Analyse

Ist eine Krankschreibung per Whatsapp wirklich legal?

Krankenschein per Whatsapp – ist das legal? (Foto: dpa)

Ein neuer Service, sich per Whatsapp krankschreiben zu lassen, sorgt aktuell für kontroverse Diskussionen. Derzeit hat der Dienst einige Tücken.

AU-Schein.de funktioniert sehr einfach: Man wähle auf der entsprechenden Website zwischen einer Handvoll angezeigter Symptome, bezahle eine Gebühr von neun Euro mit Paypal, Kreditkarte oder Überweisung und sende die Zusammenfassung per Whatsapp an einen Arzt. Wer das morgens tut, soll „in der Regel“ am Abend eine Kopie einer offiziellen Krankschreibung erhalten – ebenfalls per Whatsapp. Das Original folgt wenige Tage später per Briefpost.

Soweit die Theorie. In der Praxis hat es dann doch nicht ganz so reibungslos geklappt. Ermutigt vom Spruch „Arbeitest du dich noch krank oder AU-scheinst du schon?“ im Werbevideo und bewaffnet mit ein paar echten Erkältungssymptomen versuchte ich, mich für ein Wochenende krankschreiben zu lassen. Die Website präsentiert mir ein paar gängige Symptome wie „Nase verstopft“ oder „Schüttelfrost“ und fragt in einem zweiten Schritt, ob ich schwanger bin oder Fieber habe, um mich im Falle einer ernsthafteren Erkrankungen zu meinem Hausarzt zu schicken, statt mir die Krankschreibung einfach auszustellen. Außerdem kann ich wählen, ob ich einen, zwei oder fünf Tage krankgeschrieben werden will und bezahle anschließend.

An dieser Stelle zeigt sich, dass der Dienst zumindest vom UX-Design her mit heißer Nadel gestrickt ist. Hätte ich das Formular auf meinem Telefon ausgefüllt, würde sich direkt Whatsapp mit einer vorformulierten Nachricht öffnen, die ich nur noch versenden muss. Wer das auf einem PC oder Laptop versucht, muss hier nachhelfen und auf dem Smartphone manuell die Daten in Whatsapp eintippen und an den angegebenen Kontakt senden.

Testkrankschreibung bleibt unbeantwortet

Eine erste, automatische Antwort kommt sofort, in der mir für meine Bestellung und mein Vertrauen gedankt und mir kurz erklärt wird, wie es jetzt weitergeht. Außerdem wird mir mitgeteilt, dass die ARD noch dringend Patienten für ein TV-Interview suche und ich mich gerne melden könne, wenn ich dabei sein wolle. Eigentlich hätte ich als nächstes nach einem Foto meiner Versichertenkarte gefragt werden müssen. Eventuell hätte ein Arzt mir per Whatsapp weitere Fragen gestellt und anschließend persönlich eine Krankschreibung auf Papier unterzeichnet – jedenfalls wenn er der Ansicht ist, dass meine angegebene Symptomatik dies erlaubt.

Doch leider ist all dies in meinem Fall nicht passiert. Stattdessen herrscht nach der automatischen Bestätigungsnachricht erst einmal Funkstille. Im Ernstfall hätte das sehr ärgerlich sein könnten. Wäre ich darauf angewiesen, einem Arbeitgeber fristgerecht eine Krankschreibung vorzulegen, wäre ich jetzt wohl in die Bredouille geraten. Nach Feierabend bleibt nur die Notaufnahme oder der Versuch, einen Arzt am folgenden Tag zu bitten, mich rückwirkend krankzuschreiben.

Meine Testkrankschreibung bleibt mehrere Tage lang unbeantwortet, bis ich telefonisch nachhake und auf Anhieb den Rechtsanwalt und AU-Schein.de-Gründer Can Ansay an die Strippe bekomme. Er bittet freundlich um Entschuldigung dafür, dass meine Bestellung wohl „durchgerutscht“ sei, erstattet mir binnen Minuten meine Zahlung und schickt mir eine ungültige, nicht unterschriebene Muster-Krankschreibung, damit ich mir ansehen kann, was ich bekommen hätte.

Eigene App als Whatsapp-Ersatz geplant

Laut Ansay habe es in der Startphase technische Schwierigkeiten gegeben, die aber jetzt behoben seien. Seit dem Start des Dienstes im Dezember seien rund 1.000 Bestellungen eingegangen und etwa 950 Krankschreibungen ausgestellt worden. In den restlichen Fällen sei die Zahlung erstattet worden. Probleme mit der Anerkennung ihrer Krankschreibung hätten die Patienten keine bekommen, sagt Ansay – jedenfalls hätten sich bisher weder Patienten noch Arbeitgeber mit entsprechenden Problemen bei der Hotline gemeldet.

