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Kommentar

Technologie-Regulierung: Wer baut den Käfig, der Orwells Visionen einsperrt?

Amazon bringt Alexa in jeden Winkel des Lebens – und macht gleichzeitig Gesetzesvorschläge zur Technologie-Regulierung. Das darf so nicht weitergehen.

Von Jochen G. Fuchs
3 Min.
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Amazon will Gesetzesvorlagen zur Regulierung von Technologien erarbeiten. Das bringt die Frage auf: Wer soll Orwells Käfig bauen? (Foto: Amazon)


Amazon hat neue, faszinierende Alexa-Geräte vorgestellt. Langsam kann Alexa den Kunden in jedem Winkel seines Lebens begleiten, vom Nachtlicht im Kinderzimmer über die Mikrowelle bis hin zur Brille auf der Nase. Dass das Thema Überwachung gerade dank der voranschreitenden Verbreitung von Sprachassistenten immer mehr in den Fokus der öffentlichen und politischen Debatte rückt, ist Amazon bewusst, deshalb hat das Unternehmen begonnen, diese Themen aktiver zu behandeln. Weite Teile des Amazon-Events zur Vorstellung der neuen Echo-Devices waren dem Datenschutz und Funktionen gewidmet, die den Kunden mehr Kontrolle über übermittelte Daten ermöglichen. Zeitgleich hat Jeff Bezos überraschend persönlich auf dem Event einen von Amazon formulierten Gesetzesvorschlag angekündigt, der Amazons umstrittene Gesichtserkennungstechnologie regulieren soll. Amazon prescht vor und versucht aktiv die Regulierung von Überwachungstechnologien anzustoßen. Da stellt sich die Frage: Wollen wir das? Wer soll den Käfig bauen, der Orwells Szenario in Zaum hält?

Technologie an sich ist nicht gut oder böse

Technologien können auf unterschiedliche Weise eingesetzt werden. Das Dynamit hat den Berg- und Straßenbau enorm vorangebracht, es gäbe ohne Alfred Nobels Erfindung keinen Panama-Kanal und keinen Gotthard-Tunnel. Dynamit fand aber auch seinen Einsatz im Krieg. Ein anderes Beispiel: Der theoretische Physiker Robert Oppenheimer gilt als Vater der Atombombe; er äußerte sich nach dem Krieg kritisch zu Atomwaffen und prophezeite, dass die Menschheit die Namen Los Alamos und Hiroshima verfluchen würde. Aber Oppenheimers Forschungsgebiet brachte nicht nur Tod und Zerstörung hervor. Die Leistungen und die Erkenntnisse aus der theoretischen Physik helfen uns dabei, die Welt und das Universum zu verstehen und bereichern den Alltag bis heute. Erkenntnisse aus der Quantenmechanik brachten uns den Laser in der Industrie und im CD-Player, Einsteins Relativitätstheorie spiegelt sich beispielsweise in modernen GPS-Navigationssystemen wider.

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Es ist, wie es Shakespeare in Hamlet ausdrückte: „Denn an sich ist nichts weder gut noch schlimm; das Denken macht es erst dazu.“

Technologien, die zur totalen Überwachung geeignet sind, müssen reguliert werden

Die Möglichkeiten, neue Technologien zu missbrauchen, müssen erkannt und reguliert werden. Wie die Beispiele der Vergangenheit zeigen, erliegt die Politik oft der Versuchung, Technologien für Zwecke einzusetzen, die von nachfolgenden Generation verflucht werden.

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Technologien wie Sprachassistenten oder Gesichtserkennung sind an sich nicht mehr oder weniger anfällig für den Missbrauch als Überwachungstechnologie oder jede andere moderne Technologie. NSA und GHCQ haben gezeigt, dass weder das Netz noch die altbackenen Telefonnetze davor sicher sind. Dass Sprachassistenten ständiger Gegenstand einer Überwachungsdiskussion sind, ist psychologisch bedingt: Zum einen stehen sie deutlich sichtbar in unseren Wohnungen und zum anderen besteht ihr Zweck schlicht darin, uns zuzuhören – oder anders ausgedrückt: uns zu überwachen. Viele verstehen hier vielleicht zum ersten Mal, dass da „jemand zuhört“, eben weil da jemand zuhört.

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Technologien, die missbraucht werden können, müssen vor dem Missbrauch geschützt werden. Wir müssen vor dem Missbrauch dieser Technologien geschützt werden.

Wer baut Big Brothers Käfig?

Wir brauchen also einen Käfig, der Orwells Visionen im Zaum hält, der Technologien, die zur Überwachung geeignet sind, reguliert. Jetzt kommt Amazon und will einen derartigen Gesetzesentwurf vorlegen. Es ist geschickt, selbst nach der Regulierung zu rufen. Es zeigt, dass sich der Konzern mit den negativen Potenzialen der Technologien auseinandersetzt. Es nimmt Kritik vorweg und bewegt einen Bereich voran, der sich aktuell zu wenig bewegt.

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Es ist aber auch geschickt, weil es Amazon gesetzliche Gestaltungsmöglichkeiten in die Hand gibt. Das ist nicht ungewöhnlich, Lobbyarbeit ist ein Teil des politischen Geschäfts. Und schließlich rufen ja alle, dass die Technologiekonzerne mehr Verantwortung übernehmen sollen. Verantwortung für entgangene Umsatzsteuer auf ihren Marktplätze, Verantwortung für die Nutzung der von ihnen entwickelten Technologien.

Was soll dieser Unfug, Verantwortung von Konzernen zu fordern? In diesem Kontext heißt das nichts anderes, als hoheitliche Aufgaben profitorientierten Unternehmen zu übertragen. Konzerne sind nicht dazu da, das öffentliche Wohl im Auge zu behalten. Dazu gibt es den Staat und seine Kontrollinstrumente. Es ist die Aufgabe der Gesellschaft, den verantwortungsvollen Umgang mit Technologien einzufordern und die Aufgabe der Politik, die gesetzlichen Rahmenbedingungen dafür zu schaffen und die Einhaltung dieser Gesetze zu überwachen.

Wer also baut den Käfig für Big Brother? Bitte nicht Amazon und auch kein anderer Konzern.

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Kommentare (2)

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Jan

Orwell ist wohl nicht davon ausgegangen, dass sich die Menschen ihren Televisor freiwillig ins Wohnzimmer stellen.
Aber heute hat ja keiner „was zu verbergen“.

cenco

Guter Kommentar vielen Dank! Hoffentlich kommt es auch so!

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