Anzeige
Anzeige
Glosse

Daten-Sammelwut: Trackst du noch oder micromanagst du schon?

Muss man alles tracken, was möglich ist? Gilt bei der Datenerfassung immer, dass mehr auch „mehr gut“ ist? Nein, findet Claudia Wieschollek, und fragt sich, wann es genug ist. #isso

3 Min.
Artikel merken
Anzeige
Anzeige
(Bild: Shutterstock)

„Hey“, sagt mein Partner. „Ich habe mir jetzt auch so einen Fitnesstracker gekauft! Guck mal, ich bin heute schon 4.916 Schritte gegangen. Und hier“, er fuchtelt mit der App vor meiner Nase herum. „Da ist mein Blutdruck angestiegen. Als ich mit meiner Mutter telefoniert habe.“ Ich reiße ihm das Ding vom Handgelenk, werfe es auf den Boden und trample darauf herum. Sind denn jetzt alle wahnsinnig geworden?! Muss man alles tracken, nur weil man es kann? Was kommt als nächstes? Eine Toilette, die mir … lassen wir das.

Alles ist messbar

Ist doch wahr. Wir messen, vermessen und tracken mittlerweile alles, was geht. Der Fitnesstracker am Handgelenk ist da ja noch harmlos. Es gibt ihn inzwischen auch für Hunde und Pferde (und eine Seismologin will – nicht ganz ernst gemeint – aus Katzen und Fitnesstrackern ein Erdbebenwarnsystem aufbauen), es gibt Schuhe, die uns den schnellsten Weg nach Hause anzeigen, und smarte Menstruationstassen.

Anzeige
Anzeige

Und das ist nur das Privatleben. Auch im Beruf ist das Tracking allgegenwärtig. Natürlich gibt es zahlreiche Situationen, in denen es mehr als nur wichtig ist, Buch zu führen und genaue (An-)Zahlen zu erfassen. Ärzte und Pflegepersonal müssen exakt wissen, wann ein Patient wie viel eines Medikaments erhalten hat. Wer etwas produziert, muss sicherstellen können, dass das Produkt in der richtigen Stückzahl und mit den richtigen Maßen vom Band läuft. Und dann sind da ja noch ungefähr 35.000 DIN-Vorgaben, die eingehalten werden wollen.

Zusätzlich muss selbstverständlich auch der gemeine Arbeitnehmer überwacht werden die Möglichkeit haben, seine Leistung bis ins letzte Detail aufgeschlüsselt zu bekommen. Im letzten Monat waren es aber viele Pipipausen, ist alles okay? Verglichen mit vorigem November hast du dieses Jahr weniger Papiertüten geklebt, woran liegt es? Und überhaupt, aktuell liegt der Umsatz zwei Euro fünfzig unter dem des ersten Quartals – besser, wir rufen den Notstand aus und leiten Gegenmaßnahmen ein!

Anzeige
Anzeige

Weil sie es können

Ja, klar, Daten können tatsächlich Umschwünge ankündigen – wenn gerade ein Tief über Großbritannien liegt und der Wind nach Osten weht, können wir schon mal den Regenschirm rauskramen. Und wenn die Umsatzzahlen über Wochen oder gar Monate kontinuierlich sinken, dann stimmt vermutlich wirklich irgendetwas nicht. Aber anstatt zu schauen, an welchen Stellen Tracking Sinn ergibt und wo es nur Spielerei ist, nehmen datenverliebte Unternehmen mit, was geht. So wie George Mallory den Mount Everest bestiegen hat, „weil er da ist“, tracken sie alles und jeden – weil sie es können. Und damit die gesammelten Daten nicht nutzlos herumliegen und auf irgendeiner Festplatte verschimmeln, werden sie als unbedingte Handlungsanweisung verstanden. Das Backoffice hat letzten Monat weniger Briefumschläge verbraucht, wenn da nicht was im Busch ist. Besser mal genauer hinschauen!

Anzeige
Anzeige

Mit den Daten kommt letztlich das Versprechen der Kontrolle. Kontrolle über die eigene Gesundheit, den Fitnessgrad des Haustiers und im beruflichen Kontext gerade über die Arbeitnehmer. Wie Stasispitzel kleben die Dashboards an der Wand und raffen jeden Informationsschnipsel an sich, den sie kriegen können. Mehr Daten sind aber nicht unbedingt mehr Erkenntnisgewinn. Mehr Daten sind in vielen Fällen auch einfach mehr Micromanaging. Wie der Stasispitzel, der den Abfall durchwühlt auf der Suche nach dem Puzzlestück, das das Bild vervollständigt und plötzlich alles ganz einfach macht. Aber wie es mit der DDR ausging, wissen wir ja.

