Analyse

Gamestop, Tesla, Bitcoin: Wie Memes und Storys die Finanzwelt erschüttern

Dogecoin, Tesla, Gamestop, Bitcoin – was sind Hype-Anlagen wirklich wert? (Graifk: mit dpa)

Lesezeit: 6 Min. Gerade keine Zeit? Jetzt speichern und später lesen

Millionen Kleinanleger pumpen mit ihrem Geld Aktien- und Kryptowerte auf: Mit dem Hype, aus Sympathie oder für die Lolz. Aber ein Wert, der irrational steigt, kann auch irrational fallen.

Was haben Gamestop, Tesla, Bitcoin, Nokia, Blackberry und die gescheiterte Videothek Blockbuster gemeinsam?

Erstens: Die Preise ihrer Aktien sind in kurzer Zeit im mindestens zweistelligen Bereich angestiegen. Tesla hat sich in einem Jahr verfünffacht, Gamestop ist allein im Januar um 1.800 Prozent gestiegen und die insolvente Videothek Blockbuster hat innerhalb eines Tages um 700 Prozent zugelegt.

Zweitens: Die Anlagen sind alle Gegenstand von Meme-Kultur und Internet-Hype.

Auftritt: Die „Meme-Stocks“

Ursache und Wirkung lassen sich schwer bestimmen, wenn man nur auf die Zahlen schaut. Bei Gamestop und Blockbuster wäre so ein Kursanstieg ohne die Meme-Kultur auf Reddit schwer vorstellbar. Auf dem Forum Wallstreetbets war der Witz der Anleger gerade, Aktien nach oben zu treiben, die nach den Gesetzen des Marktes nur fallen durften: angezählte Unternehmen, wie eine Einzelhandelskette für Computerspiele, in einer Welt, in der Computerspiele nur noch online gekauft werden; oder eben eine Videothek im Zeitalter von Netflix. Und natürlich fanden es die Redditoren lustig, den Hedgefonds-Managern eins auszuwischen, die auf die fallenden Kurse der angeschlagenen Unternehmen gewettet hatten.

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Aber es spricht einiges dafür, dass Memes – oder zumindest Internet-Hype – auch eine Rolle bei den Kursen von Anlagen mit viel größeren Volumen spielen, beispielsweise bei Bitcoin oder Tesla.

Sind Bitcoin und Tesla Meme-Stock?

Bei Bitcoin ist es schwer von der Hand zu weisen, dass Angebot und Nachfrage (also der Preis) viel mit dem Internet-Hype um die digitale Währung zu tun haben. Mit Bitcoin zahlt ja niemand im Laden. Aber HODL-Memes (die sagen, dass man Bitcoin halten soll) haben wir alle schon gesehen.

Bei Tesla baut man immerhin noch Autos (wenn auch nicht besonders viele) und hat auch Technologie, die mit dem Aktienpreis in Verbindung gebracht wird. Auf der anderen Seite gibt sich Meme-Lord und Teslas-Chef Elon Musk alle Mühe, aus der Tesla-Aktie Meme-Stock zu machen: Wer erinnert sich nicht daran, dass Musk mal auf Twitter angekündigt hat, Tesla von der Börse zu nehmen. Um die Hedgefonds zu ärgern, die damals auch auf den Fall der Tesla-Aktie gewettet haben – und natürlich for the Lolz.

Irgendwie verwundert es dann auch nicht mehr, dass der Bitcoin-Kurs kurzfristig um 20 Prozent in die Höhe schießt, wenn Musk „Bitcoin“ in seine Twitter-Biographie schreibt. (Zu Gamestop hat Musk natürlich auch eine Meinung.)

Was bedeutet der Aufstieg der Meme-Stocks für die Finanzwelt?

Wie es mit den Preisen der Meme-Stocks weitergeht, ist schwer vorherzusagen. Aus Hedgefonds-Sicht könnte es Sinn machen, jetzt erst recht auf den Verfall der im Zweifel überbewerteten Aktien zu wetten. Aus Redditoren-Sicht könnte es Sinn machen, genau deswegen wieder dagegenzuhalten. Das eigentlich Spannende an Meme-Stock ist nicht der jeweils aktuelle Preis, sondern die Frage, wie wir eigentlich an diesen Punkt gekommen sind.

Die Verbreitung von Trading-Apps wie Robinhood, Traderepublic, Public und Etoro spielt dabei eine große Rolle. Plötzlich können Millionen von Nutzern so beiläufig mit Aktien zocken, als würden sie Candy Crush spielen. Bei Robinhood geht das sogar, ohne Gebühren für Käufe oder Verkäufe zu zahlen. Just for the Lolz, gewissermaßen.

Aber es steckt mehr dahinter. Mittlerweile hat es sich herumgesprochen, dass es keinen Sinn macht, Bargeld auf dem Konto zu sparen. Im besten Fall kriegt man dafür keine Zinsen – im schlimmsten Fall zahlt man negative Zinsen dafür. Das war schon vor Corona so. Aber seit Corona pumpen die Staaten nochmal mehr Geld in Form von Corona-Hilfen in den Markt.

Gleichzeitig sitzen wir alle zu Hause und haben Zeit – und schauen zu, wie seit dem Corona-Tief vom März 2020 die meisten Kurse nur nach oben gehen. Die Financial Times nennt das „Everything Rally“. Und wäre doch schön blöd, wenn man die Everything Rally, bei der alles steigt, verpasst, oder?

