Kolumne

50 Jahre Internet: Wir sind dekadent!

Unsere Nutzung des Internets und unserer Technologie wird immer dekadenter. (Grafiken: Shutterstock Montage: t3n)

Unsere Nutzung des Internets und moderner Technologie wird immer dekadenter und wir verschwenden Ressourcen. Wieso und wie sich jetzt etwas ändern muss.

Es ist der 29. Oktober 1969, Charley Kline sendet in Los Angeles an der University of California die erste Nachricht über das Arpanet. In Woodstock singt Joan Baez „We shall overcome“, die Concorde absolviert ihren ersten Testflug und die Apollo-11-Mission führt den Menschen auf den Mond. Nehmen wir an, Neil Armstrong wäre dabei auf eine faszinierende extraterrestrische Rasse gestoßen, die den ganzen Tag nur noch herumliegt und in virtuellen Welten den künstlichen Dramas fiktiver Charaktere folgt und ihre alltägliche Probleme samt und sonders von Technologie und einer künstlichen Intelligenz lösen lässt. Arme Würstchen, oder? Oder? Dieses Szenario entstammt der populären Science-Fiction-Reihe „Perry Rhodan“ aus dem Prä-Internet-Zeitalter der Sechziger. Es steht bis heute stellvertretend für den klassischen Einstieg eines Science-Fiction-Autors zur Beschreibung der Dekadenz einer extraterrestrischen Rasse.

Was die Macher der SF-Serie sich damals ausdachten, ist heute Realität und heißt Netflix, Alexa oder KI – der optimistisch benannte Teilbereich der Informatik, der menschliche Denk- und Handlungsprozesse nachbilden soll. Es lässt sich mit der Frage kokettieren, ob durch die digitale Auslagerung jedes verfügbaren Tasks ins Digitale unsere Bequemlichkeitsgesellschaft dekadent geworden ist. Auf jeden Fall dekadent ist die Ressourcenverschwendung, die unsere Nutzung der Technologie mit sich bringt: Energieverbrauch und Datenübertragungsmengen explodieren. Zeit, unser Vorgehen zu überdenken.

50 Jahre Internet: Das betrübliche Ende der Datensparsamkeit

Ein Webdesigner in den späten neunziger Jahren nutzte jeden Kniff aus, um Grafiken herunterzukomprimieren, den Quellcode schlank zu halten und eine 500-Kilobyte-Grafik war verflucht groß. Heute sind Webanwendungen um ein vielfaches größer als damals. Die Anwendungen können heute auch mehr, aber im Breitbandzeitalter wird nicht mehr darüber nachgedacht, ob eine Grafik 100 oder 150 Kilobyte groß ist.

Zwar achten wir darauf, dass unsere Systeme (zum Beispiel ein Webserver) durch die Anwendungen, die wir entwickeln, nicht überlastet werden, aber nur zum Selbstzweck. Das intrinsische Ziel ist die Lauffähigkeit und Belastbarkeit der Anwendung, nicht die Reduzierung des Daten- und Energieverbrauchs.

Wir müssen unsere Infrastruktur schonen, statt den Datendurchsatz exponentiell zu erhöhen. Die Antwort auf den gestiegenen Datenhunger unserer Anwendungen darf nicht der Ruf nach mehr Breitband, sondern der Ruf nach mehr Kompression sein. Design und Architektur unserer Internet-Anwendungen müssen sich zukünftig noch mehr daran orientieren, daten- und energiesparend zu sein. Um simpelste Funktionen und Designs zu realisieren, werden oft sinnlos große Datenmengen übertragen, schreibt Simon Kraft, ein Urgestein der WordPress-Szene. Deshalb: Ja, es ist wichtig, ob das Bild 100 oder 150 Kilobyte groß ist! Ja, es ist wichtig, ob der Cronjob im 5-Minuten- oder 15-Minuten-Takt läuft. Ja, es ist wichtig, ob das WordPress-Template 300 Kilobyte schlanker ist.

Denn jedes Kilobyte verbraucht Energie und erzeugt Co2.

Datenverbrauch = Energieverbrauch = Klimaschaden

Unsere Bequemlichkeitsgesellschaft lagert immer mehr digital aus. Der gesellschaftliche Nutzen ist dabei unterschiedlich. Von der persönlichen Terminerinnerung über sexuelle Interaktion bis hin zur Klimamodell-Berechnung, alles übernimmt und überträgt Technologie. Der französische Think-Tank The Shift Project hat errechnet, dass Onlinestreaming rund 300 Millionen Tonnen Co2 im Jahr 2018 verursacht hat, knapp 27 Prozent davon entfallen auf Pornografie. Das entspricht dem jährlichen Co2-Ausstoß von Belgien. Es wird nicht besser außerhalb der triebgesteuerten Unterhaltung: Netflix und andere Streamingdienste produzieren rund 34 Prozent der 300 Millionen Tonnen Co2.

Der Konsum von Medien, die Ermittlung von Wissen, ja die gesamte die Nutzung von Technologie ist direkt mit unserem Energieverbrauch gekoppelt. Und das alles wächst exponentiell. Aktuell schätzen Experten, dass das Netz bis zu rund zehn Prozent des weltweiten Energieverbrauchs erzeugt, bis 2030 soll er auf über 20 Prozent steigen. Wäre das Internet ein Land, dann stünde es heute an sechster Stelle weltweit in der Liste der größten Stromverbraucher.

Der immer größer werdende Anteil der regenerativen Energien, der von den Internetgiganten eingesetzt wird, mag auf den ersten Blick wie ein Freispruch wirken. Google will ja schon seit einem Jahrzehnt klimaneutral arbeiten – vielleicht zieht Pornhub ja nach. Die Tatsache, dass regenerative Energien zum Betrieb genutzt werden, spricht allerdings nicht davon frei, die Energien sinnvoll einzusetzen.

Der Grund liegt auf der Hand.

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Dein t3n-Team

3 Kommentare
Thomas
Thomas

Jetzt springt ihr auch auf den CO2-Panik-Zug auf? Na denn mal Tschüss.

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Nadine
Nadine

Schöner Kommentar über den Verzicht überflüssiger Bilder. Mir waren die fehlenden Bilder tatsächlich gar nicht aufgefallen beim Lesen des Artikels. Der Inhalt ist sowieso wichtiger als irgendwelche Stock Photos.

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Hendrik
Hendrik

Das ist nur ein Aspekt. Der Zusammenhang zwischen Online-Zeit, Gewinnmaximierung auch auf Kosten von Süchtigen und Arbeitsplätzen kann man hier nachlesen:
https://utboerg.com/ratgeber/faires-internet-schuetzt-arbeitsplaetze-und-das-klima-011573/
Außerdem heißt das nicht Verzicht, sondern Optimierung sprich faires Internet.
Schließlich schafft man die Mobilität auch nicht ab, sondern arbeitet an verbrauchsarmen Fahrzeugen.

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