Interview

„Ich denke, dass Software mit offenem Quelltext längst gewonnen hat“

Vor allem in der Software-Entwicklung setzen Unternehmen häufig auf Open Source. (Bild: Best-Backgrounds/ Shutterstock)

Sollten öffentliche Verwaltungen Open-Source-Software benutzen? Eine generelle Antwort gebe es nicht, sagt Uni-Professor Dirk Riehle. Im Interview erzählt er, welche Schwierigkeiten bei einer Umstellung auftreten können und worauf geachtet werden sollte.

Barcelona tut es, Wien auch und München hat es zumindest versucht: Immer wieder nutzen Städte Open-Source-Software, also quelloffene Programme, für ihre IT-Infrastruktur oder -Anwendungen. Kampagnen wie „Public Money? Public Code!“ unterstützen dieses Vorgehen, sie fordern, dass mit öffentlichen Geldern geförderte Software auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollte.

Vertreter aus Politik und Digitalwirtschaft fordern: Software, die staatlich finanziert wird, sollte auch allen gehören und unter eine Open-Source-Lizenz gestellt werden. Im Folgenden die Unterstützer des Appells und ihr Statement.

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Doch sind diese Software-Programme immer die beste Wahl für den öffentlichen Sektor? Darüber, und was bei einer Umstellung falsch laufen kann, hat t3n mit Dirk Riehle gesprochen, Professor für Open-Source-Software an der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg.

t3n: Professor Riehle, sollten Städte für ihre IT Open-Source-Software verwenden?

Dirk Riehle, Professor für Open-Source-Software an der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg. (Foto: Harald Sippl / FAU)

Dirk Riehle: Der öffentliche Sektor und die Verwaltungen sollten die Software verwenden, die es ihnen ermöglicht, die gewünschten Dienstleistungen langfristig am besten bereitzustellen. Wie viel Open-Source-Software das erfordert, ist meiner Meinung nach zweitrangig.

t3n: Wie verbreitet ist denn Software mit offenem Quellcode in Verwaltungen?

Wie in jeder Branche verwendet der öffentliche Sektor über Open-Source-Komponenten, die in ein kommerzielles, proprietäres Produkt integriert sind, bereits beachtliche Mengen an Open-Source-Software. Schätzungen liegen bei 80 bis 90 Prozent des gesamten Codes in kommerziellen Produkten und Dienstleistungen. Open Source gibt es also überall, auch in Microsoft Windows und Office.

t3n: Glauben Sie, es wäre von Vorteil, wenn der öffentliche Sektor ausschließlich Programme verwenden würde, die zu 100 Prozent Open Source sind?

Beim Kauf eines Produkts sollte der Käufer alle relevanten Parameter, einschließlich langfristiger Kosten, Innovationsgeschwindigkeit und Qualität, berücksichtigen. Hier glänzt die Open-Source-Software. Software-Produkte, die ausschließlich aus Open Source bestehen, verhindern einen Lock-in-Effekt.

t3n: So bezeichnet man die Abhängigkeit eines Nutzers von einer bestimmten Software oder einem Händler. Wie helfen quelloffene Programme dagegen?

Der Benutzer kann zum Beispiel zu einem anderen Unternehmen wechseln, um die Software zu warten. Das vermeidet Preistreiberei, für die Softwareanbieter (oder auch jedes gewinnorientierte Unternehmen) bekannt sind. Wenn Kunden erst einmal eingesperrt sind, fällt es ihnen oft schwer, den Anbieter davon zu überzeugen, spezialisierte Funktionen bereitzustellen. Kunden können eine solche Innovationsblockade vermeiden, indem sie zu einem anderen Anbieter wechseln.

Wenn Open-Source-Software weitverbreitet ist und über eine florierende Community verfügt, wird die Geschwindigkeit, mit der diese Community die Software entwickelt, Fehler findet und diese behebt, in der Regel den kommerziellen Konkurrenten übertreffen. Infolgedessen reift die Open-Source-Software schneller. Bei zwei gleichen Produkten, von denen eines ausschließlich aus Open-Source-Software besteht, das andere proprietären Code enthält, gewinnt die quelloffene Software immer ‒ in Bezug auf langfristige Kosten, Innovationsgeschwindigkeit und Softwarequalität.

t3n: Manche Befürworter von Open Source fordern gesetzliche Regelungen, die zum Beispiel Open-Source-Software in Ausschreibungen bevorzugt behandeln. Was halten Sie davon?

