wir auf die Wahl-O-Matisierung der Demokratie.

Der Wahl-O-Mat ist mittlerweile eine Institution. Wenn er für eine Bundestagswahl freigeschaltet wird, ist die Nachfrage so groß, dass schon einmal der eine oder andere Server kurzzeitig unter der Last zusammenbricht. Es ist ja auch verlockend: Beantworte eine Reihe von Fragen und ich sage dir, welche Partei du wählen sollst.

Bei näherem Hinsehen ist dieses Versprechen unhaltbar, was die Bundeszentrale für politische Bildung – die Herausgeberin des Wahl-O-Mat – auch in ihren FAQ schreibt: Das Tool dient der Orientierung und der Auseinandersetzung mit den Inhalten der Parteien und dem Nachdenken über den eigenen Standpunkt. Besonders wird empfohlen, die Begründungen der jeweiligen Parteien zu lesen.

Aber auch mit diesen Einschränkungen im Hinterkopf gibt es einiges zu kritisieren. Zum Beispiel die Auswahl der Fragen. So beklagt die Journalistin Sham Jaff, dass zwar Gendern Thema sei, nicht aber Seenotrettung oder Polizeigewalt.

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Das Problem: Die Inhalte basieren auf den Aussagen in den Parteiprogrammen, die von Arbeitsgruppen sortiert und gefiltert werden, bis die 38 Fragen zusammengestellt sind, die die Parteien mit „stimme zu“, „stimme nicht zu“ oder „neutral“ beantwortet haben. Die PDFs der Wahlprogramme aller im Bundestag vertretenen Parteien sind zusammen 942 Seiten lang. Da wird es schwierig, zu beurteilen, ob die Themenauswahl wirklich nur wiedergibt, wie die Parteien die Themen beleuchten.

Inhaltlich bleibt beim Auswahlprozess jedenfalls viel auf der Strecke. Digital- und Netzpolitik wird auf die Frage nach Besteuerung von Internetkonzernen und ein Recht auf Homeoffice reduziert. Breitbandausbau? Upload-Filter? Smart Cities? Startup-Förderung? Urheberrecht? Cyberwar? Staatstrojaner? IT-Sicherheit, insbesondere nach den vielen Ransomware-Angriffen? Spielt alles keine Rolle.

Ähnlich sieht es in der Gesundheitspolitik aus: Die Corona-Pandemie und ihre Folgen, die sich sehr wohl auch in den Wahlprogrammen niederschlagen, kommen im Wahl-O-Mat nicht vor. Kein Wort zum Thema Pflegenotstand, absolut gar nichts zur Inklusion von Menschen mit Behinderung, zur Bürgerversicherung oder den vielen anderen gesundheitspolitischen Themen, die gerade in den letzten Jahren mehr denn je debattiert wurden. Diese Aufzählung ließe sich mühelos um andere Politikfelder erweitern.

Die Flut der Wahl-O-Mat-Klone

Für die Bundeszentrale für politische Bildung ist das ein schwer zu lösendes Problem, schließlich dauern die Vorbereitungen Monate. Die Lücke versuchen zahlreiche andere Angebote zu füllen: Der Sozial-O-Mat wurde von der Diakonie ins Netz gestellt, um soziale Themen näher zu beleuchten; Wahltraut verschafft einen Überblick zu feministischen Themen; und der Steuer-O-Mat fragt nicht nach Inhalten, sondern dem Gehalt. Er zeigt, wie es sich aufs Netto auswirken würde, wenn eine Partei ihr Steuermodell durchsetzen könnte.

Und dann gibt es noch Deinwal, das der Frage nachgeht, wie die Parteien im jetzigen Bundestag abgestimmt haben, was unter anderem daran krankt, dass dabei natürlich nur die Parteien sichtbar sind, die überhaupt im Bundestag vertreten waren. Insgesamt scheint die Zahl der Wahl-O-Mat-Klone aber zurückgegangen zu sein. Der Digital-O-Mat fragte 2017 noch nach Themen rund um Digitalisierung, der Science-O-Mat hatte sich auf Wissenschaft und Bildung spezialisiert, der Euromat stellte Fragen rund um Europa. Diese Wahl-O-Mat-Klone sind nicht mehr dabei oder noch nicht fertig.

Die winzige Partei für Gesundheitsforschung ist es allerdings, die das Wahl-O-Mat-Prinzip ad absurdum führt – wenn auch unfreiwillig. Die transhumanistische Partei interessiert sich nur für einen einzigen Punkt: Krankheiten und deren Behandlung zum Zwecke des Human Enhancement und der Lebensverlängerung zu erforschen. In einer erträumten Koalitionsregierung will die Partei offenbar alles mitmachen, was der Koalitionspartner so auf der Agenda hat, solange die Milliarden für Gesundheitsforschung fließen.

Folgerichtig beantwortet die Partei allen Ernstes sämtliche Fragen mit „neutral“ – mit dem erstaunlichen Ergebnis, dass ich immerhin 54 Prozent Übereinstimmung mit ihr erziele, was ein rein statistischer Effekt ist. Ganz abgesehen davon, ob eine Partei, die sogar Fragen zum Thema CO2-Ausstoß und Klimakatastrophe neutral gegenübersteht, auch nur ansatzweise wählbar sein kann, zeigt dieses Ergebnis, woran das Prinzip Wahl-O-Mat krankt: Wahlentscheidungen lassen sich einfach nicht ohne Weiteres auf ein paar Fragen und einen Algorithmus reduzieren.

