Analyse

Artikel 16: Warum Kreative weniger Geld bekommen

Die VG Wort verteilt Urheberrechtsabgaben an Autoren – und vielleicht bald wieder auch an Verlage

Europaweit demonstrieren Menschen gegen die geplante Reform des Urheberrechts, während die Befürworter versprechen, Urheber künftig besser zu vergüten. Doch worum geht es genau? Teil 2 unserer Serie über die geplante EU-Urheberrechtsrichtlinie.

Mit der Abstimmung im EU-Parlament am 26.3.2019 endet eine selten gesehene Schlacht von Lobbyisten und Meinungsmachern, voller Falschmeldungen und Verschwörungstheorien, deren vorläufiger Höhepunkt die eintätige Abschaltung der Wikipedia war und Demonstrationen in Hunderten europäischen Städten. Auf die Straße gehen die Menschen vor allem, um gegen die Einführung von Upload-Filter zu demonstrieren. Aber die geplante EU-Richtlinie enthält noch wesentlich mehr fragwürdige Neuregelungen. Eine davon ist die Einführung eines Leistungsschutzrechts für Presseverlage, um die es im ersten Teil dieser Serie ging.

Kaum Beachtung hingegen findet der neue Artikel 16 (vormals bekannt als Artikel 12, bevor neu durchnummeriert wurde). Kurz und knapp besagt er, dass die Mitgliedstaaten künftig Verlage an den Ausschüttungen von Verwertungsgesellschaften beteiligen können. Auch dieser Artikel hat eine Vorgeschichte: Hersteller von Kopiergeräten, Audio- und Videokassetten, digitalen Datenträgern aber auch öffentliche Bibliotheken oder Schulbuchverlage zahlen eine pauschale Abgabe an die Verwertungsgesellschaft Wort. Diese verteilt das Geld weiter an die Autoren, die Texte verfasst und sie der VG Wort gemeldet haben.

Urheberrechtsabgabe, die zur Hälfte gar nicht an Urheber fließt

Bis vor kurzem ging die Hälfte dieser Ausschüttungen jedoch nicht an Autoren, sondern an Verlage. Oberflächlich mag das fair klingen, schließlich sind Verlage genauso von Privatkopien und dem Bibliotheksverleih betroffen wie Autoren. Gerade die viele Kleinverlage, die sich liebevoll um Nischenpublikationen kümmern, können diese Einnahmen sehr gut gebrauchen. Allerdings ging der größte Teil an die großen Verlagshäuser, die ohnehin gute Profite einstreichen.

Das System trieb so einige Blüten. So flossen beispielsweise bei Verfilmungen eines Buches 30 Prozent der jeweiligen Ausschüttungen an die Verlage, obwohl die rein gar nichts mehr mit der Verfilmung eines Werkes zu tun haben und sich vor allem über zusätzliche Publicity und eine Neuauflage mit dem Aufdruck „Das Buch zum Film“ freuen können. Und Wissenschaftsverlage erhielten Ausschüttungen, obwohl ihr Geschäftsmodell darin besteht, Fachzeitschriften zu horrenden Preisen an die Hochschulen abzugeben, ohne ihrerseits den Autoren und Peer-Reviewern ein Honorar zu zahlen.

Artikel 16 dreht die Zeit zurück

Das System subventionierte unterm Strich also große Verlagshäuser zulasten freier Autoren. Die Urheberrechtsabgaben kamen zu einem erheblichen Teil nicht den Urhebern zugute, sondern jenen, die mit der Vermarktung von Content ihr Geld verdienen.

Das änderte sich 2015. Zunächst kippte der Europäische Gerichtshof eine entsprechende Regelung in Belgien, anschließend dann der Bundesgerichtshof auch in Deutschland. Die Ausschüttungen stünden nach Auffassung des Gerichtes ausschließlich den Rechteinhabern zu, und das seien nach europäischem Urheberrecht nunmal die Autoren und nicht die Verlage. Die VG Wort musste rund 100 Millionen Euro unrechtmäßig ausgeschüttetes Geld von den Verlagen zurückfordern, was einige kleine Verlage in Existenznöte brachte.

Artikel 16 ist der Versuch, mithilfe der EU-Urheberrechtsrichtlinie die Zeit zurückzudrehen. Nach Umsetzung in deutsches Recht können Verlage dann wieder Ausschüttungen von der VG Wort erhalten. Selbst wer eine Beteiligung der Verlage angemessen findet, muss zugeben: Die Urheberrechtsreform bricht ihr wie ein Mantra wiederholtes Versprechen, Urheber künftig besserzustellen. Im Gegenteil: Die Situation von Urhebern verschlechtert sich. Während sie vom Leistungsschutzrecht nichts haben, werden sich durch Artikel 16 ihre Einkommen sogar schmälern.

