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Kann diese neue Rechtsform für Startups die Wirtschaft revolutionieren?

Die Rechtsform der Gesellschaft mit gebundenem Kapital definiert die Idee von Eigentum neu. Kann das zu einer nachhaltigeren und sinnorientierteren Wirtschaft führen? Das Startup Fryd aus Stuttgart ist davon überzeugt.

Von Insa Schniedermeier
4 Min. Lesezeit
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Man erntet, was man sät. (Foto: Shutterstock / Singkham)

„Wenn Geld dein Antrieb ist, dann gründe nicht“, sagt Jens Schmelzle. Er ist seit 13 Jahren Teil der Startup-Szene und einer der Regionalsprecher des Bundesverbands Deutsche Startups für Baden-Württemberg. Sein neuestes Baby ist die Garten-App Fryd, ein Produkt von Farmee, das er zusammen mit Steffen Abel und Florian Haßler im Februar 2020 gelauncht hat. Die App hilft Hobbygärtner:innen dabei, Wissen über ökologischen Gemüseanbau aufzubauen. Zusätzlich zu einem smarten Beetplanungsalgorithmus und einer Pflanzenbibliothek gibt es der Zugang zu einer Community von inzwischen rund 100.000 Nutzer:innen, die sich gegenseitig bei Fragen und Problemen helfen. Der Fokus von Fryd liegt dabei immer auf ökologischem Anbau.

Purpose-Company in Verantwortungseigentum

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Die Basisversion ist kostenlos, die Pro-Version kostet 29 Euro im Jahr. Auch die Organisationsstruktur von Farmee soll nachhaltig sein. Daher agiert das Stuttgarter Startup mit seinen aktuell 15 Mitarbeiter:innen nicht Exit-orientiert, sondern als Purpose-Company in Verantwortungseigentum. Eine im November 2021 abgeschlossene Finanzierungsrunde über 1,15 Millionen Euro wurde über verzinste Nachrangdarlehen umgesetzt – im Fall eines Bankrotts bekommen die Investor:innen ihr Geld erst, wenn alle anderen Gläubiger:innen bezahlt sind. Außerdem ist das Multiple im Voraus gedeckelt. Das heißt, die Investor:innen bekommen beispielsweise nach zehn Jahren maximal das Fünffache ihres Investments zurück, der Rest wird reinvestiert.

Selbst Hobbygärtner: die drei Fryd Gründer. (Foto: Fryd)

Selbst Hobbygärtner: die drei Fryd Gründer. (Foto: Fryd)

Schmelzle erklärt: „Wir versuchen, zwischen allen Stakeholder:innen unseres Unternehmens eine Balance herzustellen: den Mitarbeiter:innen, der Umwelt, unseren Kund:innen, uns als Gründern und den Investor:innen. Mit diesem Prinzip der Fairness wollen wir alle auf unsere Mission mitnehmen, möglichst viele Menschen zum nachhaltigen Gemüseanbau zu befähigen.“

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Der Fokus von Fryd liegt dabei immer auf ökologischem Anbau. (Bild: Fryd)

Der Fokus von Fryd liegt dabei immer auf ökologischem Anbau. (Foto: Fryd)

Was kann die Gesellschaft mit gebundenem Kapital?

Bislang war die Unternehmensform im Verantwortungseigentum nur über Umwege zu erreichen, beispielsweise durch ein Doppelstiftungsmodell, bei dem das Vermögen von den Entscheidungsrechten des Unternehmens getrennt ist. Doch das soll sich durch zwei Sätze im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung ändern. Auf Seite 30 heißt es: „Zu einer modernen Unternehmenskultur gehören auch neue Formen wie Sozialunternehmen oder Gesellschaften mit gebundenem Vermögen“ – und dass für diese Unternehmen eine neue Rechtsform geschaffen werden soll. Was bedeutet das konkret?

