Interview

Schlimme Bullshit-Floskeln im Vorstellungsgespräch: 7 Menschen erzählen

Bullshit-Floskeln im Vorstellungsgespräch: „Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?“ (Foto: Shutterstock)
Lesezeit: 6 Min.
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Welche Bullshit-Floskeln im Vorstellungsgespräch schrecken dich nur noch ab? Diese Frage haben wir der t3n-Community gestellt – und spannende Antworten bekommen!

Im Vorstellungsgespräch wird viel Quatsch erzählt – sowohl von Jobsuchenden als auch Personalverantwortlichen. Inhaltsleere Worthülsen sind ein gutes Beispiel. Wer kennt sie nicht, die Floskel, dass man sich „innerhalb der nächsten Tage“ melden werde. Nicht selten heißt das, dass eine Antwort in zwei Monaten oder manchmal sogar gar nicht kommt. Wir haben unsere t3n-Community auf Twitter nach Bullshit-Floskeln gefragt und ein paar besonders bezeichnende Antworten ausführlicher aufbereitet. Sieben Menschen erzählen von ihren Erlebnissen.

„Wo sehen Sie sich in 5 Jahren?“

Von Marcus John Henry Brown

Ich saß im großen Konferenzraum des europäischen Hauptquartiers einer weltweit bekannten Marke. Der Leiter der Personalabteilung stellte mir Fragen. Nennen wir ihn Kevin. Er rauchte eine Pfeife. Es war 2001 und man konnte immer noch drinnen rauchen. Es war mein erstes richtiges Vorstellungsgespräch. Bis hierhin fielen mir Jobs praktisch in meinen Schoß. Zwei Jahre zuvor hatte ich meine eigene Agentur gegründet, die in der 2000er Dotcom-Blase leider untergegangen war und mein Selbstvertrauen und meine geistige Gesundheit mit nach unten gerissen hat. Deshalb war ich dort, mit Kevin. Ich brauchte diesen Job, ahnte aber schon, dass das Corporate-Life nicht zu mir passt. „Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?“, fragte Kevin. Ich habe den Job bekommen, und doch kündigte ich ihn nur sechs Monate später. Als ich mich von Kevin verabschiedete, schüttelte er mir die Hand und lächelte mich warm an. „Ich glaube nicht, dass ich jemals eine ehrlichere oder genauere Antwort auf meine Fünf-Jahres-Frage hatte“, sagte er. Meine Antwort damals? „Nicht hier, Kevin. Nicht hier.“

„Wir arbeiten in agilen Teams“

Von Maike Küper

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Ich habe letztes Jahr den Job gewechselt und neben der richtigen Rolle für mich auch nach einer modernen Unternehmenskultur gesucht. Viele der interessanten Stellen waren als „Agile Coach“ ausgeschrieben. Was mir unter dem hippen Schlagwort untergekommen ist, war eine bunte Mischung: Bei manchen Unternehmen war schnell klar, dass sie keinerlei Ahnung hatten, was das bedeutet – peinlich, wenn dann jemand mit Ahnung nachfragt. Für andere Firmen bedeutete agil, dass man Kanban-Boards oder Jira nutzt. Einige Führungskräfte wünschten sich tatsächlich neue Mitarbeitende, die sich mit agilen Methoden auskannten – waren dann aber mehr oder weniger ehrlich, wie offen der Rest des Unternehmens tatsächlich ist. Ein potenzieller Arbeitgeber – lustigerweise der, der am nächsten an einer agileren Struktur und Arbeitsweise war – beschrieb tatsächlich sehr offen, was schon klappte und wo meine Expertise wichtig wäre. Aber meistens: viel Wunschdenken im Employer-Branding, wenig Realitätsnähe. Ich habe mich für den ehrlichen Arbeitgeber entschieden.

„Bei Weiterbildungen setzen wir auf Eigeninitiative“

Von Jonas Halverscheid

Mich nerven alle Phrasen, die sich anfühlen wie aus einem veralteten HR-Guide. Aber „Bei der Weiterbildung setzen wir auf die Initiative des Mitarbeiters“ muss ich ganz genau nachfassen. Meistens steckte dahinter ein mittleres bis großes Vakuum, in dem man um jede kleine Weiterbildung kämpfen muss, weil es weder Budget noch Konzept gibt. Themen rund um Fortbildungen sind für mich ein wichtiger Indikator für die Unternehmenskultur. Wenn der Gegenüber hier beim Nachbohren schwimmt, steht es meistens um andere Dinge auch nicht besonders gut. Wenn Angestellte und Führungskräfte sich nicht weiterentwickeln, wird es die Unternehmenskultur wahrscheinlich auch nicht. Standardsätze wie dieser – sofern sie nicht weiter erörtert werden – sind daher für mich schon länger ein großes Warnzeichen. Ich erwarte bei Vorstellungsgesprächen vor allem gnadenlose Ehrlichkeit, und wer mit schwammigen Standard-Antworten kommt, hat da inzwischen schlechte Karten. Gebt doch lieber zu, wo ihr noch Entwicklungspotential habt, ich bin ja auch nicht perfekt.