Aber vielleicht helfen ja wenigstens die geplanten Upload-Filter, dass künftig auch Urheber mehr vom Kuchen abbekommen? Darum geht es im dritten Teil unserer Serie zur EU-Urheberrechtsrichtlinie.

Zum Weiterlesen: Axel Voss findet eine Memes-Rubrik bei Google – und das Netz flippt aus

Bitte beachte unsere Community-Richtlinien

Wir freuen uns über kontroverse Diskussionen, die gerne auch mal hitzig geführt werden dürfen. Beleidigende, grob anstößige, rassistische und strafrechtlich relevante Äußerungen und Beiträge tolerieren wir nicht. Bitte achte darauf, dass du keine Texte veröffentlichst, für die du keine ausdrückliche Erlaubnis des Urhebers hast. Ebenfalls nicht erlaubt ist der Missbrauch der Webangebote unter t3n.de als Werbeplattform. Die Nennung von Produktnamen, Herstellern, Dienstleistern und Websites ist nur dann zulässig, wenn damit nicht vorrangig der Zweck der Werbung verfolgt wird. Wir behalten uns vor, Beiträge, die diese Regeln verletzen, zu löschen und Accounts zeitweilig oder auf Dauer zu sperren.

Trotz all dieser notwendigen Regeln: Diskutiere kontrovers, sage anderen deine Meinung, trage mit weiterführenden Informationen zum Wissensaustausch bei, aber bleibe dabei fair und respektiere die Meinung anderer. Wir wünschen Dir viel Spaß mit den Webangeboten von t3n und freuen uns auf spannende Beiträge.

Dein t3n-Team

4 Kommentare
Stefan Stock
Stefan Stock

„Aber vielleicht helfen ja wenigstens die geplanten Upload-Filter, dass künftig auch Urheber mehr vom Kuchen abbekommen?“

Ich selbst bin absolut für eine faire Vergütung von Urhebern. Natürlich sollen sie fair für ihre Werke bezahlt werden.
Übrigens denken auch die „Reformgegner“ so. Diese Menschen sind nicht gegen eine faire Vergütung, auch nicht gegen die Reform.
Sie sind gegen die Art und Weise, wie sie umgesetzt werden soll.
Aber auch das haben die Politiker nicht verstanden. Und wenn ich mir diesen Artikel durchlese, Sie anscheinend auch nicht.
Artikel 16 mag durchaus ebenfalls eine fragwürdige Neureglung sein, die kaum Beachtung fand. Inwiefern negiert das die Proteste gegen die Artikel 11 und 13?
Wie genau soll es denn helfen, wenn ich grundsätzlich erst mal alles herausfiltere, was urheberrechtlich geschützt sein könnte?
Es müssen Lösungen her, die eben für diese faire Vergütung sorgen, ohne dass dabei die Netzkultur auf der Strecke bleibt. Das Internet ist zwar kein rechtsfreier Raum, aber in jedem Fall ein Allgemeingut. Urheber schützen ja, aber eben fair. Fair bedeutet aber eben auch, dass beiden „Seiten“ gerecht behandelt werden. Artikel 13 ist alles andere als fair.
Er ist der falsche Weg. Wie der richtige Weg aussieht? Natürlich eine schwierige Frage.
Aber damit müssen sich eben die Menschen vernünftig befassen, die wir gewählt haben.
Und damit sie das können, müssen sie eben auch mal auf Experten hören.
Die Regierung gibt sonst Milliarden für solche Experten aus, warum nicht hier?
Selbst der Datenschutzbeauftragte der BRD ist dagegen.
Wussten die Parlamentarier es sogar selbst besser?
Tatsächlich scheinen die Verantwortlichen eine tatsächlich faire Lösung vermeiden zu wollen, was Herr Voss auf eindrucksvolle Weise bewiesen hat.
Und wenn man die Reaktionen des Parlaments und auch die von Herrn Voss betrachtet (erst waren es Bots, dann bezahlte und undemokratische Demonstranten, die von US Konzernen auf die Straße geschickt wurden), mag ein Schelm sein, wer Lobby dabei denkt, vor allem auch im Hinblick der Ahnungslosigkeit, die Herr Voss in Bezug auf die Inhalte seiner eigenen Reform an den Tag legte.
Faire Vergütung ja, Uploadfilter NEIN!!!
viele Grüße
Stefan Stock