Ich vermute, das hängt von dem jeweiligen Einsatzbereich ab. Meine Kollegen von der Open Source Business Association plädieren ausdrücklich dafür, diese Software aus den bereits genannten Gründen bevorzugt zu behandeln. Ich denke, dass Software mit offenem Quelltext längst gewonnen hat und diese Hilfe nicht wirklich benötigt. Die Herausforderungen für Open-Source-Software sind keine rationalen wirtschaftlichen.

t3n: Die Stadt München hat ihre IT wieder auf proprietäre Programme umgestellt, nachdem sie eine Nutzung von Open Source ausprobiert hatte. Warum hat es nicht geklappt?

Ich war nicht an der Münchner Entscheidung beteiligt, daher kann ich nur spekulieren und die üblichen Gründe angeben, warum solche Fehler auftreten.
Zunächst einmal ist es nichts Ungewöhnliches, wenn ein Unternehmen oder eine Regierung die Produkte wechselt. In diesem Fall wird die Implementierung von Linux und Libre-Office in München jedoch als Beispiel für allgemeine Verwendung von Open Source betrachtet, was falsch ist. München benutzte bestimmte Versionen von Linux und Libre-Office sowie Unternehmen für die Wartung und vielleicht funktionierte dieses Produktpaket einfach nicht so gut für sie wie Microsoft Windows und Office zuvor.

t3n: Könnte es noch andere Gründe geben?

Wahrscheinlicher ist, dass sich Nutzer auf Microsoft-Produkte eingefahren hatten – dieses Problem zeigen viele Berichte über Wechsel von Bürosoftware. Möglicherweise verwenden die meisten von ihnen Microsoft zu Hause, vielleicht haben sie es in früheren Jobs genutzt. Leute, die sich einen Ruf als Experte für ein Programm erarbeitet hatten, fürchteten sich vielleicht vor dessen Verlust. Der Umstieg auf eine neue Software und die Änderung der Gewohnheiten sind für Menschen unangenehm. Berichte darüber gibt es zuhauf und reichen vom Widerwillen zu lernen bis hin zu regelrechten Sabotageaktionen des unerwünschten Produkts.

Es ist schwer, etablierte Gewohnheiten zu ändern und es braucht Zeit, Veränderungen zu akzeptieren – auch wenn es sich um etwas einfaches wie eine Software auf der Arbeit handelt. Man kann versuchen, diesen Prozess zum Beispiel durch Mitarbeitertraining zu beschleunigen. Aber mit einem weit verbreiteten Programm wie Microsoft Windows oder Office wird es ein jahrelanger, harter Kampf.

t3n: Sollten Verwaltungen dann nur offene Software einführen, wenn es sich um neue Produkte handelt?

Die Ökonomen haben darauf eine Antwort: Man sollte den Gesamtwert der Lebensdauer der verschiedenen verfügbaren Alternativen auswerten und dann diejenige auswählen, die den besten Wert hat. Bei dieser Berechnung für einen Wechsel von proprietärer zu Open-Source-Software müssen die Umstellungskosten zu den Kosten für die Verwendung einer quelloffenen Lösung hinzugefügt werden. Es kann durchaus der Fall sein, dass die Open-Source-Lösung an sich viel besser als die proprietäre Lösung, jedoch mit den zusätzlichen Kosten für den Wechsel weniger wünschenswert ist. Dann ist es die logische Entscheidung, bei der proprietären Lösung zu bleiben. Open-Source-Enthusiasten ärgert das natürlich, da ihre überlegene Lösung plötzlich aufgrund des vorhandenen Lock-in zu einer minderwertigen wird. Es ist jedoch nur Wirtschaftlichkeit.

Die Antwort lautet also: Es kommt darauf an. In einigen Fällen sollte vorhandene proprietäre Software durch Open-Source-Software ersetzt werden, in anderen Fällen jedoch nicht.

t3n: Fänden Sie es problematisch, wenn eine Regierung selber Open-Source-Software entwickeln würde, weil sie damit quasi zum Anbieter dieser wird?

