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Lernen von Merkel? Trainerin für Führungskräfte analysiert die Kanzlerin

Angela Merkel gilt nicht als große Rednerin oder Freundin ausladender Gesten. Die Führungskräftetrainerin Silvia Agha-Schantl analysiert Rhetorik und Auftreten nach 16 Jahren an der Spitze der Weltpolitik.

4 Min. Lesezeit
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Öffentliche Auftritte: Angela Merkel ruhte stets in sich selbst. (Foto: dpa)

Die vom Forbes Magazin wiederholt zur mächtigsten Frau der Welt gewählte Angela Merkel ist unumstritten eine politische Ausnahmeerscheinung. Obgleich sie definitiv nicht als begnadete, mitreißende Rednerin in die Geschichte eingehen wird, ist ihre Karriere eine Geschichte der Verwandlung. „Sie hat schnell die Regeln eines sicheren Auftritts gelernt, ist entschiedener und wesentlich bestimmter im Umgang mit der Öffentlichkeit geworden“, sagt die Führungskräftetrainerin für Rhetorik und Auftreten, Silvia Agha-Schantl. Einiges sei bezüglich ihrer Sprache, ihrer Mimik und Gestik sowie ihres Bewegungsstils jedoch gleichgeblieben und konnte die scheidende Kanzlerin auch in 16 Jahren Regierungszeit nicht ablegen: Dazu zählen ihr Zischlautfehler, ihre Amplitude und ihre Frequenz. Doch was genau meint die Expertin damit?

Öffentliche Auftritte: Merkel ruhte in sich selbst

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„Merkels sehr markanter Zischlautfehler begleitet sie von Anfang an in ihrer Karriere und daran hat sie bis heute auch nichts verändert, was bei kontinuierlichem Sprechtraining jedoch möglich gewesen wäre“, sagt Agha-Schantl. Zischlaute sind die Laute /s/, /sch/ und /ch/. Merkel spricht sie vor allem sehr scharf aus. Eine fehlerhafte Artikulation dieser Laute wird von Logopädinnen und Logopäden als Zischlautstörung bezeichnet. Mit Amplitude meint die Kommunikationstrainerin ihr generell eher niedriges Maß an Bewegungen. Die Spitzenpolitikerin ist keine Frau der großen Gesten. Die hochgerissenen Hände beim Jubel im Fußballstadion? Eher eine Seltenheit. Nicht nur die Bewegungspalette an sich, auch das Tempo, das Agha-Schantl als Frequenz bezeichnet, ist niedrig. Merkel ruht stets in sich selbst.

Diese Regungslosigkeit ist bezüglich mitreißender Ansprachen ein tendenzieller Nachteil für eine Führungskraft, sie hat diesen Charakterzug jedoch für sich arbeiten lassen. Die Schwäche hat die scheidende Kanzlerin quasi zur Stärke gemacht. „Was sie im Laufe der Jahre gelernt hat, ist der souveräne Umgang mit Stressmomenten gegenüber der Öffentlichkeit. Sie lässt sich nicht mehr unter Druck setzen und signalisiert bestimmter ‚Nein, jetzt nicht!‘ wenn sie beispielsweise kein Interview geben will“, so Agha-Schantl. Diese Sicherheit war zu Beginn ihrer Karriere nicht immer da. Anders als etwa der ehemalige US-Präsident Barack Obama, der ebenfalls ein ruhiges Auftreten hatte, wirkte sie anfangs noch meist unlocker. „Man vermisste oft Emotionen im Ausdruck, etwa ein entkrampftes Lächeln auf den Lippen.“ Das wurde mit der Zeit besser.

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Legendär und in unzähligen Sachbüchern über Körpersprache thematisiert, sei die „Merkel-Raute“, deren Namen die scheidende Kanzlerin geprägt hat. Bei dieser Geste formen die ausgestreckten Finger eine Raute vor der Körpermitte. Die Fingerspitzen zeigen dabei leicht nach vorne und nach unten. Doch was verrät diese Geste? Ist sie eher negativ oder positiv zu bewerten? „Weder noch“, sagt die Führungskräftetrainerin für Rhetorik und Auftreten. „Das ist anhand einer Geste allein nicht zu beurteilen. Hier zählt immer der Gesamtkontext sowie mehrere Signale gleichzeitig.“ Häufig eingesetzt wird diese Gestik von Angela Merkel im Stehen, während sie denkt oder spricht. Hier handelt es sich um einen Autokontakt, eine sogenannte „Sich-selbst-Berührung“, was immer einen beruhigenden Effekt auf die Anwendenden selbst habe.