„Sehen Sie es als Lehrgeld“

Von Clara Fischer

„Wir würden Sie wirklich gerne nehmen, aber die Gehaltsvorstellungen gehen zu weit auseinander“, hat mir mal jemand gesagt. „Wir bieten Ihnen weniger, aber dafür lernen Sie bei uns noch eine Menge. Sie sind ja noch ganz am Anfang, sehen Sie es als Lehrgeld“, hieß es weiter. Was mich daran ärgert, ist tatsächlich die fehlende Wertschätzung dieser Aussage. Ja, ich lerne gerne und mir ist bewusst, dass ich mir sicher noch einiges aneignen werde. Das ist aber doch der große Vorteil, den man durch meist ungeformten, jungen Nachwuchs erhält. Manche Führungskräfte wollen mit Benefits, wie etwa Obst, Kicker oder internen Workshops locken. Ist ja ganz schön, aber wie geht da die Rechnung auf? Die kosten sicher keine Tausende Euro im Jahr. Ich empfinde es als eine Unart, das Einkommen als netten Zusatz darzustellen. Unternehmen wissen, dass meine Generation einen Sinn in ihrer Arbeit sucht und sie nutzen das regelrecht aus. Doch Wertschätzung hört nicht bei Geld auf, sie fängt hier an. Ein faires Einkommen ist doch die Grundlage für alles.

„Nach der Probezeit können wir noch mal sprechen“

Von Sven Schanak

Kostenloses Müsli, Tischkicker und gutes Teamklima verlieren sehr schnell ihre motivierende Wirkung, wenn das tatsächlich wichtigste Thema nicht stimmt: das Gehalt. Dabei geht es nicht gar nicht allein um die aktuelle Höhe des Gehalts, sondern vielmehr um die Erwartungshaltung für die Zukunft. Zu oft heißt es dann, wir fangen erst einmal mit einem geringeren Gehalt an und nach der Probezeit verhandeln wir nochmal neu. Alle Bewerbenden sollten hier grundsätzlich vorsichtig sein und lieber direkt beim Einstellungsgespräch nach transparenten Gehaltsstrukturen fragen. Ansonsten laufen sie Gefahr, dass sich am Einstellungsgehalt lange nichts mehr ändern wird. Besser sind Unternehmen, in denen klare Absprachen über Zielsetzungen und Erwartungshaltungen – die auch festgeschrieben stehen – die Gehaltsentwicklung transparent machen. Das ist sogar für beide Seiten gut, da es dem Arbeitgeber auch viel leichter fällt, Versprechungen zu machen, sofern auch die Gesamtleistung des Unternehmens durch den neuen Mitarbeiter steigt.

„Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist uns sehr wichtig“

Von Sandra Moritz*

Dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sehr wichtig sei, wird von Unternehmensvetretenden ja gebetsmühlenartig behauptet. Eine schöne Phrase, doch frag ich nach, was das konkret heißt, kommt oft genau das gleiche inhaltsleere Gerede herum, nur noch einmal umformuliert anstatt mit Beispielen zu antworten, die zeigen, wie diese hochgelobte Vereinbarkeit gelebt wird. Ich würde dann schon gerne wissen, wie Vorgesetzte reagieren, wenn bei meinem Kind beispielsweise ein Kitafest ansteht: Kann ich dann problemlos Urlaub einreichen? Darf ich eventuelle Überstunden abbummeln? Ist vielleicht sogar eine Vertrauensarbeitszeit etabliert, die darauf hinausläuft, das es eigentlich egal ist, wann ich arbeite, da eh nur das Ergebnis zählt? Hängt meine Teilnahme gar vom Wohlwollen eines Kunden ab und wenn ja, kann nicht eine Vertretung an dem Tag für mich übernehmen? Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie bedeutet, dass es für Situationen wie ein Kitafest ein Agreement gibt, das mich als Mutter unterstützt – und zwar nicht nur, wenn es gerade passt.