Generation Aktie kauft „Story Stock“

Und die Leute schlagen zu. Aktien kaufen liegt plötzlich im Trend, die Wirtschaftswoche spricht sogar schon von der „Generation Aktie“. Die Wiwo zitiert aus einer Studie, dass „jeder Dritte unter 25 Jahren Aktien als Geldanlage“ nutzt. Mittlerweile haben alle auch schon Geschichten von Freunden und Bekannten gehört, die mit Aktien schon x-tausend Euro verdient haben – und kaufen aus dem Bauch heraus, was sich eben gut anhört: Ein paar Apple-Aktien, weil die ja schöne iPhones machen, ein paar Tesla-Aktien, weil die Zukunft ist elektrisch, und vielleicht noch Zoom-Aktien, weil Pandemie dauert bestimmt noch. Und natürlich noch Bitcoin, denn was kann mehr Zukunft sein als digitales Geld. „Story Stock“ nennen sich diese Werte, bei denen die Anleger vor allem wegen der guten Geschichte eines Unternehmens die Aktie kaufen – ohne sich lang mit der Bilanz, Dividende oder irgendwelchen Kennzahlen zu beschäftigen.

Es spricht auch wirklich nichts dagegen, in Aktien oder Kryptowährungen zu investieren. Das Problem ist nur: Aktien (ganz zu schweigen von Bitcoin) sind sowieso schon eine super riskante Anlageklasse. Das fällt vielleicht gerade nicht so auf, weil seit einem Jahr wie gesagt alle Kurse nach oben gehen. Aber Kurse können auch ordentlich einbrechen.

Wenn Tausende, vielleicht sogar Millionen neue Kleinanleger aus dem Bauch heraus ihr Erspartes in fünf oder sechs Aktien stecken, die gerade auf Social-Media trenden, passieren zwei Dinge: Erstmal gehen Tausende (kurzfristig) erfolgsverwöhnte Kleinanleger enorme Risiken ein, weil sie ihr Geld nur auf fünf oder sechs Vermögenswerte verteilen.

Zweitens schlagen sie dem Markt ein Schnippchen: Weil die Millionen aus dem Bauch heraus verteilt werden, haben die Bewertungen der Millennial-Lieblingsaktien (Tesla, Zoom, Apple und Co) plötzlich nichts mehr mit deren wirtschaftlichen Leistungen zu tun.

Aktien, die ohne wirtschaftlichen Bezug aber mit Internet-Hype weiter steigen, haben das Potenzial, noch mehr Kleinanleger mitzureißen. (FOMO ist das Stichwort: Fear of missing out.) Egal, ob die Aktie sowieso schon überteuert ist, erstmal ist das Investment erfolgreich – gewissermaßen eine selbsterfüllende Prophezeiung: Wenn immer mehr Leute die Story-Aktie oder den jeweiligen Meme-Stock auch kaufen, steigt der Preis ja weiter. Und die ersten Jung-Investoren sehen grüne Zahlen in der App: Hallöchen, schon ein paar Tausend Euro verdient, wer hätte gedacht, dass das so einfach ist?

Der Kurszuwachs hat dann aber, wie gesagt, nichts mehr mit den Umsätzen, Gewinnen oder Kennzahlen des Unternehmens an sich zu tun, sondern nur noch damit, dass neue Leute nachziehen. Vor allem wenn sich die tatsächlichen Manager der jeweiligen Story-Stock-Unternehmen (Yes, I am looking at you, Elon) an die ständig steigenden Aktienpreise gewöhnen, wird der Aktienmarkt zu einer Art Investment-Schneeballsystem: Das System funktioniert nur, wenn ständig neue Teilnehmer mit frischen Geld nachkommen.

Die Kurse von Story-Stock- und Meme-Stock-Unternehmen macht das langfristig volatil: Die Leute springen auf, wenn es gerade steigt, und springen ab, wenn es wieder fällt – und beschleunigen damit den jeweiligen Trend. Wirklich ins Tal kracht die Lawine aber erst, wenn kein frisches Geld mehr nachkommt, weil alle, die wollen, schon ihr App-Depot eröffnet und ihre Tesla-Aktie gekauft haben. Dann ist es erstmal vorbei mit den Lolz. Vor allem, wenn man das Ersparte wirklich nur auf fünf oder sechs Unternehmen aus einem gewissen Tal in Kalifornien verteilt war.

Wenn die Meme- und Story-Stock-Aktien wieder fallen, würden sich übrigens die Hedgefonds ins Fäustchen lachen. Ob man sie mag oder nicht: Sie betreiben sehr viel Aufwand, um herauszufinden, was Aktien wirklich wert sind. Die ein oder andere Wette verlieren sie sicherlich. Aber langfristig sind sie sowas wie die Bank im Casino – sie machen ihr Geld, wo die anderen nur spielen.

Am 27.01.21 – demselben Tag, an dem die Gamestop-Aktie von 94 auf 409 Euro explodierte – hat übrigens auch Apple seine Unternehmenszahlen vorgestellt. Ein Rekordergebnis: Der Konzern hat erstmals über 100 Milliarden US-Dollar Umsatz in einem Quartal gemacht, über 20 Prozent mehr Umsatz als im Vorjahr, 29 Prozent mehr Gewinn. Die Aktie reagiert – und verlor erstmal fünf Prozent.

Was hingegen gerade wieder um mehrere Hundert Prozent steigt: Die Spaß-Kryptowährung mit dem lustigen Meme-Hund – Dogecoin. Und ja, Elon Musk ist natürlich auch mit dabei. Wow, much coin, very money.

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Ein Kommentar
U
U

Und kein Hinweis auf die Short-Sell-Quote von 142% bezogen auf den Streubesitz?

Wenn die noch etwas mit vernünftiger Analyse und Risikomanagement zu tun hatte, muss mir das bitte jemand erläutern.

Antworten

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