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Fast-Katastrophe auf der ISS: Ex-Mission-Controller schlägt Alarm

Auf der ISS war es in der vergangenen Woche fast zu einer Katastrophe gekommen, als ein russisches Modul kurz nach dem Andocken unerwartet seine Triebwerke zündete. Ein Ex-Mission-Controller schlägt Alarm.

3 Min. Lesezeit
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Nauka beim Andock-Prozess an die ISS. (Bild: Nasa/Roskosmos)

Der pensionierte Raumfahrtingenieur und Buchautor James Oberg akzeptiert die nach seiner Auffassung verharmlosende Darstellung des Nauka-Zwischenfalls weder vonseiten der US-amerikanischen noch vonseiten der russischen Raumfahrtbehörde. Vielmehr müsse die Fast-Katastrophe als „dringender Weckruf“ ernst genommen werden. Sie zeige nämlich, dass die Sicherheitskultur der Nasa erneut „Anzeichen des Verfalls“ aufweise. Eine unabhängige Untersuchung sei notwendig.

Das nicht abschaltbare Nauka-Modul spielt plötzlich verrückt

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Der Vorfall, mit dem sich Oberg in einem Gastbeitrag für das Wissenschaftsmagazin IEEE Spectrum beschäftigt, hatte sich am 29. Juli 2021 ereignet. Zunächst hatte ein russisches Labormodul namens Nauka erfolgreich an die ISS angedockt. Während die Kosmonauten bereits an der Integration des neu eingetroffenen Moduls arbeiteten, zündeten plötzlich dessen Triebwerke und begannen, die ISS in eine Rollbewegung zu versetzen. An Bord der ISS war diese Bewegung, die die Raumstation immerhin um 540 Grad drehte, nicht wahrgenommen worden.

Ein Nasa-Fluglotse hatte die veränderte Position bemerkt und die Triebwerke der ISS eingesetzt, um der Bewegung entgegenzuwirken. Niemand kann sagen, was passiert wäre, wenn die Triebwerke des Nauka-Moduls nicht plötzlich zum Stillstand gekommen wären. Von der ISS aus hätten sie jedenfalls nicht gestoppt werden können.

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Sowohl die Nasa wie auch deren russisches Pendant Roskosmos hatten den Vorfall, der objektiv der wohl schwerwiegendste Vorfall auf der ISS in ihrer fast 25-jährigen Geschichte gewesen ist, heruntergespielt und darauf bestanden, dass Astronauten zu keinem Zeitpunkt gefährdet gewesen sein sollen. Es werde nun eine Untersuchung geben, um festzustellen, ob die ISS selbst bei dem Manöver Schaden genommen hat, erklärten die Behörden unisono. Derzeit deute aber nichts darauf hin.

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Ex-Mission-Controller stinksauer

Derlei Aussagen treiben Oberg, der in den Achtzigern des letzten Jahrhunderts selbst als Mission-Controller bei der Nasa gearbeitet hat, regelrecht auf die Palme. Er sieht eine Erosion der Sicherheitskultur, wie es sie bereits mehrfach, mit teils dramatischen Folgen bei der Nasa gegeben habe.

„Während die unmittelbare Ursache des Vorfalls noch nicht geklärt ist, gibt es besorgniserregende Anzeichen dafür, dass die Nasa einige der Fehler wiederholt, die zum Verlust der Raumfähren Challenger und Columbia und ihrer Besatzungen geführt haben“, schreibt Oberg. „Und da ein Großteil des Problems auf politischen Druck zurückzuführen zu sein scheint, kann nur eine unabhängige Untersuchung mit ernsthaftem politischem Gewicht eine Erosion der Sicherheitskultur rückgängig machen.“

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Für ihn ist es „eine offene Frage“, wie nahe die Station einer Katastrophe tatsächlich gekommen war. Auch die Annahme, dass voraussichtlich keine Schäden an der ISS zu verzeichnen sein dürften, will er nicht akzeptieren. Seiner Meinung nach könnten die durch die unerwartete Drehung verursachten Spannungen die Module, die Träger, die Solaranlagen, die Kühler und die Roboterarme beschädigt haben.

Oberg sieht Kultur der Selbstgefälligkeit und des politischen Opportunismus

Für Oberg ist der Vorfall ein Alarmsignal, das zeige, dass die Nasa zu „selbstgefällig“ und in der Annahme, es könne nichts passieren, agiere. Diese Kultur der Selbstgefälligkeit habe es bei der Nasa schon in den Jahren vor der Challenger-Katastrophe 1986 gegeben. Zu dem Zeitpunkt arbeitete Oberg in der Mission-Control.

Damals hätten Teammitglieder sogar selbst „die wachsende Nachlässigkeit bemerkt“. Einige hätten ihre Besorgnis geäußert, andere hätten über die Folgenlosigkeit gelegentlicher „dummer Fehler“ Witze gemacht. Ein ähnliches „mentales Abdriften“ habe sich in den späten 1990er-Jahren während der gemeinsamen amerikanisch-russischen Operationen auf der Mir und während der ersten ISS-Flüge eingestellt, erinnert sich Oberg.

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Neben einer „Haltung der Selbstzufriedenheit“ und des „Hoffens auf das Beste“ als „Ergebnis einer natürlichen menschlichen Geistesabweichung“ sieht Oberg eine Gefahr durch politische Interessen. So habe die Nasa, anstatt sich kritisch zu dem Vorfall zu äußern, vor allem die großartige Zusammenarbeit mit Roskosmos bei der Bewältigung des Vorfalls betont. Die Betonung der Aufrechterhaltung eines guten Verhältnisses zu Moskau scheine der Sicherheit in die Quere zu kommen, so Oberg. Für ihn sei dringend die Frage zu klären, wer bei der Nasa entschieden hat, ein Modul an die ISS andocken zu lassen, das im Notfall weder von ISS-Personal noch von Roskosmos oder der Nasa-Mission-Control abgerüstet werden konnte. Derlei Fehler dürften nicht passieren.

Das ist James Oberg

James Oberg ist pensionierter Raketenwissenschaftler. Er arbeitete unter anderem als Mission-Controller von 1975 bis 1997 bei der Nasa und galt dort als Experte für orbitale Andockmanöver. Sein umfassendes Wissen über die weltweiten Raumfahrtprogramme hat er in das Buch „Star-Crossed Orbits“ einfließen lassen, das 2002 erschienen ist und sich vor allem mit der Entwicklung der ISS beschäftigt. Ebenso hat er in der Folgezeit als Experte bei diversen Anhörungen vor dem US-Kongress ausgesagt.

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2 Kommentare
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Luxa

Ist zwar schon ein wenig her das der Artikel online gegangen ist, aber ich weise trotzdem einmal auf den Fehler hin. Die Station soll sich nur um 45 Grad gedreht haben und nicht um die erwähnten 540

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Dieter Petereit

Die Infos variieren von eineinhalb bis zu zweieinhalb Mal. Aber ich schaue mir Ihre Quelle gerne mal an.

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