Analyse

Neon: Was hat Samsung mit seinen digitalen Avataren vor?

Mensch oder Software? Der Online-Dienst Slashgear spekuliert, dass es Motion-Capture-Renderings sind, die die Neon-Avatare so echt aussehen lassen. (Screenshot: Frank Puscher)

Zum Auftakt präsentierte Samsung in Las Vegas das Projekt Neon und die Plattform Core R3, die aus Standbildern und Motion Capture interaktive Avatare machen kann. Second Life 2.0 oder steckt mehr dahinter?

Samsung sorgte gleichzeitig für einen der lächerlichsten und einen der aufregendsten Momente des ersten CES-Tages. Lächerlich war die Präsentation des digitalen Companions Ballie, der dem Samsung-CEO Kim Hyun Suk auf der Bühne hinterherrollte und mit dem Satz „Das ist eine unserer Visionen von Robotics“ begleitet wurde.

Aufregend verlief unterdessen eine Präsentation am Stand von Samsung – zumindest für Eingeweihte. Eine Woche vor der Messe hatte der Online-Nachrichtendienst Slashgear berichtet, dass ein Promotion-Video von einem Projekt namens Neon aufgetaucht sei. Darin sei die Rede von einer Software namens Core R3, die aus bestehendem Video-Material einen digitalen Avatar berechnen kann, der komplett interaktiv anzusteuern ist. Im Klartext: Der Avatar sieht aus wie ein Mensch und er kann jeden Text sagen, jede Bewegung durchführen und jede Mimik zum Ausdruck bringen, auch wenn die Originalvorlage das nie so gesagt oder getan hat, oder eventuell längst nicht mehr lebt.

Am Abend des ersten Messetages in Las Vegas wurde aus dem Gerücht konkrete (virtuelle) Realität. Projektleiter Pranav Mistry zeigte die erste Version des Projekts Neon offiziell und gab bekannt, dass man plane, noch 2020 eine offene Beta-Version anzubieten, damit User das Konzept testen können.

Virtuelle Influencer

Oberflächlich betrachtet könnte man meinen, Neon sei nur ein neuer Versuch, eine Idee wie Second Life wiederzubeleben. Aber das wäre zu wenig. Dass Avatare untereinander interagieren und sich in einer Pixelwelt Konzerte anschauen oder Kämpfe ausfechten, ist denkbar, aber nicht entscheidend. Viel spannender ist, dass sie aufgrund ihres realistischen Aussehens unmittelbar mit Menschen interagieren können. Als Trainer, als Assistent oder gar als Influencer.

Es gibt sie ja schon, die virtuellen Influencer, und es werden immer mehr. Jüngst gab die Kosmetikfirma Essence bekannt, man arbeite jetzt mit einem Pixelgesicht, um neue Beauty-Produkte zu demonstrieren oder zu bewerben. Und das Pixelgesicht hat ein Eigenleben mit eigenem Instagram-Account, mit Launen, Vorlieben und Alltag.

Das bahnbrechende an einer Idee wie Neon ist, dass die Herstellung eines virtuellen Avatars bislang aufwändig war. Cameron-James Wilson, der Erfinder der virtuellen Influencerin Shudu, sagt, dass er genauso lange braucht, um eine Pose am Rechner zu entwickeln, wie es dauert, mit einem realen Model ein gutes Foto zu schießen. Dieser USP der 3D-Designer verschwindet dann wohl, wenn Core R3 das kann, was es vorgibt.

Ein digitales Minenfeld

Samsung war in Las Vegas sichtlich bemüht zu betonen, dass es „natürlich“ nicht darum gehe, Menschen zu ersetzen, sondern nur, menschengleichen Avataren Aufgaben zu geben. „Man solle sich das nicht als Reinkarnation der KI Bixby denken“, stammelte CNet-Reporter Andrew Gebhardt in die Kamera und merkte möglicherweise im gleichen Moment, dass er einem PR-Ablenkungsmanöver aufgesessen war.

Denn Samsung hat Angst vor einem Shitstorm. Und den gab es schon zwei Mal, wenn große Tech-Companys Software gezeigt haben, deren Ergebnis nicht mehr vom Verhalten eines realen Menschen zu unterscheiden war. Adobe zeigte auf der Max 2016 das System Voco als Prototyp. Damit ließ sich ein Sprechervideo erzeugen, das jeden beliebigen Satz authentisch sagen kann. Man bräuchte nur zehn Minuten Ausgangsmaterial und könnte Barack Obama Sätze in den Mund legen wie: „Ich liebe Arminia Bielefeld“. Das Video wäre von einem gefilmten Interview nicht mehr zu unterscheiden.

Auch Google sah sich bei seiner Präsentation von Duplex heftiger Kritik ausgesetzt. Ein virtueller Assistent hatte im Demo-Video einen Termin mit der menschlichen Mitarbeiterin eines Frisiersalons telefonisch vereinbart. Dabei baute die Google-KI „Ähs“, „Hmms“ und künstliche Denkpausen ein und täuschte offenkundig das telefonische Gegenüber.

Fakt ist, dass die Debatte um die Ethik der KI und um Möglichkeiten zur Erkennung von Deepfakes in eine neue Phase tritt, wenn Jedermann seinen digitalen Doppelgänger auf die Reise schicken kann.

Positiv betrachtet entstehen spannende neue Möglichkeiten, vor allem auch für Menschen, deren Arbeitsleistung und Verdienst an physischer Präsenz hängt. Das gilt zuvorderst für Models, die ihren digitalen Avatar gegen Gebühr für Modeaufnahmen verleihen können. Das kann aber auch den prominenten Schauspieler betreffen, der ein Grußwort für die Berlinale von der Leinwand spricht. Beziehungsweise eben nicht er, sondern sein Software-Double. Und das kann auch noch grüßen, wenn sein menschlicher Formgeber längst das Zeitliche gesegnet hat.

Auf der CES richtete sich die meiste Aufmerksamkeit auf die unmittelbaren Dialogfähigkeiten von Neon. Die waren ebenso dürftig, wie man das von vielen Roboterdemos und den meisten Bots gewöhnt ist. Hier ist die KI noch nicht gut genug. Aber wenn es um vorproduzierten Content geht, mit dem zum Beispiel ein Instagram-Account bespielt wird, braucht es den echten Influencer vielleicht bald nicht mehr. Das übernimmt sein digitaler Bruder.

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