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Interessierte könnten es selbst ausprobieren und die Hände im Stehen einfach neben sich hängen lassen. Anschließend sollen sie die Merkel-Raute formen. „Nachahmende bemerken schnell, wie sich die Schultern leicht nach hinten bewegen, der Brustkorb sanft öffnet und die Körperhaltung positiv verändert“, so Silvia Agha-Schantl. Schon deshalb sei diese Gestik sehr wirksam. Angela Merkel habe das verstanden und dadurch ganz nebenbei einen echten Signature-Move entwickelt. Die Verwandlung von der schüchternen, unsicher wirkenden hin zur mächtigsten Frau der Welt sei beachtlich. „Sie ist eine Macherin, die weiterkämpft, wo andere längst den Kopf in den Sand gesteckt hätten.“ Ihr Zischlautfehler? „Macht nichts, das war halt ein Teil von ihr!“ Die einfallslose Merkel-Raute? „Auch egal, sie half ihr, stets bei sich zu bleiben.“

Merkel: Rhetorisch schwach, aber authentisch

Die scheidende Kanzlerin hat auch rhetorisch oft nicht ihr ganzes Potential ausgespielt, um Ansprachen vor Bürgerinnen und Bürgern, im Reichstag oder auf Parteiversammlungen möglichst mitreißend zu formulieren. In vielen Reden ist das noch mehr als sichtbar. Sogenannte Man- und Passivformulierungen prägten lange ihre Sprache: „Man kann also festhalten …“ statt „Ich halte fest …“ oder  „… das wurde gestern von der Politik entschieden …“ statt „Wir haben gestern entschieden …“. Personen konkret zu benennen und Handlungen aktiv zu kommunizieren, gehört zum Einmaleins guter Rednerinnen und Redner. Ein Satz, der für alle Zeit in den Köpfen der Deutschen haften wird, und der rhetorisch einwandfrei war, lautete: „Wir schaffen das!“ Gemeint war die Geflüchtetenkrise. Sowohl Befürworter als auch Kritiker bissen an.

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Zudem wirkten ihre Aussagen und ihre Körpersprache bis zum Schluss häufig inkongruent. So habe sie oft „Ich freue mich über …“ gesagt, wobei diese Freude, die sie ansprach, in Form von Emotionen von außen oft nicht wahrnehmbar war. „Je eher Körpersprache und Wortwahl zusammenpassen, desto glaubwürdiger und überzeugender wirken wir“, so Silvia Agha-Schantl. Bezüglich ihrer Rhetorik und ihrem Auftreten wäre also auch nach 16 Jahren an der Spitze der Weltpolitik noch deutlich mehr gegangen. Und dennoch, ihr größter Vorteil lässt sich nicht so einfach lernen, und schon gar nicht imitieren, den trägt eine Führungskraft in sich oder eben nicht: Angela Merkel habe eine gewisse Situationskomik, die sie am Ende authentischer und sympathischer wirken lässt, als viele ihrer Mitstreitenden im politischen Geschehen.

Unvergessen: Einer ihrer letzten öffentlichen Auftritte im Vogelpark Marlow in Mecklenburg-Vorpommern. Dort war ihr die Etikette offensichtlich ziemlich egal. Die scheidende Kanzlerin ließ Papageien grinsend auf Armen, Schultern und Kopf landen und sorgte damit für einen echten Internetmoment. Ihre Reaktion fanden viele Bürgerinnen und Bürger sympathisch, ihre Beliebtheitswerte stiegen. Diese Art von Angela Merkel machte sie witzig, ohne dabei albern zu wirken. Sie wirkt dadurch auch als Mensch nahbar und wird nicht nur als taffe Spitzenpolitikerin wahrgenommen. Diesen Humor kennen Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter, so heißt es zumindest, eher aus privaten Situationen. Manchmal kam jedoch auch die Öffentlichkeit in den Genuss. Man stelle sich vor, Friedrich Merz hätte so viel Selbstironie. Das würde vieles besser machen.

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wr

Einen Reichstag haben wir nicht mehr, nur noch ein Reichstagsgebäude, in dem unser Bundestag tagt ;)

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