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Ursprünglich bekannt geworden als Verantwortungseigentum ist eine Gesellschaft mit gebundenem Vermögen eine Alternative zu herkömmlichen Eigentumsstrukturen. In dieser Mischung aus GmbH und Stiftung gehört ein Unternehmen nicht mehr einer Eigentümerin oder einem Eigentümer, sondern quasi sich selbst. Die Stimmrechte liegen mehrheitlich bei den Menschen, die auch tatsächlich im Unternehmen arbeiten, und können nicht weiterverkauft werden. Auch nach einem Führungswechsel bleiben so die Unabhängigkeit und die Ziele eines Unternehmens erhalten.

Eine weitere Eigenschaft der Gesellschaft mit gebundenem Vermögen ist, dass Gewinne immer Mittel zum Zweck und niemals Selbstzweck sind. Sie bleiben im Unternehmen und werden reinvestiert oder gespendet. Startups können so signalisieren, dass sie langfristig bestehen und nicht nach einigen Jahren an größere Firmen verkaufen wollen. Auch Familienbetriebe können so einfacher ihre Werte und ihre ökonomische Selbstständigkeit bewahren, selbst wenn kein:e Nachfolger:in vorhanden ist.

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Wider die blinde Profitgier

Die Idee klingt revolutionär, ist es jedoch keineswegs: Die Traditionsunternehmen Bosch, Zeiss oder Mahle sind bereits seit Jahren ähnlich organisiert. Im Startup-Bereich setzen Einhorn, Ecosia oder eben Farmee auf diese Organisationsform. Wie die Beispiele zeigen, muss die Dienstleistung an sich in einer Gesellschaft mit gebundenem Vermögen nicht per se nachhaltig sein. Impact-Investing und Verantwortungseigentum sind also nicht unbedingt das Gleiche. „Aber normalerweise ist es eben so, dass Menschen, die so denken, keine Waffen handeln“, sagt Schmelzle.

Die Fürsprecher:innen dieser neuen Rechtsform meinen, dass Probleme wie die Ausbeutung von natürlichen Ressourcen und Arbeiter:innen oder die Verschmutzung der Umwelt durch ein sinnloses Streben nach mehr entstehen. Das sei die Folge, wenn Gewinne und Unternehmensziele entkoppelt würden.

Armin Steuernagel, Geschäftsführer der Stiftung Verantwortungseigentum, erklärt in einem Tedx-Talk: Jeden Tag würden kleine, wertebasierte Unternehmen mit einer Mission von großen Firmen gekauft, die lediglich auf schnelle Profite aus sind. Die Entscheidungen dieser Fremdeigentümer:innen würden dann oft ohne Verbindung zum Tagesgeschäft getroffen und ohne dass sie die Konsequenzen ihrer Handlungen zu spüren bekämen. Als Folge verlören viele der betroffenen Unternehmen ihre Identität und ihren ursprünglichen Zweck. Man könnte sagen: Sie haben ihre Seele verkauft.

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Es gibt auch Kritik

Im Vorfeld des Koalitionsvertrages gab es hitzige Diskussionen über diese neue Rechtsform. Kritiker:innen sagten, dass durch Unternehmen mit gebundenem Kapital die Idee des Eigentums ausgehöhlt und unternehmerische Ambitionen untergraben würden. Die andere Seite, zu der auch Schmelzle und Steuernagel gehören, ist überzeugt, dass Unternehmen Probleme lösen und nicht nur Geld verdienen sollten. Sie argumentieren, dass Unternehmen in Verantwortungseigentum weniger Fluktuation und eine längere Lebensdauer hätten und ihre Mitarbeiter:innen eine höhere intrinsische Motivation.

„Ich glaube, dass es immer wichtiger wird, Menschen einen Sinn in ihrer Arbeit zu geben“, sagt Schmelzle. Mit der Entscheidung für eine Unternehmensform in Verantwortungseigentum hat er dafür den Grundstein gelegt. Auf dem Papier ist Farmee zwar bislang noch eine GmbH, die Gründer haben aber im letzten Jahr entschieden und vertraglich festgelegt, ihre Stimmrechte abzugeben und die Stiftung Verantwortungseigentum mit einem Prozent Vetorecht mit an Bord zu nehmen. So ist sichergestellt, dass die Prinzipien des Verantwortungseigentums gewahrt werden. Sobald der rechtliche Rahmen der Gesellschaft mit gebundenem Vermögen steht, will das Startup transformieren.

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