Nachtrag

Ich habe meinem Partner den Fitnesstracker übrigens nicht vom Handgelenk gerissen. Ich bin auch nicht darauf herumgetrampelt; stattdessen habe ich gesagt „Oh, das ist ja interessant.“ Hätte ich jedoch zu diesem Zeitpunkt selbst so ein Gerät getragen – es hätte garantiert festgestellt, dass mein Blutdruck in die Höhe geschnellt ist.

Anzeige
Anzeige

Der Schlüssel zu deinem Unternehmenserfolg ist, deine Kund:innen zu verstehen. Lerne in unserem Guide, wie du mit Customer Insights erfolgreicher wirst!

Jetzt lesen!
Mehr zu diesem Thema
Fast fertig!

Bitte klicke auf den Link in der Bestätigungsmail, um deine Anmeldung abzuschließen.

Du willst noch weitere Infos zum Newsletter? Jetzt mehr erfahren

Anzeige
Anzeige
Kommentare (2)

Community-Richtlinien

LRRM

Wo ist der Mehrwert dieses Artikels?

HP

Heute ist so gut wie alles technisch machbar, die Frage sollte eben sein, ob es auch sinnvoll ist. Von den Messwerten kann man sich eben auch leicht in den Wahnsinn treiben lassen. Wenn diese einem dabei helfen gesteckte Ziele zu erreichen oder aufgrund von z.B. Krankheiten bestimmte Aktivitäten zu überwachen: warum nicht! Aber alles Andere ist und bleibt Spielkram, auf den zumindest ich mein Leben lang verzichten werde. Mein Leben kann ich auch, oder gerade deswegen, genießen, weil mir egal ist, ob ich heute 5000 oder 6000 Schritte gelaufen bin, meine Beine wissen schon, was geleistet worden ist.

Vielen Dank für den lesenswerten Artikel!

Bitte schalte deinen Adblocker für t3n.de aus!
Hallo und herzlich willkommen bei t3n!

Bitte schalte deinen Adblocker für t3n.de aus, um diesen Artikel zu lesen.

Wir sind ein unabhängiger Publisher mit einem Team von mehr als 75 fantastischen Menschen, aber ohne riesigen Konzern im Rücken. Banner und ähnliche Werbemittel sind für unsere Finanzierung sehr wichtig.

Schon jetzt und im Namen der gesamten t3n-Crew: vielen Dank für deine Unterstützung! 🙌

Deine t3n-Crew

Anleitung zur Deaktivierung
Artikel merken

Bitte melde dich an, um diesen Artikel in deiner persönlichen Merkliste auf t3n zu speichern.

Jetzt registrieren und merken

Du hast schon einen t3n-Account? Hier anmelden

oder
Auf Mastodon teilen

Gib die URL deiner Mastodon-Instanz ein, um den Artikel zu teilen.

Community-Richtlinien

Wir freuen uns über kontroverse Diskussionen, die gerne auch mal hitzig geführt werden dürfen. Beleidigende, grob anstößige, rassistische und strafrechtlich relevante Äußerungen und Beiträge tolerieren wir nicht. Bitte achte darauf, dass du keine Texte veröffentlichst, für die du keine ausdrückliche Erlaubnis des Urhebers hast. Ebenfalls nicht erlaubt ist der Missbrauch der Webangebote unter t3n.de als Werbeplattform. Die Nennung von Produktnamen, Herstellern, Dienstleistern und Websites ist nur dann zulässig, wenn damit nicht vorrangig der Zweck der Werbung verfolgt wird. Wir behalten uns vor, Beiträge, die diese Regeln verletzen, zu löschen und Accounts zeitweilig oder auf Dauer zu sperren.

Trotz all dieser notwendigen Regeln: Diskutiere kontrovers, sage anderen deine Meinung, trage mit weiterführenden Informationen zum Wissensaustausch bei, aber bleibe dabei fair und respektiere die Meinung anderer. Wir wünschen Dir viel Spaß mit den Webangeboten von t3n und freuen uns auf spannende Beiträge.

Dein t3n-Team

Kommentar abgeben

Melde dich an, um Kommentare schreiben und mit anderen Leser:innen und unseren Autor:innen diskutieren zu können.

Anmelden und kommentieren

Du hast noch keinen t3n-Account? Hier registrieren

Anzeige
Anzeige