Der menschliche Faktor

Dabei passt die Grundidee des Wahl-O-Mat perfekt in unsere Zeit. Ständig füttern wir Algorithmen mit allerlei Daten und die spucken dann Ergebnisse aus, die als Entscheidungshilfe dienen sollen. Was ausgesprochen hilfreich ist, wenn ein Navi den kürzesten Weg berechnen soll, ist aber immer dann ein Problem, wenn wir die Ergebnisse erst noch interpretieren müssen: Wurden alle wichtigen Aspekte berücksichtigt? Wie genau muss ich hinsehen, um zu bemerken, dass ich eine scheinbar sehr hohe Übereinstimmung mit einer Partei habe, die dann aber in ein oder zwei Punkten Positionen vertritt, die ich absolut nicht teile und diese Partei für mich unwählbar machen?

Ein schönes Beispiel war 2017 der Tegel-O-Mat zum Volksbegehren, den mittlerweile geschlossenen Berliner Flughafen offen zu halten. Ein Ja auf die Frage, ob Berlin einen Ausweichflughafen zusätzlich zum BER brauche, bringt einen Punkt fürs Offenhalten des Flughafens Tegel, auch wenn man es für eine bekloppte Idee hält, einen solchen Flughafen mitten in der Stadt zu haben.

Beim Wahl-O-Mat ist die Interpretation noch relativ einfach: Die Bundeszentrale für politische Bildung selbst weist ja darauf hin, das Ergebnis nicht als Wahlempfehlung aufzufassen. Trotzdem ist es relativ schwierig, sich der Suggestion der Prozentzahlen zu entziehen. Der psychologische Effekt ist seit Langem bekannt: Die Zahl auf dem Bildschirm strahlt eine gewisse Autorität aus, besonders wenn sie auf den Monitoren von Sachbearbeiter:innen erscheint, die eher Stress mit ihren Vorgesetzten bekämen, würden sie sie infrage stellen, obwohl es der Job von Menschen sein sollte, die Ergebnisse von Algorithmen nochmal auf ihre Plausibilität zu prüfen.

Hinweis: Das Thema Digitalisierung kam im Wahlkampf oft zu kurz. Wir haben die Parteien deshalb explizit nach ihrer Meinung zu den wichtigsten Aspekten der Digitalisierung gefragt. Hier geht es zu unserem großen Digitalcheck zur Bundestagswahl 2021.

Köpfe statt Themen

Ob beim Wahl-O-Mat oder anderswo: Viel zu unterbelichtet bleibt der menschliche Faktor. Was in Parteiprogrammen steht, muss noch lange nicht Koalitionsverhandlungen überleben. Und was eine Koalition in ihren Vertrag schreibt, kann sich sehr von dem unterscheiden, wie am Ende tatsächlich regiert wird. Der alte Spruch „Themen statt Köpfe“ ist überbewertet. Außer einigen Epidemiologen sah niemand die Corona-Pandemie kommen und genauso werden in den kommenden vier Jahren Fragen auf uns zukommen, an die wir gerade noch gar nicht denken. Und dann kommt es darauf an, welchen Köpfen wir am ehesten darin vertrauen wollen, gut mit diesen Fragen umzugehen. Also darauf, welche Menschen das sind, die da auf den Listen stehen und als Direktkandidat:innen zur Wahl stehen.

Algorithmen sind immer noch erstaunlich schlecht darin, diesen menschlichen Faktor abzubilden. Egal, ob es um den Wahl-O-Mat geht oder eine Filmempfehlung beim Streamingdienst. Eines allerdings muss man dem Wahl-O-Mat und seinen Klonen lassen: Ein Screenshot vom Ergebnis zu posten, führt immer wieder zu angeregten und fruchtbaren Diskussionen in den sozialen Medien, warum man wen wählen sollte und wen nicht. Mit echten Menschen.

Die Hintergründe des Wahl-O-Mats hat t3n in diesem Artikel beleuchtet. 

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4 Kommentare
FranB
FranB

Den ganzen Artikel lang konnte ich immer nur mit dem Kopf nicken: so isses. Doch dann kam der vorletzte Satz: der Autor glaubt allen Ernstes in sozialen Medien „fruchtbare Diskussionen“ führen zu können? Offenbar gibt es da welche, die ich noch nicht kenne, denn FB, Twitter & Co. können wohl kaum gemeint sein.

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Dave
Dave

Hier ist wohl das „r“ verrutscht… gemeint war furchtbar…

Antworten
FranB
FranB

so wird es wohl sein.

Daniel
Daniel

Schon Lustig dass ein Magazin das kaum Open Source bedient – trotz seinen Wurzeln – den Wahlomat kritisiert, während es selbst unerträglich oft Software und New Work Tools mit eben solchen Automatismen pusht.

Auch der Wahl-O-Mat kann nur in Open Source nützlich sein. So hätte man auch die Fragestellungen als Community mitentscheiden können.

Aber: solange Open Source keine Presse bekommt, weil Magazine damit nichts verdienen, aufgrund fehlendem Werbebudget der Projekte, wird sich daran nichts ändern.

Darüber sollten sich die Autoren mindestens genau so viele Gedanken machen, wie über die Fragen im Wahl-O-Mat und dessen klone.

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