Interview

Content-Marketing-Stunt: IT-Recruiting-Startup Honeypot avanciert zum „Netflix für Entwickler“

Honeypot-Videolead Joshia McGarvie (rechts) bei den Dreharbeiten zu Vue.js. (Foto: Honeypot)

Lesezeit: 6 Min.
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Die Dokumentarfilme aus der Filmschmiede des Reverse-Recruiting-Startups Honeypot heben sich deutlich von Programmiertutorials und Konferenz-Talks zu Software-Themen ab. Emma Tracey und Josiah McGarvie drehen Filme über Software, die die Geschichten hinter den Technologien porträtieren. 

Honeypot ist eigentlich eine Jobplattform, die auf Reverse Recruiting zwischen IT-Talenten und Tech-Unternehmen setzt. Und macht unter Entwicklern mittlerweile auch mit Dokumentarfilmen von sich reden. Seit 2018 hebt das 2015 gegründete Startup den Begriff Storytelling mit dem regelmäßigen Launch hochklassiger Dokumentationen über die Entstehung und die Gesichter hinter bekannten Open-Source-Technologien auf eine neue Ebene. Wir haben mit Co-Gründerin Emma Tracy und Video-Produzent Josiah McGarvie über ihr neuestes Werk, die Motivation hinter den Filmen und Open Source als Konzept gesprochen.

t3n: Wie seid ihr auf die Idee gekommen, Open-Source-Projekte in dieser Art und Weise zu porträtieren?

Emma: Open Source als solches ist einfach ein interessantes Konzept. Wirtschaftlich betrachtet sind Open-Source-Projekte auf eine Art und Weise revolutionär. In Projekten wie Vue.js steckt derart viel Arbeit. Trotzdem stellen die beteiligten Entwickler und Entwicklerinnen der Allgemeinheit diese Programme gratis zur Verfügung. Open Source hat das Internet beeinflusst wie wenige andere Dinge sonst – Wikipedia und Social Media vielleicht ausgenommen. Software und Programmiersprachen beeinflussen uns viel indirekter. Sie stecken hinter allen diesen Dingen. Entwickler und Entwicklerinnen arbeiten täglich damit, sie kennen die technischen Aspekte. Aber auch sie wissen oft nicht, wo diese Technologien eigentlich herkommen.

t3n: Der Vue.js-Film ist Honeypots mittlerweile vierte größere Dokumentation. Was hat euch zu den Filmen inspiriert?

Emma: Ich habe Literatur und Filmwissenschaft studiert. Der Wunsch, filmisch zu arbeiten, bestand definitiv schon länger. Es gibt einfach so viele Geschichten, die noch erzählt werden wollen, gerade im Bereich der Software-Entwicklung. Plattformen wie Youtube sind voll von Programmier-Tutorials und Tech-Talks, die die technische Seite fokussieren. Wir wollten die Geschichten und Menschen dahinter porträtieren.

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„Nicht alle guten Ideen kommen zwangsläufig aus dem Silicon Valley“

Viele große Medienprojekte kommen aus den USA, wir sind ein Startup mit Sitz in Berlin und Amsterdam. Unsere Filme sind etwas, was noch niemand vorher in dieser Form gemacht hat. Nicht alle guten Ideen kommen zwangsläufig aus dem Silicon Valley. Unser erstes Projekt war ein Film über Elixir, der Protagonist ein Entwickler aus Brasilien, der in Polen lebt. Damit haben wir uns vom gängigen Narrativ, dass Tech immer aus dem Silicon Valley kommen muss, entfernt. Am Ende tragen wir hoffentlich dazu bei, dieses Narrativ zu erweitern.

t3n: Stichwort Startup: Ist so eine Produktion nicht ziemlich teuer?

Josiah: Dokumentationen zu drehen, ist in der Regel ein teures Unterfangen, ja. Wir starteten mit etwa 30 Mitarbeitern und als wir die Idee zu den Filmen hatten, gingen wir da mit dieser typischen Startup-Mentalität ran – schlussendlich haben wir versucht, auf kreative Art und Weise mit sehr geringem Budget ein wirklich cooles Projekt umzusetzen. Eine Kamera und ein Mikrofon waren anfangs alles, was wir hatten. Unser Team bestand aus zwei Personen, Emma und mir. Und die Kosten setzten sich aus Flugtickets und Hotelbuchungen für uns beide zusammen. Wir hatten auch kein Budget für Farb- oder Sound-Design. Das haben wir alles selber gemacht – zwei Leute, eine Kamera und ein Laptop [lacht].

t3n: Wie habt ihr angefangen?

Emma: Der Kontakt zu José Valim, dem Kopf hinter Elixir, kam über ein Meetup zustande. Bei der GraphQL-Doku war es ähnlich und auch die Idee zur Dokumentation über Ember kam über Kontakte zur Community. Auf dieser Basis wurde es dann immer einfacher, weitere Kontakte zu knüpfen. Bisher waren auch alle total offen für unsere Idee.

t3n: Wie war die Zusammenarbeit mit den unterschiedlichen Entwicklern?

