Kommentar

Warum Demokratie in Unternehmen nichts verloren hat

(Grafik: Shutterstock)

Wie entscheidet ein Unternehmen, wenn kein*e Chef*in mehr die Richtung vorgibt? Unsere Intuition sagt: „Alle entscheiden, wir stimmen ab!“ Doch Demokratie ist kein Chef-Ersatz. Stattdessen braucht es eine neue Kultur des fortlaufenden Experiments als Entscheidungsmechanismus.

Eine Hierarchie ist so lange super, wie es jemanden gibt, der die Dinge wirklich besser weiß. Chefin und Chef legitimieren sich in ihrer Rolle stets über ein (mindestens gefühltes) Mehrwissen, ergo über ihre Fähigkeit zu besseren, weitsichtigeren Entscheidungen. Das Problem: Im digitalen Zeitalter sind Position und Fähigkeiten nicht mehr kongruent. Führungspersonen können ihr Wertversprechen besserer Entscheidungen im Angesicht von rasanter Veränderungsgeschwindigkeit und Informationsüberfluss schlicht nicht mehr erfüllen. Ihrer zentralen Legitimation beraubt werden sie auf eine Art überflüssig. Im Ergebnis wird ein hierarchisch aufgebautes System dysfunktional, da es nicht länger den Vorteil der bestmöglichen Entscheidung in die Waagschale werfen kann und der Nachteil jeder auf Hierarchie aufbauenden Organisation – ihre Langsamkeit – stärker zum Vorschein tritt.

Es gibt also gute Gründe, sich schleunigst von dem Prinzip der weisungsgebundenen Über- und Unterordnung zu verabschieden. Die Gefahr, die hier jedoch lauert, liegt darin, einen dysfunktional gewordenen Mechanismus lediglich durch einen anderen dysfunktionalen Mechanismus zu ersetzen.

Die wirklich guten Ideen sind nicht mehrheitsfähig

Der intuitive Gegenentwurf zur Top-down-Entscheidung lautet allzu häufig: „Alle entscheiden, wir stimmen ab“. Wir sind – vor dem Hintergrund der Geschichte – glücklicherweise stark auf demokratische Entscheidungsmechanismen konditioniert. Wenn Macht nicht mehr formal über einen Titel oder per Organigramm verliehen wird, versuchen wir sie stattdessen Bottom-up über Mehrheiten herzustellen. Das ist gut gemeint, aber schlecht gemacht.

Für ein politisches System, das dem Primat des Interessenausgleichs und der Konsensfindung genügen soll, ist die Abstimmung der bewährteste Modus Operandi. Für ein Unternehmen jedoch, das der Kundenzentrierung verpflichtet ist und das in einem immerzu beschleunigten Wettbewerb steht, führt die Demokratie in den Konkurs. Der Grund dafür ist simpel: Mehrheitsfähig sind allen voran solche Entscheidungen und Ideen, die nicht sonderlich radikal, neu oder innovativ sind, die nicht an alten Besitzständen rütteln, die das Grundlegende nicht infrage stellen, sondern allenfalls das Bestehende inkrementell weiterentwickeln.

In Zeiten, in denen die Innovations- und Anpassungsfähigkeit einer Organisation aber ihr zentraler Wettbewerbsvorteil ist, demokratisiert sich ein Unternehmen so ins Verderben, da die wirklich guten, die disruptiven Ideen im Sinne der Diffusionstheorie von Innovationen zu Beginn fast nie mehrheitsfähig sind – und somit gar nicht erst ausprobiert werden. Deshalb hat Demokratie in einem Unternehmen nichts zu suchen. Stattdessen braucht es Entscheidungsmechanismen, die den Anforderungen des digitalen Zeitalters tatsächlich gerecht werden und die Intelligenz, die Ideen und die Tatkraft der Vielen im Sinne der Organisation zusammenbringen.

Das Experiment als Entscheidungsmechanismus der Zukunft

Über praktisch alle Branchen hinweg erleben wir, wie sich die Art der Probleme, die wir lösen müssen, verschiebt. Dominierte im vordigitalen Zeitalter das komplizierte Problem – eines, das sich also durch Fachwissen und reine Expertise bewältigen ließ –, so dominiert im Heute und erst recht im Morgen das komplexe Problem unseren Arbeitsalltag.

