Kolumne

Die Wahl-O-Matisierung der Demokratie

Bundestagswahl 2017: Der Wahl-O-Mat ist wieder online. (Foto bpb / dunnnk)

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Eine ganze Armada von Wahl-O-Mat-Klonen will uns erklären, wie wir wählen sollten. Das Phänomen illustriert den Irrglauben, dass ein Algorithmus zu einer sinnvollen Entscheidung führen müsse.

Der Wahl-O-Mat ist mittlerweile eine Institution. Wenn er für eine Bundestagswahl freigeschaltet wird, ist die Nachfrage so groß, dass schon einmal der eine oder andere Server kurzzeitig unter der Last zusammenbricht. Es ist ja auch verlockend: Beantworte eine Reihe von Fragen und ich sage dir, wen du wählen sollst.

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Bei näherem Hinsehen ist dieses Versprechen unhaltbar, was die Bundeszentrale für politische Bildung – die Herausgeberin des Wahl-O-Mat – auch in ihren FAQ schreibt: Das Tool dient der Orientierung und der Auseinandersetzung mit den Inhalten der Parteien und dem Nachdenken über den eigenen Standpunkt. Besonders wird empfohlen, die Begründungen der jeweiligen Parteien zu lesen.

Aber auch dann gibt es einiges zu kritisieren. Zum Beispiel die Auswahl der Fragen. Man kann sich streiten, ob der Punkt „Der Völkermord an den europäischen Juden soll weiterhin zentraler Bestandteil der deutschen Erinnerungskultur sein“ ein unerträglicher Tabubruch war oder leider notwendig, um sichtbar zu machen, dass einige Parteien derlei vertreten. Das Problem: Die Inhalte basieren auf den Aussagen in den Parteiprogrammen, die von Arbeitsgruppen sortiert und gefiltert werden, bis die 38 Fragen zusammengestellt sind, die die Parteien dann wiederum mit „stimme zu“, „stimme nicht zu“ oder „neutral“ beantworten sollen.

Dabei bleibt inhaltlich viel auf der Strecke. Digital- und Netzpolitik wird auf die Frage nach „Fake News“ in sozialen Netzwerken reduziert. Breitbandausbau? NSA-Untersuchungssausschuss? Smart Cities? Industrie 4.0? Startupförderung? Urheberrecht? Cyberwar? IT-Sicherheit, insbesondere beim Internet der Dinge? Spielt alles keine Rolle.

Ähnlich sieht es in der Gesundheitspolitik aus: Wie sieht es mit der Finanzierung unwirksamer Pseudoheilverfahren durch gesetzliche Krankenkassen aus, während gleichzeitig kaum noch genügend Hebammen zur Verfügung stehen? Das sind grob die gesundheitspolitischen Fragen der vergangenen Monate, sie kommen aber im Wahl-O-Mat nicht vor. Diese Aufzählung ließe sich noch ziemlich lange fortsetzen.

Die Flut der Wahl-O-Mat-Klone

Für die Bundeszentrale für politische Bildung ist das ein unlösbares Problem, schließlich dauern die Vorbereitungen Monate. Die Lücke versuchen zahlreiche andere Anbieter zu füllen: Der Digital-O-Mat fragt nach Themen rund um Digitalisierung, der Science-O-Mat hat sich auf Wissenschaft und Bildung spezialisiert, der Euromat stellt Fragen rund um Europa und der Sozial-O-Mat wurde von der Diakonie ins Netz gestellt, um soziale Themen näher zu beleuchten.

Einen ganz anderen Blickwinkel nehmen der Steuerrechner der FAZ und der Steuer-O-Mat ein. Sie zeigen, wie es sich aufs Netto auswirken würde, wenn eine Partei ihr Steuermodell durchsetzen könnte, was teilweise zu sehr überraschenden Ergebnissen führt. Und dann gibt es noch Deinwal, der der Frage nachgeht, wie die Parteien im jetzigen Bundestag abgestimmt haben, was unter anderem daran krankt, dass dabei natürlich nur die Parteien sichtbar sind, die überhaupt im Bundestag vertreten waren.

