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Warum die meisten Unternehmen an der Innovation scheitern

Ausführlich befragt: Die Studie von Capgemini hat 1.700 Mitarbeitern in 340 Organisationen zugehört. (Foto: Shutterstock)

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Diagnose: „wenig innovationsfreundlich”: Eine Studie von Capgemini will herausgefunden haben, dass es fehlende Unternehmenskultur ist, die die Innovationsbemühungen von Unternehmen scheitern lässt.

Innovation in Unternehmen werde vor allem durch fehlende innovationsfreundliche Kultur behindert, sowie durch „mangelnde robuste interne Prozesse”. Zudem gebe es bislang nur wenig Führungskräfte, die neues Denken intern fördern.

So lautet das wenig schmeichelhafte zentrale Ergebnis einer Studie des sogenannten Digital Transformation Institute von Capgemini. Der ausführliche Bericht mit dem etwas sperrigen Titel „The discipline of innovation: Making sure your innovation center actually makes your organization more innovative” wollte „die Entwicklung von Innovationszentren beleuchten” und deren Wert für Unternehmen untersuchen.

1.700 Mitarbeiter befragt

Befragt wurden 1.700 Mitarbeiter in 340 Organisationen. Grundsätzlich habe sich gezeigt, dass Unternehmen zwar in Innovationszentren investieren, um mit den Marktveränderungen Schritt zu halten, dadurch aber „insgesamt nicht innovativer werden”, wie die Autoren schreiben.

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Außerdem wurde untersucht, wo solche „Innovationszentren” derzeit am ehesten zu finden sind. Während die USA hier nach wie vor Marktführer seien, wachse in Indien und Singapur die Anzahl der Innovationszentren rasant. Der Bericht zeigt auch, dass die Technologie- und die Automobilbranche in den vergangenen zwölf Monaten die meisten Innovationszentren eröffnet haben.

Kernproblem scheint zu sein, dass aktuelle Innovationsprozesse nach Angaben der Studie „nicht zu Ende geführt” werden – und dementsprechend „nicht automatisch in innovativeren Organisationen resultieren”.

Immer mehr „Innovationszentren”

Seit Oktober 2016 sei die Anzahl von Innovationszentren um 27 Prozent gewachsen, heißt es, doch Innovation verbreite sich eben nicht automatisch in den zugehörigen Organisationen. Während 87 Prozent der Befragten über ein Innovationszentrum verfügen, habe kein Unternehmen eine sogenannte „optimierte Innovationsreife” erreicht – also eine konsistente Erfolgsbilanz, die zeigt, dass Innovationen von der ersten Idee bis hin zu signifikanten kommerziellen oder operativen Umsetzungen verfolgt werden.

Die Hälfte der Führungskräfte, so schreiben die Studienautoren, seien der Ansicht, dass ihre Organisation nicht in der Lage sei, mit den Marktveränderungen Schritt zu halten, und weniger als ein Fünftel (17 Prozent) seien der Meinung, dass sie eine unternehmensweite Innovationskultur hätten.

Die meisten Unternehmen (76 Prozent) befänden sich hingegen noch in der Phase des Aufbaus ihrer Innovationsbemühungen, wobei die Projekte ausschließlich auf Abteilungsebene und ohne zentrales Management durchgeführt würden, wie es heißt. Der Bericht legt nahe, dass die größte Hürde für Innovation in Organisationen die Unternehmenskultur und das mangelnde Zusammenspiel mit einer größeren Zulieferer- und Partnergemeinschaft ist.

Kultur als Schlüsselthema

Frühere Berichte wie der DIT Digital Culture Report 2017 von Capgemini haben bereits angedeutet, dass Kultur die größte Hürde für die digitale Transformation darstellt. Ergebnisse des aktuellen Berichts weisen jetzt darauf hin, dass dies auch für Innovationen gilt.

Dem Bericht zufolge haben viele Organisationen schlicht keine Kultur, in der sie „experimentieren, Ideen ausprobieren und sie zum Einsatz bringen” können. Innovation werde auch dadurch erstickt, dass Unternehmen nicht in der Lage seien, mit ihrem breiteren Netzwerk zu interagieren, heißt es.