Ein komplexes Problem ist dadurch gekennzeichnet, dass es keinen vorgezeichneten Lösungsweg mehr gibt, da die Beziehung zwischen Ursache und Wirkung erst ex-post feststellbar ist. Entsprechend erfordert das komplexe Problem auch gänzlich andere Lösungsansätze als das bloß komplizierte Problem: An die Stelle der Fachlichkeit treten Trial-and-Error, iteratives Vorgehen und konstante Realitätsabgleiche. An die Stelle des allwissenden Chefs als Entscheider tritt – stopp, denn hier liegt der Fehler – eben nicht die Masse oder Mehrheit, sondern: das Experiment, in Endlosschleife durchgeführt. Für eine Organisation bedeutet dies, einen Rahmen zu schaffen, der jeden Einzelnen und die Organisation als Ganze zu solch einem experiment-geleiteten Vorgehen anhält und befähigt.

Das Problem entscheidet sich von selbst

Das funktioniert beispielsweise über das Ersetzen der Hierarchiestufen durch ein spezielles Entscheidungssystem. Will jemand eine Idee (sei sie auch noch so abwegig) verfolgen, die das Unternehmen seiner Mission näherbringen könnte, so muss er bloß einige Kolleginnen und Kollegen überzeugen, sich seiner Idee anzuschließen und sie gemeinsam mit ihm zu bearbeiten. Es wird also also mit den Füßen abgestimmt: Dafür sein und dabei sein werden eins, Meinung und Verantwortung koppeln sich. So entstehen zur Lösung komplexer Probleme jenseits von Mehrheiten kleine Gruppen, die nah dran am Problem sind, die aus Überzeugung Verantwortung übernehmen, die Diversität in ihren Hintergründen und Perspektiven mitbringen und die autonom entscheiden dürfen.

Eine Herausforderung liegt hier darin, immer wieder zwischen wirklich komplexen Problemen und lediglich komplizierten Problemen zu unterscheiden, denn auch im Heute und Morgen gibt es weiterhin Probleme, für die die Expertise eines Fachmanns oder einer Fachfrau der beste Lösungsweg ist. Entsprechend werden Entscheidungen innerhalb der Kleingruppen bei lediglich komplizierten Fragen auch durch die Experten getroffen. Bei allen komplexen Bestandteilen des Problems hingegen robbt sich die Gruppe durch fortlaufendes Experimentieren Schritt für Schritt zu einer möglichen Lösung.

Im Ergebnis werden komplexe Probleme so in hoher Geschwindigkeit bearbeitbar und disruptive Ideen lassen sich im geschützten Raum plausibilisieren – oder verwerfen. Das Primat des Experiments bedeutet somit, dass kein Chef und keine Mehrheit, sondern letztlich die Realität über die Güte einer Idee entscheidet. Auf eine Art kann man sagen: Der Chef ist nun das bessere Argument.

Dieser Text ist zuerst auf Linkedin erschienen.

