Missgeburt, Schwuchtel, Fotze – es sind Beschimpfungen wie diese, denen Community-Manager und Social-Media-Redakteure reichweitenstarker Medien fast täglich ausgesetzt sind. Oft beleidigen sich Leser gegenseitig. Häufig ist eine Person in einem Artikel gemeint. Doch immer wieder trifft es sie auch persönlich. Denn im Netz wird inzwischen gepöbelt, was das Zeug hält und die Verrohung der Sprache nimmt immer weiter zu. Vor allem dann, wenn polarisierende Themen im Zentrum stehen. Wenn beispielsweise über Flüchtlinge, Feminismus oder politischen und religiösen Extremismus diskutiert wird. Leserkommentare liefern einen Blick in eine Welt, die viel zu oft aus purem Hass und blinder Wut besteht.
Wirklich darauf vorbereitet ist anfangs jedoch kaum jemand. Das weiß auch Ayla Mayer, die sich als Social-Media-Redakteurin bei Spiegel Online mit dem Thema auskennt. Seit Juli 2015, während des Höhepunktes der Flüchtlingskrise in Europa, trat sie ihre Stelle im Hamburger Medienhaus an. Dass blanker Hass zum Teil ihrer Arbeit wird, ist ihr zwar ziemlich schnell klar geworden. Dennoch verstörte sie die Geschwindigkeit, mit der die Vergiftung der Diskussionen voranschritt. „Plötzlich schienen Dinge salonfähig zu werden, über die wir zwei Monate zuvor nicht einmal diskutiert hätten“, erklärt sie. Populisten befeuerten sich gegenseitig mit Beschimpfungen und Hassbotschaften, die bis dahin schlichtweg beispiellos waren.
Der Hass im Netz ist organisiert
„In vielen Fällen haben wir sogar das Gefühl, dass die Leute gezielt auf unserer Facebook-Seite auf bestimmte Artikel warten, um dann sofort loszuschreiben. Das passiert in einem Tempo, in dem niemand Zeit hat, den Artikel vernünftig zu lesen“, verrät Mayer. Viele seien organisiert und hätten Fake-Profile, die untereinander vernetzt sind. Sie wollen die Diskussionen in ihrem Interesse lenken, in dem sie ihre Kommentare gegenseitig hochliken und so versuchen, sie an oberster Stelle zu platzieren. „Diese gezielten Attacken einzudämmen, um eine echte Diskussion möglich zu machen, ist unser Ziel“, erklärt die Hamburgerin. Zwar bilden diese Leser nicht die breite Front, doch seien sie extrem laut und sehr bedacht darauf, sich Gehör zu verschaffen.
Auch Atila Altun, verantwortlich für das Community-Management beim Tagesspiegel, kennt diese Kommentatoren und ihre Hasstiraden. Anders als Ayla Mayer ist er jedoch schon länger in diesem Metier unterwegs. Bereits 2008 übernahm er die Leitung und war zwischenzeitlich noch parallel bei Zeit Online beschäftigt. „Ich war zudem mehrere Jahre selbst aktiv in Netzdebatten. Beleidigungen oder Einschüchterung durch Dechiffrierung der Person gab es auch damals schon“, erklärt Altun. Dennoch könne man sich nur schlecht darauf vorbereiten, gibt er zu verstehen: „Das beste Studium hierfür ist der Job selbst und die Erfahrungen, die man als Community-Manager im Umgang mit Ablehnung und Beleidigungen macht.“„Plötzlich schienen Dinge salonfähig zu werden, über die wir zuvor nicht einmal diskutiert hätten.“
Auch er identifiziert immer wieder die gleichen Themen, die zu Auseinandersetzungen führen. Beim Tagesspiegel seien das vor allem Beiträge zum Links- und Rechtsextremismus, der AfD sowie Artikel rund um den Islam – angefangen beim Bau einer Moschee über Beschneidung bis hin zum Kopftuch. Hass und Wut könne allerdings auch schon bei alltäglichen Themen wie Hundehaltung oder Verkehrsdebatten zwischen Rad- und Autofahrern ausgelöst werden, verrät der Berliner. „Auch wenn gern gestritten wird und emotionale Ausbrüche nicht selten sind, sind die meisten unserer Nutzer am inhaltlichen Austausch interessiert“, sagt Altun und stimmt damit Ayla Mayer zu, dass Hasskommentatoren in der Unterzahl sind.