„Wir melden uns in ein paar Tagen“

Von Andreas Weck

Als mein Cousin seinen Abschluss in der Tasche hatte, fragte er mich, ob ich nicht helfen könne beim Bewerbungen schreiben. Für mich als Ehrenmann war das natürlich Ehrensache und auf unser zusammengestelltes Mäppchen folgten auch prompt erste Vorstellungsgespräche. Auch dafür haben wir geübt. Er war unerfahren und wir wissen ja alle allzu gut, wie wichtig der erste Eindruck ist. Unisono sagten die Interviewenden nach dem Vorstellungsgespräch, dass man sich in ein paar Tagen melden würde. Einige taten das auch, viele brauchten Wochen und manch ein Arbeitgeber sogar Monate für eine Rückmeldung. Erschreckend: Auf manche Rückmeldungen wartet er bis heute! Ich sagte ihm, er soll das nicht als Rückschlag werten, immerhin wisse er nun, wer ein schlechter Arbeitgeber ist und wo er sowieso nicht anfangen sollte. Wer „sich in ein paar Tagen melden“ will und es nicht tut, ist nicht verlässlich. Dann lieber so: „Wir melden uns, sobald wir uns entschieden haben.“ Oder gleich sagen, dass es nicht gereicht hat.

Übrigens, auch dieser Beitrag könnte dich interessieren: Im Vorstellungsgespräch erleben Bewerber und Bewerberinnen manches, das fassungslos macht. t3n-Lesende haben uns von ihren Erlebnissen erzählt. Lies auch: „Skurrile und skandalöse Vorstellungsgespräche – 11 Menschen erzählen“

*Name auf Wunsch geändert

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3 Kommentare
Micha
Micha

Bei meiner ersten Anstellung nach dem Studium hatte ich mich mit dem Arbeitgeber, bei dem ich zuvor schon als Werkstudent tätig war, auf ein Gehalt geeinigt und zugesagt. Daraufhin habe ich ein weiteres Angebot abgesagt. Bei Unterschrift des Vertrags standen dann auf einmal 7.000 €/Jahr weniger im Vertrag und mir wurde (erst auf Nachfrage, nicht von selbst) gesagt, dass die Geschäftsführung gesagt hat, dass jeder Absolvent mit dem gleichen Gehalt anfinge und man nach der Probezeit erneut verhandeln könne. Ich fragte nach, ob ich nach 6 Monaten dann die 7.000 € zusätzlich haben könne und es wurde bejaht. Nach etwas über 6 Monaten, direkt nach Fertigstellung eines Projekts, ging ich dann in die Personalabteilung und erinnerte an unsere Vereinbarung. Es war Juli und mir wurde gesagt, dass dies an die Geschäftsführung weitergeleitet werde. Die müsse das nur noch absegnen. Ich fragte noch einige Male im Abstand von jeweils ein paar Wochen nach. Immer wieder wurde mir gesagt, dass die Anfrage raus sei und man nur noch auf Antwort warte. Als ich im Dezember dann meine Kündigung einreichte, waren alle total überrascht und konnten sich das überhaupt nicht erklären. Auf Nachfrage der Personalabteilung nach dem Grund gab ich fehlendes Vertrauen an, da man sich auf Absprachen nicht verlassen könne.

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Franky
Franky

Oje, bei mir ist das mit den Vorstellungsgesprächen echt schon eine Weile her. Wenige davon liefen komplett abseits der hier präsentierten Verläufe und waren nur noch eine Formsache – das waren Jobs, die sozusagen auf mich zugekommen waren, ohne dass ich mich dafür beworben hätte.
Bei der deutlichen Mehrheit an Bewerbungsgesprächen, die ich direkt nach meinem Studienabschluss hatte und zu denen ich deutlich mehr mitbrachte, als das Abschlusszeugnis waren die Gespräche meist förmlicher, teils aber durchaus interessant – bis zu dem Punkt, wo jemand argwöhnte, ich sei für die ausgeschriebene Position evt. „überqualifiziert“. Meinen Teil dazu gedacht habe ich mir schon damals – die „Bildungsdiskussion“ war seinerzeit noch nicht Bestandteil des öffentlichen Diskurses.
Wenn ich dann heute die Erfahrungen im Beitrag und auch die in Michas Kommentar lese und mein Nicken reflektiere – dann kommt mir plötzlich die Frage, ob es so zufällig oder gar dumm war, weite Teile meines Berufslebens als Freelancer oder Selbständiger zuzubringen.
Arbeit ist ja hart genug, als dass sie nicht zumindest Spaß machen dürfte, geschweige denn das Arbeiten auch noch mit solcherlei Verdrießlichkeiten zusätzlich belastet sein müsste…;-)

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bonobo
bonobo

Was für überhebliche, arrogante Beiträge… Einfallslose, selbst-schulterklopfende Menschen beschweren sich über die Einfallslosigkeit von den anderen.
Hier ist noch eine Floskel für die Verfasser: Don’t call us, we’ll call you.

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