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Emojis als Spiegel der Gesellschaft: Wie Diversität und Inklusion in die digitale Welt kamen

Am 17. Juli ist Welt-Emoji-Tag: Wir werfen einen Blick zurück, als Paul D. Hunt die digitalen Icons mit vielfältigen Geschlechteridentitäten ausstattete und den Weg ins Internet ebnete.

Von MIT Technology Review Online
3 Min.
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Die Vielfalt in den Geschlechteridentitäten spiegeln sich in den Emojis wieder - dank Paul D. Hunt. (Grafik: Paul D. Hunt)

Im Jahr 2021 hat das Unicode-Konsortium eine neue Emoji-Serie veröffentlicht, welche die Vielfalt der Geschlechteridentitäten widerspiegelt. Dies ist Paul D. Hunt zu verdanken. Hunt setzt sich seit 2016 dafür ein, dass Emojis inklusiver und weniger sexistisch werden und die menschliche Erfahrung besser widerspiegeln.

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Der Kampf gegen die Geschlechterstereotypen bei Emojis mag unbedeutend erscheinen. Doch seit ihrem ersten Auftritt in der Form, wie wir sie kennen, im Jahr 1999 ist ihr Fundus von 176 einfachen, pixeligen Symbolen aktuell laut dem Unicode-Konsortium 3782 zunehmend detaillierte Bilder angewachsen. Mehr und mehr Menschen auf der ganzen Welt bekommen Zugang zu Mobiltelefonen – und damit auch zu Emojis, mit denen sie ihren Texten mehr Ausdruck verleihen können.

Der Kampf für Gleichstellung ist für Hunt, nicht-binär und transgender, eine persönliche Angelegenheit. Hunt hat Typografie und Design studiert und Wurzeln in Linguistik und Kunst. Es gibt wohl keine bessere Person auf dem Planeten, um über die Bedeutung der Geschlechtsidentitäten von Emojis nachzudenken.

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Nicht nur Engagement für Emojis

Hunts Interesse an Sprache und Alphabet, Design und Kultur wurzelt in der Kindheit in einer kleinen Mormonengemeinde in der Navajo Nation in Arizona. Eigentlich wollte Hunt International Business studieren, wechselte dann aber zu Design. Hunt, der sich selbst das englische Pronomen „they“ gibt (Anm.d.Red.: Im Deutschen gibt es noch keine allgemein gebräuchliche Entsprechung, weswegen wir hier seinen Namen nennen.), engagierte sich bei Typophile, einer Online-Gemeinschaft von Typografen, machte ein Praktikum in einer Schriftgießerei, zeichnete Buchstaben und entwarf Schriften. An der englischen University of Reading machte Hunt den Master in Schriftdesign und übernahm bei Adobe federführend die Gestaltung von Schriften, die nicht das lateinische Alphabet verwenden.

Die meiste Anerkennung hat Hunt jedoch für die Mitarbeit im Unterausschuss des Unicode-Konsortiums erhalten, der für Auswahl und Design von Emojis verantwortlich ist. Hunts Überlegungen zu Geschlecht und Emojis hatten eine überraschende Quelle: „RuPaul’s Drag Race“, eine Reality-Show, bei der Dragqueens gegeneinander antreten.

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Zunächst rollte Hunt die Augen über die Extravaganz der Drag-Race-Kandidaten: „Ich fand RuPaul zu affektiert, und ich verstand dieses ganze Dragqueen-Phänomen nicht wirklich.“ Aber Hunts Ehemann war ein Fan, und so begann Hunt auch selbst, die Show regelmäßig anzuschauen. Was Hunt dabei vor allem anzog, war die Weigerung der Dragqueens, konventionellen Geschlechterrollen und Stereotypen zu entsprechen. Dies führte zu einer Erleuchtung: Geschlecht ist eine Performance. Jeden Tag treffen wir laut Hunt Entscheidungen, unser Aussehen „auf die eine oder andere Weise zu verändern, ob das nun männlich oder weiblich ist“.

„Weibliche“ und „männliche“ Tätigkeiten

Emojis tendieren dazu, das Geschlecht mit traditionellen Zeichen für Männlichkeit (Bart, kurze Haare) beziehungsweise Weiblichkeit (lackierte Nägel, lange Haare, Röcke) zu codieren. Hunt fand dies einschränkend, sogar störend: Warum war eine Krankenschwester eine Frau und ein Polizist ein Mann? Warum wurden „belanglose“ Tätigkeiten wie Nägel lackieren oder Tanzen als weiblich dargestellt, „ernste“ Aktivitäten wie Bauarbeiten hingegen immer als männlich? Warum waren diese Bilder überhaupt so eindeutig geschlechtsspezifisch?

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Hunt beschloss, etwas dagegen zu unternehmen. Hunt war bereits Teil des Emoji-Subkomitees, das mit Hardware- und Softwareunternehmen zusammenarbeitet, um Emojis auf allen Geräten einsetzbar zu machen. 2016 reichte Hunt einen Vorschlag für geschlechtsneutrale Emojis ein: als „vermenschlichtes Erscheinungsbild, das visuelle Hinweise verwendet, die allen Geschlechtern gemein sind, indem sie Stereotypen ausschließen, die explizit männlich oder weiblich sind“.

Emojis mit mehr Nuancen

Das war revolutionär. Für viele waren Emojis niedliche Textzusätze, aber auf keinen Fall politisch. Hunt sagt diplomatisch, dass es bei den Ausschussmitgliedern eine gewisse Skepsis gab. Einige verwiesen auf Google, das mit seinen gelben Klecksen in Gchat versucht hatte, eine Festlegung auf Geschlecht und Ethnie zu umgehen. In gewisser Weise funktionierte das, aber Hunt fand das etwas seltsam: Warum konnten Emojis nicht mehr Nuancen der menschlichen Erfahrung ausdrücken, ohne auf Abstraktionen zurückzugreifen?

Hunts Vorschlag fand schließlich Gehör bei Jennifer Daniel, der neuen Leiterin des Emoji-Subkomitees. Sie war maßgeblich an einer neuen Linguistik der Emojis beteiligt, die Inklusivität und die kreative Verwendung als Ausdrucksmittel zelebriert. Als sie 2018 dem Ausschuss beitrat, sei keines von Hunts geschlechtsneutralen Emojis richtig unterstützt worden, berichtet Daniel. Sie drängte auf die Umsetzung von Hunts Vorschlag und gab Richtlinien für geschlechtsneutrale Emojis heraus.

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Für Hunt sind Emojis ein starkes Ausdrucksmittel, gerade weil uns manchmal die Worte fehlen. Hunt erinnert sich an das Kennenlernen von Hunts künftigem Ehemann, einem Australier, in San Francisco: „Dabei baut man eine gemeinsame Geschichte auf und entwickelt seine eigene kleine Sprache.“ Dazu gehörte für Hunt auch das gesprenkelte Herz-Emoji, das zum „Logo“ der aufkeimenden Beziehung wurde. „Dieses Emoji hat mir sehr viel bedeutet“, sagt Hunt. „Und tut es immer noch.“

Dieser Text stammt von Tanya Basu aus der Redaktion der US-amerikanischen Ausgabe der MIT Technology Review.

 

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