Vier von zehn Befragten hätten angegeben, nicht über die Technologie zu verfügen, um mit ihrem Netzwerk an Innovationen zu arbeiten, selbst wenn sie dies beabsichtigen. Es gebe allerdings noch Hoffnung, schreiben die Studienautoren: Würden sie an Zusammenarbeit und der Verbesserung ihrer Unternehmenskultur arbeiten, könnten die Unternehmen einen Innovationsschub erleben.

Grundsätzlich zeigen die Forschungsergebnisse auch, dass innovative Unternehmen 13 Prozent häufiger an internen und externen Kooperationen mit Startups, Hochschulen und anderen Industriepartnern teilnehmen. Darüber hinaus sei die Wahrscheinlichkeit um 25 Prozent höher, dass Unternehmen mit höherer Innovationsreife flexible Prozesse haben.

Berlin bleibt Top-Standort

Berlin bleibe mit vier im ersten Quartal 2017 neu eröffneten Innovationszentren unter den Top-10-Städten nach dem Silicon Valley, Singapur, London, Bangalore, Paris und Atlanta – und liegt damit noch vor Boston und Shanghai.

In Deutschland wuchs die Anzahl der unternehmenseigenen Innovationszentren insgesamt um 24 Prozent auf 78. Die Studienautoren unterscheiden bei den Innovationszentren zwischen „Labs”, die bis zu einem halben Jahr bestehen und vor allem für Prototyping und Geschäftsmodellentwicklung genutzt werden, und „Inkubatoren”, die bis zu zwei Jahren über die Markteinführung bis hin zur Hochskalierung der Ideen bestehen.

Dritte Kategorie sind die sogenannten „Acceleratoren”, die mit Markteinführung über einige Monate für das Hochskalieren der innovativen Ideen genutzt werden. Über 50 Prozent der Unternehmensinnovationszentren seien Inkubatoren, heißt es, von denen sich wiederum die Hälfte mit Mobilität (23 Prozent), Finanzdienstleistungen (17 Prozent) oder Medien (15 Prozent) beschäftigen.

Labs, Inkubatoren und Acceleratoren

Innerhalb der verschiedenen Branchen gebe es eine Präferenz für bestimmte Innovationcenter-Typen: Während zum Thema Mobilität größtenteils in Labs gearbeitet werde, würden Versicherungs- und Finanzindustrie vor allem Inkubatoren nutzen, Medien und Telekommunikation sei das Format der Acceleratoren am nächsten.

„Organisationen müssen akzeptieren, dass sie nicht einfach Innovationszentren eröffnen und von heute auf morgen einen Wandel in ihrem kreativen Schaffen erwarten können”, sagt Olivier Hervé, Principal bei Capgemini Consulting: „Um eine wirkliche Veränderung ihrer Innovationskraft herbeizuführen, müssen die Unternehmen eine Kultur etablieren, in der alle Mitarbeiter durch finanzielle und nichtfinanzielle Anreize ermutigt werden, zu experimentieren und Ideen auf den Markt zu bringen.”

Innovationsabteilungen könnten in diesem Prozess „eine große Rolle spielen”, sagt Hervé, und zwar indem sie mit einzelnen Teams zusammenarbeiten, um „riskantere Ideen zu entwickeln” und eine Verbindung zum Ökosystem von Partnern und Zulieferern aufzubauen. Um wirklich erfolgreich zu sein, sei es unerlässlich, Innovation und Kreativität unternehmensweit zu fördern.

Das Silicon Valley sei nicht mehr erste Wahl für Unternehmen, die ein Innovationszentrum eröffnen wollen, schreiben die Studienautoren. Weltweit finden sich in dem Gebiet rund um San Francisco nur noch 13 Prozent der Innovationszentren, verglichen mit 18 Prozent im Jahr 2015. Dabei sei die Verschiebung nach Asien am stärksten ausgeprägt.

Asien wird zunehmend attraktiver

So haben die Länder Asiens 29 Prozent der 2017 eröffneten Innovationszentren für sich beansprucht, verglichen mit 25 Prozent in Europa. Singapur hat in diesem Jahr die maximale Anzahl an Innovationszentren angezogen und London damit auf Platz drei im Ranking der neu eröffneten Hubs verdrängt. Bangalore, heißt es, sei auch ein zunehmend attraktiver Standort: Die Stadt wurde zum viertbeliebtesten Zielort für Innovationszentren (gegenüber dem fünften im Jahr 2016).