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3 Kommentare
abc
abc

Ich sehe das anders.
Es gibt keinen Grund hier zwischen einem Staat und einer Firma zu unterscheiden.
Beide leben in der selben Zeit in der wie korrekt beschrieben vor allem schnelles Reagieren auf die sch ständig ändernden Umstände entscheidend ist.
Die Schweiz beweist nach wie vor ziemlich eindrucksvoll das direkte Demokratie sehr wohl funktioniert, ebenso die Weimarer Republik.
Selbstverständlich funktioniert eine (direkte) Demokratie nur mit einem gebildeten und selbstbewussten Volk/Angestellten.
Wer keine Ahnung hat der kann auch keine vernünftigen Entscheidungen treffen. Das zählt für Chefs und Arbeitgeber ebenso wie für Wähler und Angestellte.
Wir haben unsere Diskussionskultur verloren, wichtige Themen werden nicht mehr diskutiert sondern jeder wirft nur noch mit seiner persönlichen Meinung um sich, in der Hoffnung am leutesten zu sein und am meisten Gehör zu finden.
Fakten und Tatsachen spielen im Diskurs keine Rolle mehr, da hat Russland widerholt Wahlen manipuliert, obwohl die Gerichte das genau Gegenteil festgestellt haben.
Da kauft man US-Hardware, obwohl man genau weiß das die NSA-Backdoors haben und fürchtet sich gleichzeitig vor bösen Chinesen.
Man sanktioniert sich selbst um ein paar Tonnen Co2 zu sparen, was dann der Wirtschaft Milliarden kostet und global gesehen nicht mal einen messbaren Unterschied macht.
Wir sehen einer Pandemie entgegen, unsere Krankenhäuse und unser Gesundheitssystem ist aber schon heute voll am Anschlag.
VW hat jahrelang in Wasserstoff investiert um dann, nachdem man Tesla die E-Antriebe überlassen hat hinterher einfach die Strategie kopiert. Nun ist man in Sachen Wasserstoff hinter Marken wie Hyundai und bis man Tesla wieder eingeholt hat (wenn überhaupt) können noch viele Jahre vergehen.
Wir haben das langsamste, aber teuerste Internet der Welt, wir haben die teuersten Handy-Tarife, den teuersten Strom und den teuersten Sprit.
Unsere Wirtschaft schrumpft, die Konzerne kommen vor allem mit Betrügereien und Strafzahlungen in die Schlagzeilen.

Und hier will man mir erzählen das eine direkte Abstimmung (Demokratie) weniger gute Entscheidungen getroffen hätte.
Das lässt sich natürlich sehr einfach behaupten…hinterher.

Wenn man sich aber mal die Tatsachen ansieht und die Ergebnisse der Entscheidungen der „Eliten“, Chefs und Entscheider, dann stellst sich doch die Frage ob es überhaupt noch schlechter geht.

Natürlich geht Demokratie nur mit Bildung, aber wer glaubt die Menschen wären zu doof über ihr eigenes Leben zu entscheiden, dem kann ich nur Verachtung entgegen bringen und ihm Läugnung der Geschichte und der Tatsachen vorwerfen.

Sind das die tollen Entscheidungen die eine direkte Demokratie nicht zu leisten im Stande wäre?

Antworten
Titus von Unhold
Titus von Unhold

„Selbstverständlich funktioniert eine (direkte) Demokratie nur mit einem gebildeten und selbstbewussten Volk/Angestellten.“

Große Teile des Volkes sind dumm:

https://www.deutschlandfunkkultur.de/politikwissenschaftler-herfried-muenkler-grosse-teile-des.990.de.html?dram:article_id=371845

Antworten
Kantenhuber
Kantenhuber

Da scheint es sich um ein Missverständnis zu handeln: auch in einer Demokratie „entscheiden“ nicht willkürlich irgendwelche Beteiligte, sondern durch einen Ausleseprozess dazu Ausgewählte. Der Prozess dazu ist mehr oder minder kompliziert und meist mehrstufig. Da zählen nicht nur fachliche Versiertheit, sondern auch „Softskills“ wie Sozialkompetenz oder ähnliches.

Auch in hierarchisch geführten, straff organisierten Firmen ohne „demokratische“ Willens- und Entscheidungsfindung muss entsprechend der heute sichtbaren komplexen Sachlagen mehrstufig entschieden werden. Der Ablauf ist ein Abstimmungsprozess, der viele Einflussgrößen berücksichtigen muss und soll. Die Durchführung geschieht dann allerdings entsprechen straff organisiert (wenn es gut geht), ohne weitere Diskussion.

Und: Gute Ideen haben immer einen schwierigen Weg vor sich. Schon allein deshalb, weil sich nahezu 99% der Menschen sich nichts anderes vorstellen können als das, was schon irgendwie da ist. Also konkret in der Form und Auswirkung nachvollziehbar ist. Das wird weder durch „Demokratie“ oder „Autorität“ besser. Ideen müssen für sich kämpfen und überzeugen. Das wird sich nie ändern.

Antworten

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