Eine öffentliche Regierung, die Open-Source-Software entwickelt oder ihre Entwicklung fördert, wird nicht automatisch zu einem Anbieter dieser Software. Eine solche Entwicklung oder Förderung bedeutet nur, dass öffentliche Gelder unter einer Open-Source-Lizenz in Software umgewandelt werden. Ich würde nicht befürworten, dass eine öffentliche Regierung anfängt, Dienstleistungen für einen Markt für diese Software bereitzustellen. Die Erbringung solcher Dienstleistungen sollte gewinnorientierten Unternehmen überlassen werden!

t3n: Wie würde das dann funktionieren?

Wenn die Open-Source-Software gut ist und den Bedürfnissen der Benutzer entspricht, werden solche Unternehmen bald aufkommen und es wird keine Notwendigkeit für die Regierung bestehen, kommerzielle Dienstleistungen anzubieten. Was eine öffentliche Regierung tun kann und sollte, ist das Untersuchen unbefriedigter Bedürfnisse und das Sponsern der ersten Entwicklung von Software, um eben diese Bedürfnisse zu erfüllen. Diese anfängliche Entwicklung von Open Source bedeutet, dass jedes Unternehmen jetzt ein Geschäft aufbauen und um die Kunden konkurrieren kann. Die Verwendung von Open-Source-Lizenzen ist ein wirksames Mittel, um im öffentlichen Interesse zu handeln, ohne dass ein bestimmtes Unternehmen davon zu Unrecht profitiert. Manchmal ist eine solche erste Investition notwendig, da sie Unternehmen von einer Entwicklung abhält.

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3 Kommentare
Max
Max

Bei zwei gleichen Produkten, von denen eines ausschließlich aus Open-Source-Software besteht, das andere proprietären Code enthält, gewinnt die quelloffene Software immer ‒ in Bezug auf langfristige Kosten, Innovationsgeschwindigkeit und Softwarequalität.

Selten so gelacht.

Antworten
...
...

Eine öffentliche Einrichtung sollte nicht Open- oder Closed-Source einsetzen sondern die Programme, die sie möglichst effizient machen. Die Lizenzkosten die mich eine Closed-SW kostet sind das eine – die Zeit der Beamten — und der der Bürger die andere. Wenn eine OS Lösung x Std mehr Arbeitszeit bedeutet, heißt das auch, dass Bürger od Firmen i.d.R. länger auf etwas warten.

Und ja, ich stelle es mir schwer vor, gegen eine MS-Office-Welt anzukommen. Die Programme arbeiten einfach gut zusammen. Da mag es für einzelne Komponenten gute Lösungen geben, aber wenn das Gesamtbild nicht mehr flutscht bringt es halt nichts.
Und „zukunftssicher“ … uhm ja, das hat man mit OOO gesehen – dann hat die Entwicklercommunity keinen Bock mehr und spaltet sich auf. Uhm ja – okay.
Mozilla Calendar – der immer weniger weiterentwickelt wird ..

Letztendlich schert es mich als Bürger wenig, mit was die Leute arbeiten, so lange sie effizient arbeiten. Alles andere sind für mich nur Glaubenskriege.

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Lobbyist der US-Konzerne

Heiliger Krieg gegen amerikanische Software-Firmen geht weiter. Diesmal versucht man es mit Professoren für Open-Source. Ich wusste nicht, dass wir sowas überhaupt haben.

Sehr guter Text mit sehr vielen Punkten, die fassungslos machen.

zu München: „München benutzte bestimmte Versionen von Linux und Libre-Office sowie Unternehmen für die Wartung und vielleicht funktionierte dieses Produktpaket einfach nicht so gut für sie wie Microsoft Windows und Office zuvor“ – das in München war also kein richtiger Software-Sozialismus. Falsche Versionen von Linux und Libre-Office sowie Unternehmen etc. Nächstes Mal wird es besser, ja-ja :)

„Ich denke, dass Software mit offenem Quelltext längst gewonnen“ – wo denn? wie denn? warum denn?

„Bei zwei gleichen Produkten, von denen eines ausschließlich aus Open-Source-Software besteht, das andere proprietären Code enthält, gewinnt die quelloffene Software immer ‒ in Bezug auf langfristige Kosten, Innovationsgeschwindigkeit und Softwarequalität.“ – woher kommt das? Innovationen kommen so gut wie immer von Konzernen, die genug Geld und Fachkräfte haben, damit man die Innovationsgeschwindigkeit und Qualität bereitstellen können

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