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Kreide und Schultafel statt Computer im Silicon Valley

(Foto: Shutterstock)

Das Silicon Valley ist das Tech-Mekka der Welt. Doch ausgerechnet im Zentrum des digitalen Fortschritts gibt es Eltern, die für ihren Nachwuchs altmodische Klassenzimmer und Schulen mit wenig Computer-Einsatz favorisieren.

Mit bunten Kreidestücken drängen sich Mädchen und Jungen in einer Schule der kalifornischen Stadt Mountain View vor der großen Tafel. Auf einem Holzpult liegen Menschen- und Affenschädel, teils gelblich verfärbt. „Fasst sie ruhig an“, fordert Biologielehrerin Jennifer Staub die 15 und 16 Jahre alten High-School-Teenager auf. Es läuft der Wissenschaftsunterricht, die Waldorf Schule liegt im Herzen von Silicon Valley, der US-Hochburg für neue digitale Technologien.

Im Umkreis von 20 Fahrminuten haben Tech-Riesen wie Apple, Google und Facebook ihre Hauptquartiere. Doch diese Schule setzt auf wenig Techniknutzung. Sie orientiert sich am alten Ansatz der Waldorfpädagogik, um kreative und soziale Kräfte zu entwickeln. Der Raum kommt ohne Monitore und Computer aus.

„Hier lernen wir mit unseren Sinnen, mit Anfassen“, erläutert Schulleiter Pierre Laurent. „Es ist doch gefährlich, wenn Schüler nur noch auf einen Bildschirm starren und Lehrer nur als Tutoren hinter ihrem Rücken stehen.“ Neun Jahre arbeitete der Informatiker aus Frankreich beim Software-Giganten Microsoft, jetzt setzt der dreifache Vater im neuen Beruf als administrativer Schulchef auf „Low-Tech“. Solche Konzepte mit wenig oder ohne digitale Helfer – in unteren oder allen Klassen – finden seit einiger Zeit viel Aufmerksamkeit.

Und das gerade mitten im Silicon Valley? „Na klar“, lacht der 56-Jährige. „Wir haben lange Wartelisten für einige Klassen.“

Auch bei der Canterbury Christian School im benachbarten Los Altos ist die Nachfrage größer als die Zahl der Plätze. Auf dem kleinen Schulhof haben sich Dutzende Schüler in Reihen aufgestellt, die Mädchen in karierten Kleidern, die Jungen in rot-blauen Uniformen. Erst kommt das Morgengebet, dann ertönt im Sprechchor: „Good Morning, Father Macias.“

„Fast alle Eltern unserer Schüler arbeiten bei Facebook, Ebay, Intel oder HP“, sagt der geistliche Schulleiter Steven Macias und schwärmt von alten Traditionen: Latein, Rechnen und Lesen, der gleiche Lehrplan wie bei der Gründung vor fast 50 Jahren. Keine Computer im Unterricht, dafür Disziplin und menschliche Nähe.

Das sei perfekt für ihre sechsjährige Tochter Macaria, sagt die Finanzplanerin Jessica Ho. Ihr Mann Michael ist Ingenieur und nach Jobs bei Apple und Amazon jetzt bei Google angestellt. Die Technik-Gläubigkeit mancher sieht sie kritisch. „Es gibt Leute, die nur noch auf ihr Smartphone und iPad gucken und ihr Gegenüber nicht mehr anschauen“, klagt die 35-Jährige. „Wir bringen unseren Kindern bei, Bücher zu lesen und mit Leuten zu reden.“

„Computer sind wie digitales Nikotin oder Kokain“

Der gebürtige Chinese Sean Chang hat im Silicon Valley Karriere gemacht: Studium in Stanford, Start-ups, Einstieg bei Apple und heute mit 34 Jahren Programm-Manager bei Amazon. Doch seine sechsjährige Tochter Zyana soll auf der christlichen Canterbury Schule, zunächst ohne Computer. Das könne sie später lernen. Er kenne die Gefahren, sagt der Ingenieur. Er selbst sei nach Videospielen süchtig gewesen. „Computer sind wie digitales Nikotin oder Kokain, man wird ganz leicht abhängig“, urteilt Sean Chang.

Gerade die Marketingstrategen in großen Technik-Firmen treiben die Digitalisierung der Schulen in den USA voran: Weg vom analogen Unterricht mit Tafel und Kreide, hin zum High-Tech-Klassenzimmer mit Monitoren und Internet-Nutzung. So wie er auch hierzulande oft gefördert und gefordert wird. Pädagogen in digitalisierten Schulen schwärmen, dass Mädchen und Jungen über das Netz Zugang zu Informationen und Quellen erhalten, die nicht in Schulbüchern stehen. Zudem kann das Lernen mit Computern und Video die Motivation steigern.

Suchmaschinen-Größe Google macht sich jedenfalls mit Hilfe von günstigen mobilen Geräten, mit Chromebooks, in den US-Schulen breit. Apple hält mit seinen iPads dagegen. Auch Microsoft setzt auf spezielle Schul-Förderungen. Bildung ist ein Milliardenmarkt. Zudem gilt es im Leben junger Menschen früh präsent zu sein. Dabei laufen Teile der Lehrerschaft durchaus Sturm gegen eine allzu ungebremste Digitalisierung im Klassenzimmer, unterstützt von Psychologen, Politikern und einigen Ex-Technikfreaks.

Der frühere Google-Mitarbeiter Tristan Harris etwa ist ein Sprachrohr der Gegenbewegung im Silicon Valley. Smartphone-Apps machten süchtig, Nutzer würden manipuliert, digitale Technik könne häufig ein Übermaß an Ablenkung bringen, lamentiert der Mitbegründer der Initiative „Time Well Spent“ – übersetzt steht das für sinnvoll verbrachte Zeit.

Steve Jobs und Bill Gates machen es vor

Computerindustrie-Größen wie Steve Jobs und Bill Gates haben es vor Jahren vorgemacht. Jobs räumte 2010 im Interview mit der „New York Times“ ein, dass seine Kinder das gerade herausgebrachte iPad seiner Firma nicht nutzen würden. „Wir schränken unseren Kindern zu Hause die Benutzung von Geräten ein“, zitierte die Zeitung den 2011 gestorbenen Apple-Gründer. Auch Microsoft-Gründer Bill Gates sprach 2007 über Limits am Bildschirm, die er seinen Kindern setze.

Für die technikkritischen Privatschulen im Silicon Valley müssen die Eltern tief in die Tasche greifen. Die Canterbury Schule etwa kostet je nach Klassenstufe im Jahr rund 7.000 Dollar (gut 6.000 Euro). Die Waldorf Schule nimmt mit umgerechnet über 30.000 Euro etwa das Fünffache.

Aus Sicht von Mutter Jessica Ho zahlt sich der besondere Unterricht aus. Ihre kleine Tochter zeige kaum Interesse an Geräten mit Bildschirm. „Sie unterhält sich gerne und schimpft mit mir, wenn ich zu lange mit dem Smartphone zugange bin“, sagt sie. Ihre Familie sei überhaupt nicht technologiefeindlich, betont Ho. „Aber alles in Maßen.“ dpa

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