Die winzige Partei für Gesundheitsforschung ist es allerdings, die das Wahl-O-Mat-Prinzip ad absurdum führt – wenn auch unfreiwillig. Die transhumanistische Partei interessiert sich nur für einen einzigen Punkt: Krankheiten und deren Behandlung zu erforschen. In einer erträumten Koalitionsregierung will die Partei offenbar alles mitmachen, was der Koalitionspartner so auf der Agenda hat, solange die Milliarden für Gesundheitsforschung fließen. Folgerichtig beantwortet die Partei allen Ernstes sämtliche Fragen mit „neutral“ – sogar die gesundheitspolitische Frage nach der Bürgerversicherung.

Mit dem erstaunlichen Ergebnis, dass ich immerhin 56 Prozent Übereinstimmung mit ihr erziele, was ein rein statistischer Effekt ist. Ganz abgesehen davon, ob eine Partei, die sogar der oben genannten Holocaust-Frage neutral gegenüber steht, auch nur ansatzweise wählbar sein kann, zeigt dieses Ergebnis, woran das Prinzip Wahl-O-Mat krankt: Wahlentscheidungen lassen sich einfach nicht ohne weiteres auf ein paar Fragen und einen Algorithmus reduzieren.

Der menschliche Faktor

Dabei passt diese Flut der Wahl-O-Mat-Klone perfekt in unsere Zeit. Ständig füttern wir Algorithmen mit allerlei Daten und die spucken dann Ergebnisse aus, das als Entscheidungshilfe dienen sollen. Was ausgesprochen hilfreich ist, wenn ein Navi den kürzesten Weg berechnen soll, ist aber immer dann ein Problem, wenn wir die Ergebnisse erst noch interpretieren müssen: Wurden alle wichtigen Aspekte berücksichtigt? Wie genau muss ich hinsehen, um zu bemerken, dass ich eine scheinbar sehr hohe Übereinstimmung mit einer Partei habe, die dann aber in ein oder zwei Punkten Positionen vertritt, die ich absolut nicht teile und diese Partei für mich unwählbar machen?

Ein schönes Beispiel ist der Tegel-O-Mat zum parallel laufenden Volksbegehren in Berlin. Ein Ja auf die Frage, ob Berlin einen Ausweichflughafen zusätzlich zum BER brauche, bringt einen Punkt fürs Offenhalten des Flughafens Tegel, auch wenn man es für eine bekloppte Idee hält, einen solchen Flughafen mitten in der Stadt zu haben.

Beim Wahl-O-Mat ist die Interpretation noch relativ einfach: Die Bundeszentrale für politische Bildung selbst weist ja darauf hin, das Ergebnis nicht als Wahlempfehlung aufzufassen. Trotzdem ist es relativ schwierig, sich der Suggestion der Prozentzahlen zu entziehen. Die Zahl auf dem Bildschirm strahlt eine gewisse Autorität aus, besonders wenn sie auf den Monitoren von Sachbearbeitern erscheint, die eher Stress mit ihren Vorgesetzten bekämen, würden sie sie in Frage stellen. Auch wenn das dahinter versteckte System kaum besser ist als ein Persönlichkeitstest in einer Frauenzeitschrift.

Köpfe statt Themen

Ob beim Wahl-O-Mat oder anderswo: Viel zu unterbelichtet bleibt der menschliche Faktor. Was in Parteiprogrammen steht, muss noch lange nicht Koalitionsverhandlungen überleben. Und was eine Koalition in ihren Vertrag schreibt, kann sich sehr von dem unterscheiden, wie am Ende tatsächlich regiert wird. Der Spruch „Themen statt Köpfe“ ist überbewertet. Denn schließlich werden in den kommenden vier Jahren Fragen auf uns zu kommen, an die wir gerade noch gar nicht denken. Und dann kommt es darauf an, welchen Köpfen wir am ehesten darin vertrauen wollen, gut mit diesen Fragen umzugehen. Also darauf, welche Menschen das sind, die da auf den Listen stehen und als Direktkandidaten zur Wahl stehen.

Algorithmen sind immer noch erstaunlich schlecht darin, diesen menschlichen Faktor abzubilden. Egal ob es um den Wahl-O-Mat geht oder eine Filmempfehlung beim Streamingdienst. Eines allerdings muss man dem Wahl-O-Mat und seinen Klonen lassen: Ein Screenshot vom Ergebnis zu posten, führt immer wieder zu angeregten und fruchtbaren Diskussionen in den sozialen Medien, warum man wen wählen sollte und wen nicht. Mit echten Menschen.

Die Hintergründe des Wahl-O-Mats hat t3n in diesem Artikel beleuchtet. 

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