Interview

Deutsche Bahn: „Wir sollten nicht versuchen, das Silicon Valley nachzubauen“

(Foto: Deutsche Bahn)

Lesezeit: 6 Min.
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Manuel Gerres ist Mann der Stunde bei der Digitalisierung der Deutschen Bahn. Im Interview spricht der neue Innovationsmanager über seinen Venture-Fonds und das, was ein Staatsunternehmen sexy macht.

Manuel Gerres empfängt in der „DB Mindbox“. Vermutlich ist das kein Zufall. Denn im Gegensatz zum Bahn-Tower am gar nicht so weit entfernten Potsdamer Platz wirkt der von außen verblüffend schlicht gehaltene Coworking-Space unter den gemauerten S-Bahn-Viaduktbögen an der Berliner Jannowitzbrücke angenehm bodenständig.

Manuel Gerres ist der neue Innovationsmanager bei der DB. (Foto: Manuel Gerres)

Ja, ein weiteres Büro habe er auch in der Konzernzentrale, sagt der neue Mann fürs Digitale bei der Deutschen Bahn, aber nicht ganz oben, sondern „irgendwo mittendrin“. Seit November vergangenen Jahres soll er nicht weniger als durchlüften im Staatskonzern, Prozesse neu denken, das tun, was man gemeinhin unter dem Aufbrechen von alten Strukturen versteht. Vermutlich gibt es einfachere Aufgaben in diesem Land.

Auf der reichlich unübersichtlichen Digitalisierungsagenda steht prominent die Entwicklung neuer digitaler Geschäftsmodelle. Zudem hat man Manuel Gerres mit dem Suchen und Finden von Investitionsobjekten betraut. Denn um die Zukunft der Mobilität mitzuentwerfen, das hat die Bahn erkannt, braucht es dringend Hilfe von außen, von agilen Startups, die neue Ideen und Innovationen zuliefern und das mitunter träge Unternehmen mit unübersichtlichen Geschäftszweigen voranbringen. Wie immer drängt die Zeit. Der Markt der Mobilität ist in Bewegung. Und Konkurrenz kommt längst aus ungeahnten Richtungen.

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Manuel Gerres: Ich hab’s bisher nicht getan. Auch, weil ich ganz zufrieden bin mit der Position, die ich habe. Ich glaube, die steht mir.

t3n.de: Aber als Chef könnte man doch sehr effektiv von ganz oben herab den Konzern digitalisieren. Das ist doch deine Domäne …

Ich bin ganz froh, dass ich mich in meinem eigenen Bereich, der neuen „New Digital Business“-Unit, und als einer der Geschäftsführer der DB Digital Ventures ganz auf das Thema Digitalisierung konzentrieren kann. Meine Aufgabe ist, ein Ökosystem zu schaffen, das sich peu à peu in die DNA des Konzerns einfügt.

t3n.de: Du bist jetzt seit ungefähr drei Monaten in deiner neuen Position. Lässt sich in der trägen Konzernstruktur der Deutschen Bahn überhaupt etwas bewegen?

Ich bin positiv überrascht, dass wir als Konzern es geschafft haben, einen Venture-Fonds zu starten und uns sukzessive wegbewegen von der reinen Optimierung des Schienenverkehrs, unseres Kerngeschäfts. Statt der Sorge, dass neue Mobilitätsformen dieses kannibalisieren könnten, sehen wir vielmehr die Chancen und setzen auf vernetzte Verkehre. Man denke an autonome Busse oder Ridesharing. Ganz ohne Reibung geht das nicht. Aber in der Mobilität wirken nun mal zunehmend disruptive Kräfte.

t3n.de: Das klingt trotzdem nach Stress innerhalb des Unternehmens …

Wenn ein Unternehmen wie die Deutsche Bahn sich digitalisiert, ist das von Herausforderungen geprägt. Digitalisierung heißt auch, dass wir uns Prozesse anschauen und versuchen, diese zu verschlanken. Wir stehen sowohl in der Mobilität als auch in der Logistik unter wachsendem Wettbewerbsdruck, im Kerngeschäft haben wir wirtschaftliche Aufgaben zu lösen. In solchen Zeiten muss natürlich auch das Investieren gut argumentiert werden. Wichtig ist, dass wir alles, was wir tun, auf die Bedürfnisse unserer Kunden ausrichten. Dieses gemeinsame Verständnis bildet die Klammer um alles.

t3n.de: Hast du das Gefühl, als neu bestellter „Change Manager“ der Digitalisierung ernstgenommen zu werden, so zwischen all den anderen, ziemlich mächtigen Geschäftszweigen des Konzerns?

Die Kollegen wissen, dass unser Team der DB Digital Ventures und der „New Digital Business“-Unit ihnen nicht in ihre Tages-Digitalisierung reinpfuscht. Was wir tun, ist mögliche zukünftige digitale Dienste zu entwickeln, die dann im Idealfall von anderen Bereichen des Konzerns für gut befunden und übernommen werden.

t3n.de: In der Startup-Szene scheint die Bahn ganz gut anzukommen. Was macht ein Staatsunternehmen sexy?