Hass und Hetze isolieren
Um eine vernünftige Diskussionskultur aufrechtzuerhalten, bedarf es vor allem guter Moderation – sowohl in den sozialen Medien als auch auf der eigenen Webseite. Bei Spiegel Online setzt Ayla Mayer dabei auf den Dialog mit den Lesern, die auch wirklich daran interessiert sind. So ergeben sich vor allem auch auf Facebook richtige Gespräche, an denen sich andere Leser beteiligen, erklärt die Social-Media-Redakteurin. „Die Hetze und der Hass werden so isoliert – und verschwinden aus dem sichtbaren Bereich.“ Hin und wieder wird jedoch auch gelöscht. „Bei Hetze, Diskriminierung, justiziablen Äußerungen wie etwa der Androhung von Gewalt, Links zu radikalen Seiten, aber auch bei Beleidigungen anderer Nutzer bin ich rigoros“, erklärt sie.
Etwas einfacher ist die Moderation auf den Webseiten selbst. So werden die Leserkommentare vor Veröffentlichung sowohl bei Spiegel Online als auch beim Tagesspiegel auf Verstöße gegen die Community-Regeln hin geprüft. Diese sind für alle auf den jeweiligen Seiten einsehbar. „Die meisten Nutzer sind daher bemüht, die Debatte vornehmlich auf Sachebene zu führen, wobei auch zu Hasskommentaren neigende Nutzer ihre Position hier moderater in die Debatte einbringen“, erklärt Atila Altun. Er fügt hinzu, dass es die großen Fronten „meist nur auf unmoderierten Blogs, auf Social-Media-Kanälen oder auf Newsseiten gibt, die aufgrund der extrem hohen Masse an Kommentaren wenig Überblick behalten.“
Pseudonyme sind keine Lösung
Immer wieder erschreckend für beide sind vor allem aber auch persönliche Anfeindungen. Für Ayla Mayer markierte beispielsweise der Kommentar eines Mannes unter einer Reportage zu den Merkel-Flüchtlingen eine Zäsur. Damals ermöglichte die Bundeskanzlerin tausenden Asylsuchenden die Weiterreise nach Deutschland aufgrund unmenschlicher Bedingungen am Budapester Bahnhof. Aus heutiger Sicht hat sie damit eine humanitäre Katastrophe verhindert. Der Leser schrieb damals jedoch in purem und blindem Hass, dass er hoffe, die „läufigen Winkeweiber“ in der Redaktion würden möglichst bald „kulturbereichert“ werden. Gemeint ist damit, dass Mayer und ihre Kolleginnen vergewaltigt werden sollen. Ein widerlicher Wunsch.
Wenn gegen Atila Altun gehasst wird, dann häufig in Form von Unterstellungen, die sich entlang seiner türkischen Wurzeln bewegen. Darunter seien beispielsweise Mutmaßungen, er sei praktizierender Moslem und islamisiere Deutschland aus den Redaktionsräumen des Tagesspiegels heraus. „Darüber kann man zwar auch schmunzeln, aber dass manche Menschen davon felsenfest überzeugt sind, löst bei mir auch Kopfschütteln aus“, erzählt der gebürtige Berliner. Er selbst sehe sich als aufgeklärten Menschen und gehöre keiner Konfession an. Anfangs nahm er die Kommentare noch persönlich. Inzwischen sehe er das jedoch anders. „Sich länger mit Hassbotschaften zu beschäftigen, ist Verschwendung von Lebenszeit“, gibt Altun zu verstehen.„Sich länger mit Hassbotschaften zu beschäftigen ist Verschwendung von Lebenszeit.“
Einer möglichen Lösung des Problems durch Pseudonyme, die vor persönlichen Anfeindungen schützen könnten, stehen beide jedoch kritisch gegenüber. Zwar rät Atila Altun vor allem Studenten, die nur nebenher als Moderatoren in den Redaktionen arbeiten, zu anonymen Identitäten. Er selbst möchte für sich jedoch kein Alter Ego führen. Auch Ayla Mayer stimmt da ein. „Wenn sich tolle Kollegen im Rahmen ihrer Arbeit mit ihren Namen und ihren Gesichtern dem Hass aussetzen, dann möchte auch ich mich nicht mit einem Pseudonym abschotten“, betont sie. Man kommt nicht umhin, die Courage in den Worten der beiden Journalisten zu erkennen. Eine Courage, die Wutbürger oft vermissen lassen – wenn sie sich mal wieder hinter einem gesichtslosem Avatar oder einem fiktivem Alias verstecken.