Antworten
Lightaesir
Lightaesir

Leider ein sehr tendenziöser Artikel, der das Verhältnis von Verlagen und den Künstlern und Publizisten vollkommen verkürzt und falsch darstellt. Wahrscheinlich ist der Autor seinerseits von der GAFA -Lobby-Fraktion bezahlt oder manipuliert. Das schreibe ich als „kleiner“, freischaffender Musiker, der jahrelang und dankbar mit einem Verlag zusammenarbeitet und dafür 40% seiner Gema-einnahmen abtritt, freiwillig, an eben diesen Verlag. Und trotzdem stehe ich besser als ohne diesen Verlag dar: denn wer kümmert sich sonst um meine Verwertungsansprüche gegenüber den großen Verwertern, wie TV- und Rundfunksender und jeglicher Internet-Portalen, die Ihre Lizenzen häufig nicht oder nicht vollständig melden. Das würde ich alleine nie schaffen, meine Rechte zu reklamieren. Das macht und kann auch nicht die GEMA. Dabei helfen mir jedoch der Justiziar des Verlages und etliche seiner Mitarbeiter.
Und das die mit fremdem geistigen Eigentum generierten Geldströme hauptsächlich in den Taschen einiger weniger Youtube-Stars und vor allem gieriger neureicher Internet-Milliardäre landen – finden Sie das etwa gerecht oder angemessen? Woher kommen denn die unermesslichen Reichtümer dieser Valley-Barone, in nur wenigen Jahren angehäuft, mit denen sie dann versuchen, die Welt zu beherrschen wie Könige aus längst vergangen gewähnten Zeiten. Ihr Ziel ist es, die Menschen zu vereinzelten Konsumopfern zu machen und jegliche kollektiv organisierte Institutionen zu unterlaufen oder „disruptiv“ zu zerstören, auch durch Desinformation und Manipulation. Und am Ende hat der einzelne Mensch, also so einer wie du und ich, alle Macht gegenüber der Oligarchie der Reichen verloren. Deshalb also brauchen wir gewählte Vertreter, die unsere Rechte bewahren, durchsetzen oder neu schaffen, neu begründen, gegenüber den neuen Mächten. Und auch für eine ordentliche Besteuerung sorgen, zum Beispiel. Da ist das Durchsetzen von Urheberrechten nur ein Punkt auf einer langen Agenda.

Antworten
Heinz
Heinz

Genau die von Ihnen kritisierten Internet Größen werden von der Reform gewinnen. Wer wird die Uploadfilter Programmieren? Das Können nur endsprechende Größen mit ihrem know how und Erfahrungen (z.B. Google bei You Tube). Kleine IT Unternehmen müssen sich diese zwangsläufig dazu kaufen.
Die Ganze Reform wird nur eine Marktkonzentration auf Kosten der Vielfalt beschleunigen.
Ich verstehe Sie, jedoch werden die Verlierer die vielen kleinen sein.

Antworten
Cordula Natusch

Es freut mich, dass Sie jahrelang und dankbar mit einem Verlag zusammenarbeiten, der dafür an Ihren GEMA-Erlösen beteiligt wird. Leider geht das nicht allen Urhebern und Urheberinnen so.

Ich kenne mich mit der GEMA nicht aus, wohl aber mit der VG Wort. Als freie Autorin, Lektorin, Redakteurin und Beraterin für Autoren habe ich in den vergangenen Jahren bei Verlagen so ziemlich alle Stufen der Zusammenarbeit von „katastrophale Betreuung“ bis „tolles Engagement“ erlebt – und das durch alle Stufen des Publikationsprozesses hindurch. Ich kenne Verlage, die sich gegen ein Taschengeld alle Rechte an einem Werk dauerhaft sichern, die offen zugeben, kein Lektorat und kein Korrektorat durchzuführen, bei denen der Autor oder die Autorin selbst Marketingtexte schreiben sollen, bei denen Texte ohne weitere Vergütung als Ausschnitte in anderen Medien des Verlags veröffentlicht werden und so weiter. (Leider gibt es immer noch Autoren, die solche Verträge aus Unerfahrenheit und dem Wunsch, endlich zu veröffentlichen, heraus unterschreiben und nicht immer ist die Qualität der Zusammenarbeit im Vorfeld erkennbar.)

Ich kenne zum Glück auch Verlage, die fair und auf Augenhöhe mit den Autoren und Autorinnen umgehen, die in das Manuskript, einen guten Satz, ein verkaufsstarkes Cover investieren und versuchen, das Buch im Handel unterzubringen.

Nach bisherigem Recht kann der Urheber oder die Urheberin bei der VG Wort selbst entscheiden, ob der Verlag an den Ausschüttungen beteiligt wird oder nicht. Engagiert sich der Verlag, bekommt er einen Anteil. Wenn nicht – dann nicht. Das wird es künftig wohl nicht mehr geben, obwohl ich das für eine gelungene Lösung halte.

Antworten

Melde dich mit deinem t3n Account an oder fülle die unteren Felder aus.