Fest steht: Die DNA zukunftsweisender Geschäftsmodelle gerade vieler junger Unternehmen ist die Datengetriebenheit. Von ebendieser versprechen wir als Deutsche Bahn uns enorm viel. Wir haben neben unserem Branchen-Know-how einen über Jahrzehnte extrem gewachsen Datenstamm, mit dem wir schrittweise gelernt haben umzugehen. Beschäftigen müssen wir uns allerdings noch mit der Frage, wie wir dieses Gut zur Verfügung stellen wollen. Es geht um Schnittstellen, die bis vor fünf Jahren noch nie jemand abgefragt hat. Im Moment müssen wir uns also auch hinsichtlich unserer IT-Organisation dem Markt anpassen. Das ist ein Geben und Nehmen.

t3n.de: Viele junge Unternehmen aus der Mobilitätsbranche haben offensichtlich Lust auf diese Daten der Bahn. Mit dem Accelerator-Programm „Beyond 1435“ willst du fünf Startups die Möglichkeit geben, unter dem Dach eures Coworking-Space „Mindbox“ an einem Projekt zu arbeiten. Hauptthema ist diesmal die „Smart City“, die intelligente Stadt. Noch kann man sich bewerben. Gibt es schon aussichtsreiche Kandidaten?

Manchmal sind bei den eingereichten Projekten zwar die Geschäftsmodelle noch nicht ganz klar, aber die tolle Technologie, die dahintersteckt, macht das meist wieder wett. Ziel des „Beyond1435“-Accelerators ist, dass wir als DB Unternehmen aufbauen, in die unser Venture-Fonds anschließend investiert. Die Suche nach interessanten Startups läuft international. Wichtig ist, dass die Kollegen während des Programms physisch hier sind, also dass sie die Mindbox in Berlin während der Dauer von drei Monaten als ihr Zuhause verstehen.

t3n.de: „Zuhause“ hört sich nach guter Zusammenarbeit an. Aber was verspricht sich die Bahn konkret von den Startups?

In allererster Linie ist der Accelerator für uns ein Dealflow für den Venture-Fonds. Entweder wir investieren direkt, oder wir nutzen das Vehikel des Accelerators. Wenn wir als Venture-Fonds in ein Projekt hineingehen, glauben wir natürlich an das große Wachstumspotenzial eines Geschäftsmodells. Oftmals haben wir es hier mit Unternehmen zu tun, die das zukünftige digitale Geschäft der Deutschen Bahn aufbauen und prägen werden. Davon bin ich überzeugt.

t3n.de: Wie kann man als Startup bei dir positiv auffallen?

Man muss natürlich ein Geschäftsmodell haben, das zu unseren Investment-Kriterien passt. Außerdem stehen wir auf frühphasige Unternehmen, die einen digitalen Kern im Produkt und eine Skalierungsmöglichkeit über die klassische DB-Welt hinaus haben. Denn wenn wir investieren, wollen wir auf Ideen setzen, die zumindest das Potenzial haben, im Weltmarkt eingesetzt zu werden.

t3n.de: Und was haben die bahnfahrenden Endkunden von der Digitalisierung des Konzerns?

Interessant ist neben vielen anderen Projekten natürlich das Thema Ticket. Wir hatten in der Mindbox schon viele unterschiedliche Startups, die uns diesbezüglich diverse Vertriebsszenarien vorgeführt haben. Die Denke geht mittlerweile weg vom klassischen Ticket hin zu einem Check-in.

t3n.de: Das Projekt „Touch&Travel“ hat die Bahn allerdings wieder eingestellt…

Ja, denn NFC hat sich technologisch überholt, das stammte noch aus der Prä-Smartphone-Zeit. Die Idee des Check-ins verfolgen wir aber natürlich weiter. Mein Smartphone weiß, wo ich ein-, um- und aussteige und berechnet mir den Bestpreis. Der Kunde muss sich in diesem Fall also um nichts mehr kümmern.

t3n.de: Im hart umkämpften Markt der intermodalen Apps setzt die Bahn weiter auf das Portal Qixxit, das neben der Bahn auch Taxi, Fernbus, Ridesharing und andere Fortbewegungsmittel integriert und im Idealfall schnelle Routen berechnet. Daimler experimentiert derweil mit Moovel. Ist das Konkurrenz für euch?

Nein. Genau wie wir orientieren sich mittlerweile viele andere Mobilitätsunternehmen an der Kundenschnittstelle. Derzeit kann man sagen, dass wir alle partnerschaftlich miteinander umgehen und Know-how teilen, um im deutschsprachigen und europäischen Markt auch mithalten zu können.

t3n.de: Man teilt also die gemeinsame Angst vor den USA?

Ich finde, wir sollten hier in Deutschland nicht versuchen, das Silicon Valley nachzubauen. Stattdessen müssen wir hierzulande eine eigene DNA entwickeln. Wir sind ein Land von Ingenieuren.

t3n.de: Auf welche Technologien sollten diese Ingenieure setzen?

Wenn man sich auf irgendetwas festlegt, kann man auch danebenliegen. Das zeigen die Erfahrungswerte vieler Industrien. Ich glaube, das Smartphone wird in den nächsten fünf Jahren noch ein essenzielles Endgerät sein, mit dem man Mobilität auch organisiert. Wir arbeiten grundsätzlich daran, das Reisen und Gütertransporte von A nach B noch einfacher und flexibler zu machen. Digitale Kundenplattformen spielen dabei eine Schlüsselrolle.

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