In der Diskussion um AU-Schein.de wurde vielfach kritisiert, dass Whatsapp bisher die einzige Möglichkeit ist, eine Krankschreibung zu bekommen. Zwar ist die Kommunikation dort Ende-zu-Ende-verschlüsselt, aber datenschutzbewusste Patienten dürften sich trotzdem daran stören, dass in den Meta-Daten nun die Kommunikation mit einem krankschreibenden Arzt protokolliert ist. Nutzer, die Whatsapp grundsätzlich nicht auf ihrem Telefon haben wollen, weil sie etwa ihre personenbezogenen Daten, Kontakte und Meta-Daten nicht mit dem Facebook-Konzern teilen wollen, können den Dienst bis auf Weiteres nicht benutzen. Allerdings arbeite das Team an einer eigenen App, die „in zwei bis drei Wochen fertig“ sein soll, so Ansay. Außerdem hätten seine Entwickler vorgeschlagen, auch andere Messenger zu bedienen. Allerdings wolle man erst klären, bei welchen Messengern sich der Entwicklungsaufwand lohne.

Bitte beachte unsere Community-Richtlinien

Wir freuen uns über kontroverse Diskussionen, die gerne auch mal hitzig geführt werden dürfen. Beleidigende, grob anstößige, rassistische und strafrechtlich relevante Äußerungen und Beiträge tolerieren wir nicht. Bitte achte darauf, dass du keine Texte veröffentlichst, für die du keine ausdrückliche Erlaubnis des Urhebers hast. Ebenfalls nicht erlaubt ist der Missbrauch der Webangebote unter t3n.de als Werbeplattform. Die Nennung von Produktnamen, Herstellern, Dienstleistern und Websites ist nur dann zulässig, wenn damit nicht vorrangig der Zweck der Werbung verfolgt wird. Wir behalten uns vor, Beiträge, die diese Regeln verletzen, zu löschen und Accounts zeitweilig oder auf Dauer zu sperren.

Trotz all dieser notwendigen Regeln: Diskutiere kontrovers, sage anderen deine Meinung, trage mit weiterführenden Informationen zum Wissensaustausch bei, aber bleibe dabei fair und respektiere die Meinung anderer. Wir wünschen Dir viel Spaß mit den Webangeboten von t3n und freuen uns auf spannende Beiträge.

Dein t3n-Team

3 Kommentare
Dieter Rittinger
Dieter Rittinger

Auch wenn man dazu noch eine Menge mehr sagen könnte bzw. müsste – hier mal nur die Aufzählung der Fakten:

1. Sozialdaten sind uneingeschränkt unter den höchsten Schutzstandard zu stellen, da der Schaden bei Missbrauch ungleich höher ausfällt als bei Bankdaten und lebenslange Ausirkungen haben kann.
2. Mangels entsprechender safe harbour -Abkommen sind amerikanische Unternehmen und Server nach meinem derzeitigen Kenntnisstand keine für deutsche bzw. europäische Sozialdaten geeigneten Strukturen.
3. Die üblichen Smartphones sind nach meinem Wissen nicht für die Verwendung für Sozialdaten konzipiert. So könnte nahezu jede App Bildschirminhalte per snapshot unbemerkt an wen auch immer weiterleiten. Was übrigens durch Trojaner und Co. auch für den PC zu Hause gelten kann.
4. Bei Klaranzeige für den Anwender hilft keine Datenverschlüsselung! Und wer noch nicht mitbekommen hat, dass teilweise nur ein einziger Schlüssel ohne permanente Änderung während der Session verwendet wird, sollte vielleicht besser mit seinem Mobilgerät nur telefonieren.
5. Gerade der Arbeitsunfähigkeitsbeleg stellt entsprechend der technischen Richtlinien hohe Anforderungen und darf nur unter besonderen Bedingungen übertragen werden. Details dazu finden sich auch im Jahresbericht des Bundesversicherungsamtes, welches dazu und dem Thema App extra einen Abschnitt gewidmet hat.

Antworten
JJ
JJ

Find ich ansich gut ,es gibt genug kranke die lieber im Bett bleiben als sich mit Fieber zum Arzt aufraffen zu müssen und noch
Stunden in der Praxis warten zu müssen bis sie dann mal dran kommen .

Aber wie bei allem wird bei Politik und Arbeitgebern bald wieder Panik geschoben das daß ja viel zu leicht wäre und und und …. letztdenlich wird auch das verboten . Denn das Volk soll arbeiten und noch vor der Rente tot umfallen .

Antworten
Dieter Rittinger

Grundsätzlich bin ich wie alle Menschen bequem und an digitaler Erleichterungen stark interessiert. Nur nicht um jeden Preis. Zum Glück gibt es ja Lösungen die Service und Datensicherheit für jeden nutzbar verbinden.

Melde dich mit deinem t3n Account an oder fülle die unteren Felder aus.

Bitte schalte deinen Adblocker für t3n.de aus!

Hey du! Schön, dass du hier bist. 😊

Bitte schalte deinen Adblocker für t3n.de aus, um diesen Artikel zu lesen.

Wir sind ein unabhängiger Publisher mit einem Team bestehend aus 65 fantastischen Menschen, aber ohne riesigen Konzern im Rücken. Banner und ähnliche Werbemittel sind für unsere Finanzierung sehr wichtig.

Danke für deine Unterstützung.

Digitales High Five,
Stephan Dörner (Chefredakteur t3n.de) & das gesamte t3n-Team

Anleitung zur Deaktivierung