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Franchise-Pläne: Unterlaufen die Gorillas die Betriebsratswahl?

Schon seit längerer Zeit versucht das Liefer-Startup Gorillas recht viel, um sich das leidige Thema Mitbestimmung und Betriebsrat vom Hals zu halten. Jetzt hat das Quick-Commerce-Startup in Form einer Franchise-Lösung eine neue Idee – und die könnte funktionieren.

4 Min. Lesezeit
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Gorillas-Lieferant bei der Arbeit. (Foto: Timeckert / Shutterstock.com)

Der Quick-Commerce-Anbieter Gorillas hat in der Vergangenheit reichlich Schlagzeilen gemacht aufgrund von Streiks und dem Umgang der Unternehmensführung damit. Die Vorwürfe waren und sind vielfältig und reichen von schlechten Arbeitsbedingungen bis hin zu unpünktlich gezahlten Gehältern. Die internationalen Fahrer:innen und Mitarbeiter:innen in Berlin haben mit Hilfe sozialer Medien viel Aufsehen erregt und eine Blaupause geschaffen für die Mitarbeitenden anderer Startups, in denen das Thema Mitbestimmung oftmals ebenfalls nicht besonders arbeitnehmer:innenfreundlich geregelt ist.

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Jetzt plant die Geschäftsführung des Startups eine weitreichende Umstrukturierung hin zu einem Franchise-Modell, die die Probleme weg von der Geschäftsführung hin zum einzelnen Betreiber eines Warehouse verlagern könnte. Man wolle, erklärt das Unternehmen, in Berlin bald ein Franchise-Modell testen, wodurch bereits ab dem 16. November eigenständige Unternehmenseinheiten entstehen können, für die dann die jeweiligen Warehouse-Betreiber verantwortlich sind. Ein geschickter Schachzeug angesichts einer möglichen Betriebsratsgründung. Dann nämlich wäre im Rahmen des laufenden Verfahrens nicht klar, für welches Unternehmen und mit welchen Kandidaten der Betriebsrat überhaupt entstehen könnte. Hinzu kommt, dass für den 17. November, also einen Tag später, eine Verhandlung am Arbeitsgericht Berlin ansteht, in der es um die Betriebsratswahl gehen würde – von der nun nicht einmal mehr klar ist, ob sie als Gegenstand überhaupt noch besteht.

Juristisch schlauer Schachzug der Gorillas?

Kritiker sprechen von einer klaren Aushebelung der geltenden Arbeitsgesetze – und in der Tat dürfte es für die beteiligten Mitarbeiter:innen, die bei den Gorillas Riders heißen, schwieriger werden, mitbestimmungsrechtliche Instanzen umzusetzen. Doch prinzipiell wäre es auch innerhalb dieser kleineren Strukturen möglich, Betriebsräte zu wählen – das müsste dann aber in jedem Fall einzeln erfolgen und die Geschäftsführung hätte das Thema vom Tisch. Hier war ja bereits im Oktober eine Neustrukturierung des Unternehmens durchgesetzt worden, bei der – kurz gesagt – die Rider und Warehouse-Mitarbeitenden ausgegliedert worden waren. Ob die Pläne über Berlin hinaus in den Warehouses umgesetzt werden sollen, ist noch unklar, derzeit sucht das Unternehmen offenbar erst einmal hier unternehmerische Persönlichkeiten.

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Haben die Streikenden also gar nichts erreicht mit ihrem Aufbegehren in den letzten Wochen? Doch: Sie haben in einer bemerkenswerten Weise in der Öffentlichkeit Aufmerksamkeit erzeugt und immerhin erklären die Führungskräfte, sie suchten den konstruktiven Dialog und hätten einige Dinge bereits umgesetzt. „Um ein positives Arbeitsumfeld zu sichern, von dem alle profitieren, haben wir beschlossen, weitere zentrale Änderungen umzusetzen.“ Dazu gehört auch ein neues Bonussystem für die Rider, zusätzlich zu ihrem garantierten Stundenlohn. Man habe im Oktober eine dreimonatige Testphase für ein neues Bonussystem begonnen, in dessen Rahmen Rider, die herausragende Arbeit leisten, vier Euro pro Auftrag extra erhalten, wenn der addierte Stundenlohn im Durchschnitt das Grundgehalt von 10,50 Euro pro Stunde übersteigt. Woran sich das genau festmacht, lässt das Unternehmen offen. Überarbeitet wurde in den letzten Wochen dem Vernehmen nach auch das Schichtplanungssystem.

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Vorwürfe von Mitarbeitenden bleiben

Nicht vom Tisch sind aber offenbar die Vorwürfe, man habe einzelne Mitarbeitende von der Sozialversicherung unrechtmäßig abgemeldet. Zwar beteuert die Geschäftsführung, die Rider seien zu jedem Zeitpunkt alle fest angestellt gewesen, lässt spannenderweise in dem Statement auf unsere Anfrage dazu offen, was es mit der angeblich fehlenden Sozialversicherung auf sich hat. Immerhin sollen die Rider über eine arbeitgeberfinanzierte Unfallversicherung verfügen, deren Leistungen weit über die einer gesetzlichen Unfallversicherung hinausgehen – auch das ist allerdings keine Antwort auf die gestellte Frage.

Dabei arbeiten die Gorillas offenbar auch mit einem Personaldienstleister zusammen. „Besonders in der Anfangsphase, wenn wir in eine neue Stadt gehen, arbeiten wir mit Zenjobs zusammen, da der Akquise- und Einstellungsprozess für feste Mitarbeiter:innen etwas Zeit bedarf. Zenjobs hilft uns darüber hinaus, Nachfragespitzen darzustellen, wie zum Beispiel während Fußballspielen oder Urlaubszeiten, und zu überbrücken. In diesen Fällen läuft die Versicherung dann entsprechend über Zenjobs.“

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Auch die Vorwürfe, man kümmere sich nicht ausreichend um seine Mitarbeitenden, will das Unternehmen nicht gelten lassen. In dem Statement, für das sich allerdings wie auch für die anderen Antworten kein dedizierter Zitatgeber innerhalb der Geschäftsführung fand, heißt es, man sei sich durchaus der Verantwortung gegenüber den Ridern wie auch der Gesellschaft bewusst: „Wir stellen allen Ridern ihre Ausrüstung kostenlos zur Verfügung, etwa auch stromsparende E-Bikes, die täglich überprüft werden. Zudem bieten wir allen ein Verkehrssicherheitstraining über die Dekra an und haben kürzlich unseren Onboarding-Prozess aktualisiert, der nun verschiedene obligatorische Schulungen zur Sicherheit am Arbeitsplatz und zu den Verkehrsregeln umfasst.“

Darüber hinaus habe man eine Zehn-Kilogramm-Grenze pro Rucksack eingeführt. „Für den Fall, dass Bestellungen diese Grenze überschreiten oder sich für den entsprechenden Rider zu schwer anfühlen, werden die Bestellungen aufgeteilt oder es können unsere neuen Cargo-Bikes verwendet werden.“ Diese seien bereits in 15 Warehouses in Berlin verfügbar und würden in den Wochen bis Ende des Jahres an allen Berliner Standorten eingeführt.

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Maximilian

Ich hoffe nur, dass solchen Startups, deren Geschäftsmodell ja nur funktioniert weil sie zuwenig nicht richtig zahlen, keine Subventionen bekommen. Ein Job ist ein Job und davon muss man Leben können. Es kann nicht sein, dass vor allem über studentische Nebenjobs echte Arbeitsplätze verhindert werden.

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