Indien belegte im Jahr 2017 insgesamt den vierten Platz unter den neu eröffneten Innovationszentren. Auch innerhalb der USA gibt es Veränderungen: Die Vereinigten Staaten seien weltweit führend bei der Anzahl neu eröffneter Innovationszentren: 47 Zentren wurden im vergangenen Jahr eröffnet, viele davon befinden sich verstreut auf verschiedene Orte.

Obwohl das Silicon Valley nach wie vor die Top-Destination in den USA sei, habe sich sein Einfluss „verringert”, wie es in der Studie heißt: Der Anteil der US-Innovationszentren sei in den vergangenen zwei Jahren um nicht weniger als 20 Prozent gesunken. In Atlanta, Boston und New York eröffneten 2017 insgesamt elf Zentren.

So wird die Organisation innovativer

Um eine innovative Organisation zu werden, bedürfe es einer disziplinierten Herangehensweise auf mehreren Ebenen, schreiben die Studienautoren. Der Bericht hebt hervor, dass innovative Organisationen Zugang zu einem breiteren Ökosystem haben, in dem Ideen gemeinsam mit externen und internen Partnern entwickelt werden. Zudem fördern und unterstützen sie Innovation in allen Geschäftsbereichen und Fachabteilungen – und beschränken sich explizit nicht nur auf die Innovationseinheiten.

Zudem zeichnen sich innovative Organisationen durch eine „Digital-First-Kultur” aus, eine Kultur also, die die Ideengenerierung auf allen Ebenen der Organisation fördert. Außerdem gehe es darum, Prozesse zu etablieren, von der Idee bis hin zur Kommerzialisierung. Am wichtigsten sei es jedoch, dass es einer starken, engagierten und entschlossenen Führung bedarf, um die Innovationskurve zu verschieben, schreiben die Studienautoren.

Capgeminis Digital Transformation Institute befragte von März bis April 2017 1.700 Personen aus 340 Organisationen. Dabei wurden drei Kategorien von Mitarbeitern berücksichtigt: Führungskräfte, mittleres Management und Nachwuchsführungskräfte. Fünf Branchen wurden abgedeckt: Automobil, Banken/Versicherungen, Konsumgüter, Einzelhandel und Telekommunikation. Acht Länder wurden einbezogen: Deutschland, USA, Großbritannien, Frankreich, Italien, Schweden, die Niederlande und Spanien.

Capgemini führte außerdem eine eingehende Sekundärforschung aller Markteinführungen und Ankündigungen von Innovationszentren zwischen November 2016 und Oktober 2017 durch, und zwar in allen wichtigen Industriesektoren. Zu den wichtigsten Quellen gehörten: Medienberichte und Pressemitteilungen, Jahresberichte, Geschäftsberichte, Interviews mit Führungskräften, Konferenzreden sowie Web- und Social-Media-Aktualisierungen wie beispielsweise Blog-Posts.

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Ein Kommentar
VinFin
VinFin

Vielen Dank für den sehr ausführlichen und informativen Artikel. Als Leser konnte ich noch einige spannende Ansätze erklärt bekommen, die mir zuvor gar nicht so bekannt waren. Toller Mehrwert für den Leser!
Oft werden Innovationen als Antriebskraft der Wirtschaft verstanden. Denn durch Innovationen können Unternehmen einen Vorteil gegenüber Wettbewerbern haben. Dadurch sehen sich Wettbewerber wieder gezwungen selber innovativ zu agieren, um den Vorsprung wieder aufzuholen. Und so weiter und so weiter…
Vor allem wenn Prozesse und gewisse Handhabungen veraltet sind, ist Innovation dringend notwendig um konkurrenzfähig zu bleiben. So ist beispielsweise eine veraltete Internetseite heutzutage nicht mehr zeitgerecht… oder wenn Industriebetriebe veraltete Maschinen benutzen. In vielen Fällen kann es durchaus notwendig sein neue innovative Systeme in das Unternehmen einzuführen, beispielsweise die Industrie Panel PCs von cre-electronic.de.
Vielen Dank für den spannenden Artikel!

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