Josiah: Echt interessant war, dass alle diese Leute, mit denen wir gearbeitet haben, einen gewissen Status innerhalb ihrer Community haben. Zahlenmäßig sind diese Communitys ziemlich klein, ich hatte aber den Eindruck, dass die Identifikation mit einer Technologie dafür aber umso größer ist. Fast so, wie sich ein Hip-Hop-Fan mit seiner Subkultur identifiziert. Das ist echt faszinierend. Bei unserem letzten Dreh, der Doku über Vue.js, war das besonders ausgeprägt. Evan You, der Kopf hinter dem Framework, musste teilweise in ein Hinterzimmer gebracht werden, um nicht einen ganzen Konferenztag lang Selfies machen zu müssen. Und das war nicht nur in China so. Teilweise haben wir in Amsterdam gedreht, dort war es nicht anders. Gleichzeitig waren alle unsere bisherigen Protagonisten überraschend bescheiden. Klar haben die sich über die Anerkennung und ihren Einfluss innerhalb ihrer Community gefreut, allerdings ohne, dass ihnen das zu Kopf gestiegen wäre.

Entwickler Evan You

Evan You (Mitte) ist der Kopf hinter Vue.js. Hier beim Dreh zur Honeypot-Doku. (Bild: Honeypot)

Emma: Besonders auffällig fand ich, dass alle unsere Protagonisten einen sehr unterschiedlichen Blick auf Software, Technologien, Open Source und wie sich alles zukünftig entwickeln soll, hatten. Am größten war der Kontrast zwischen GraphQL, das ja von Facebook und aus dem Silicon Valley kommt, und Ember.js. Im HQ von Ember.js hängt tatsächlich ein Gemälde der drei Gründer, dargestellt als mystische Krieger, die sich auf der Flucht nach Portland befinden.

t3n: Das klingt aber nicht besonders bescheiden.

Emma: Ich glaube, dieses Selbstbild der unabhängigen Rebellen, die sich vom Mainstream entfernen, um ihr eigenes Ding zu machen, gilt in gewissem Maße auch für die Nutzer von Ember.js. Und dann ist da GraphQL. Drei Software-Entwickler innerhalb Facebooks, die sich zusammensetzen und eine Abfragesprache entwickeln, um ein bestimmtes Problem zu lösen. Auch eine interessante Geschichte, aber vor einem komplett anderen Hintergrund. Anders als andere Projekte hatten sie von Beginn an den Rückhalt und die finanzielle Unterstützung von Facebook. Aber genau das sind am Ende die Themen, um die sich die Debatten innerhalb der Open-Source-Community drehen.

Emma Tracey, Co-Founder von Honeypot (Foto: Honeypot)

Emma Tracey, Co-Gründerin von Honeypot (Foto: Honeypot)

t3n: Wie geht ihr so ein Filmprojekt an, was motiviert euch dabei?

Emma: Die Herangehensweise ist immer „Story First“. Wir wollten Filme machen, die von den Entwicklern und Entwicklerinnen, für die wir sie machen, geschätzt werden. Wertschätzung und Publicity für Honeypot war und ist uns natürlich ebenfalls ein Anliegen, der Fokus liegt aber klar auf den Geschichten. Es ist nicht so, dass unser Logo in jeder zweiten Szene zu sehen ist.

Josiah: Open Source macht einfach einen so großen Teil der globalen Software-Entwicklung aus. Quasi alle großen Frameworks sind Open Source. So viele Menschen profitieren davon. Unser zweiter Film war die Dokumentation über Ember.js. Die Entscheidung fiel unter anderem deshalb auf das Framework, weil wir bei Honeypot damit arbeiten. Für uns war das auch ein Weg, den Urhebern etwas zurückzugeben.

t3n: Ihr habt mittlerweile Filme über Elixir, Ember.js, GraphQL und Vue.js gedreht, außerdem drei Minidokus, unter anderem über Open Source in China. Was kommt als nächstes?

Josiah: Wir planen, eine Dokumentation über Kubernetes zu drehen. Wir sind an einer Reihe weiterer Projekte dran – mal sehen, was noch kommt.

Emma: Außerdem wollen wir unsere Community-Plattform launchen, geplant ist ein Mix aus den Filmen und redaktionellen Inhalten, auch von externen Autoren und Autorinnen. Auch dabei wünschen wir uns weniger eine technische Perspektive, sondern wollen die Geschichten dahinter erzählen.

t3n: Die Vue.js-Dokumentation wurde in nur drei Tagen 20.000 Mal geklickt. Seid ihr überrascht von eurem eigenen Erfolg?

Emma: Genau darüber haben Josiah und ich uns erst vor ein paar Tagen, während des Launchs der Vue.js-Doku, unterhalten. Den Launch des ersten Films feierten wir damals noch im kleinen Kreis von etwa 20 Leuten in einem kleinen Büro in Berlin. Bei GraphQL waren es dann schon 800 Leute. Und jetzt, beim Launch des Films über Vue.js in Amsterdam waren 3.000 Personen anwesend. Das fühlt sich ehrlich gesagt ein bisschen surreal an. Ich weiß noch, wie aufregend das war, als unser erster Film, die Elixir-Doku, 1.000 Views auf Youtube hatte.

Josiah: Und jetzt haben wir 20.000 Zugriffe auf den Vue.js-Film in nur drei Tagen. Das ist schon irgendwie verrückt. Aufregend ist es aber immer noch.

t3n: Danke für das Gespräch!

Schauen könnt ihr die Filme über Honeypots Youtube-Kanal.

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2 Kommentare
Werner
Werner

Sehr gut.. Danke für den Artikel.
Interessant, mal hinter die Kulissen der Core Entwickler zu schauen..
Technisch gut gemachte Filme.

Antworten
Jao Austero
Jao Austero

Spanned was Leute mittlerweile alles für „gut“ befinden. Bin selbst Full Stack Dev und musste nach 10 Minuten ausschalten. Keine Ahnung wie Investoren für so etwas Geld ausgeben können aber zumindest werden sie keine 2te Runde mehr bekommen bei solch leichtfertiger Verbrennung von Investoren-Geldern.

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