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Danke für den interessanten Artikel.
Wenn ich so in die Kommentare bei Spiegel Online zu bestimmten Themen schaue, dann kommt mir schon der Graus. Ich will gar nicht wissen, was da bereits rausgefiltert werden musste…
@Martin
Sie schreiben vom Filtern doch was Sie meinen ist ZENSIEREN und DASS ist NICHT demokratisch; sind Sie ein Demokrat !?
Ciao, Sascha.
Wer wie Herr Atila Altun Beschneidungskritik pauschal als Hass und Hetze diffamiert, betreibt selbst hassende Hetze. Die Genitalverstümmelung auch des männlichen Kindes ist ein Verbrechen. § 1631d BGB ist verfassungswidrig, wie BGH-Richter Eschelbach eindeutig darlegt:
https://www.beschneidung-von-jungen.de/home/gesellschaftliche-aspekte-der-beschneidung/beschneidung-und-recht/eschelbach-kommentar-zu-223-stgb.html
Prof. Dr. Paeffgen schließt die Rechtfertigung über § 228 StGB aus.
http://www.nomos-shop.de/_assets/downloads/9783832966614_lese03.pdf
Anstatt Hass und Hetze zu unterstellen, sollte sich Herr Atila Altun lieber der Sachdiskussion stellen.
Dass er Beschneidungskritik als Hetze diffamiert, steht in dem Beitrag nicht. Was da steht ist, dass diese Themen in der Community oft „zu Auseinandersetzungen führen.“
Danke trotzdem für deinen kritischen Kommentar, Gruß Andreas
@AndreasWeck
Unsere deutsche Toleranz, Aufopferung (bis zur kuturellen Selbstaufgabe), etc., führt dazu dass unsere deutschen Werte, Gesetze, Kultur verwässert, verdrängt, vernichtet und schlussendlich ersetzt werden durch die der Migranten.
Dass was in dem einem oder anderem Land dieser Erde legitim, erlaubt ist, ist es in DE nicht zwingend – WIR möchten KEINE Kinderehen, Beschneidungen, KEINE Islamisierung (des Abendlandes), usw. …; WIR Deutschen möchten das DE deutsch bleibt, dass ist unserer Recht, WIR sind HIER zuhause, die Migranten sind HIER nur Gast – HIER in DE gelten deutsche Regeln, Werte und Gesetze.
@SteffenWasmund hat versucht ihnen dass ganz höflich und rechtlich haltbar zu erläutern – erkennen Sie die Wahrheit.
Ciao, Sascha.
Danke für diesen offenen, gut geschriebenen und ich denke auch wichtigen Beitrag. Die Anonymität des Internets bringt halt auch viel Müll mit sich. Und leider glauben die Menschen immer alles gleich was sie lesen, schließlich steht es ja im Internet :D
Ich denke über diese Probleme lässt sich mittlerweile ein ganzes Buch schreiben, obgleich doch ein einziger Satz ausreichen würde :
„Sich länger mit Hassbotschaften zu beschäftigen ist Verschwendung von Lebenszeit.“
in diesem Sinne,
Stefan ;-)
@Stefan
Ich vermute dass Sie leider die Realität verkennen, WIR werden längst unterwandert UND umgevolkt.
Ciao, Sascha.