Kommentar

Schulen und Digitalisierung: Wenige Wochen, die viel verändert haben

Im Klassenverband und daheim: Digitalisierung in den Schulen muss forciert werden. (Foto: Rawpixel.com / Shutterstock)

Die Coronakrise hat zu einem echten Schub im Hinblick auf die Digitalisierung in den Schulen geführt. Doch es besteht die Gefahr, dass das nicht anhält und außerdem nicht alle Schüler gleichermaßen davon profitieren.

Wenn man der Coronakrise etwas Gutes abgewinnen will, dann, dass sie unsere Gesellschaft bei der Akzeptanz von Homeoffice weitergebracht hat – und dass unser Bildungssystem in der Digitalisierung in den letzten drei Wochen deutlich weiter gekommen ist als über viele Jahre davor. Initiativen gab es reichlich – und so war es schon für Schulen eher die Qual der Wahl, auf welche Lösungen sie setzen wollen.

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Viele Schulen haben mehr oder weniger bei Null angefangen: Digitale Kommunikation mit Eltern und älteren Schülern ist in vielen Fällen nicht vorgesehen, wird verschämt als eine Art Schatten-IT betrieben, bestenfalls mit mäßig leistungsfähigen speziellen einheimischen Tools  durchgeführt. Übertragung von Unterricht, Lernen per Videokonferenz, Mitschnitte von Lerneinheiten – all das ist für viele deutsche Lehrer und ihre vorgesetzten Schulbehörden nicht denkbar. Im Gegenteil: Hier wird und wurde schon diskutiert, ob es einem Schüler erlaubt sein kann, ein Tafelbild nicht abzuschreiben, sondern ein Handyfoto davon zu machen (Stichwort Urheberrecht des Lehrers).

Digitalisierung in den Schulen noch in den Kinderschuhen

Man möge mich nicht falsch verstehen: Aufgaben täglich über eine Schul-Cloud zu stellen, über Fotos und E-Mails einzusammeln, als Lehrer Feedback zu geben – so wie das in vielen Schulen passiert –, das alles ist keine Raketenwissenschaft und verglichen mit zum Beispiel skandinavischen oder baltischen Ländern stehen wir noch ganz am Anfang. Aber es war nun mal in der Vergangenheit kaum möglich. Schuld daran waren oftmals auch formaljuristische Bedenken: Lehrer in vielen Bundesländern dürfen nicht über eine Whatsapp-Gruppe mit den Eltern kommunizieren, obwohl alle Beteiligten das Risiko, dass ein US-Unternehmen involviert ist, eingegangen wären (und obwohl die Geheimhaltungsnotwendigkeit der Inhalte eher mäßig war).

Die Kommunikation über Facebook war und ist bis heute dem Lehrer schon gar nicht erlaubt, sodass dieser sich quasi inkognito unter falschem Namen in die Gruppe einschleusen musste – ein Running Gag für Abifeiern und Klassentreffen in einigen Jahren. Bleibt zu hoffen, dass all das nicht sofort wieder rückgängig gemacht wird, wenn die Behörden wieder aus der coronabedingten Schockstarre erwachen. Denn die Coronakrise hat deutschen Schulen einen ordentlichen Digitalisierungsschub gebracht, der erhalten werden muss.

Schul-Clouds: Gutes Betätigungsfeld für hiesige Unternehmen

Davon abgesehen sind die diversen SaaS-Lösungen für Schüler, Lehrer und Eltern auch ein gutes Betätigungsfeld für deutsche Unternehmen. Denn ähnlich wie beispielsweise Buchhaltungs-Clouds oder Versicherungslösungen gibt es hier so viele deutsche Eigenheiten von deutschem Beamtenrecht bis DSGVO, dass Unternehmen gute Gründe haben, eine der Cloud-Infrastrukturen mit deutschem Serverstandort mit ihren SaaS-Lösungen zu kombinieren. Was allerdings in vielen Fällen fehlt, ist eine Technik, die alle Beteiligten gut beherrschen können – nicht nur der versierte IT-Profi, sondern auch der wenig technibegabte Schüler, den es gerüchteweise auch geben soll.

Denn eines hat die notgedrungene Flucht ins Digitale allerdings auch gezeigt – und das ist eine Erkenntnis, die wir bei vielen neuen Medien der Vergangenheit schon hatten: Die Anwendung solcher Lösungen setzt bei jüngeren wie älteren Schülern eine gewisse Anleitung durch die Eltern und ein Verständnis voraus. Will sagen: Kinder, die zu sinnvoller Nutzung digitaler Lernmethoden angehalten werden, profitieren mehr davon als solche, deren Eltern sie hier wenig unterstützen können.

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Ein Kommentar
Dag Klimas
Dag Klimas

Meine Erfahrung: Nur weil etwas digital ist, ist es nicht unbedingt besser. Was meine ich damit? Ein toller Unterricht kann auch online toll sein. Ein schlechter Unterricht wird dadurch nicht unbedingt besser.

Dabei kann online auch in Präsenz eine erfolgreiche Ergänzung sein. Nämlich dann, wenn offene Fragen gestellt werden und alle Schüler/innen zur gleichen Zeit antworten können und die Antworten der anderen sehen und ergänzen können. Also alle zur gleichen Zeit Sender/in (vgl. Kommunikation) sein können. Oder wenn nach dem Lehrvortrag (Text, Audio, Video) die Möglichkeit eines kleinen Selbsttests geboten wird. Motto: Habe ich es wirklich verstanden?

Verschiedene Schulen und Lehrer/innen haben dies und weitere Möglichkeiten vor Jahren erkannt und haben heute Erfahrungswissen, wo andere noch im „Krabbelstatus“ sind und eine Lernplattform zum Bereitstellen von PDFs verwenden.

In Berlin startete gefühlt vor über 14 Jahren das „Leitprojekt des eEducation-Masterplans der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung in Berlin“.

Hinweis: Ich bin kein Lehrer, habe aber viele Jahre durch Elternarbeit Schule mitgestaltet und bin als Moodle-Trainer/Berater in der Moodle-Community tätig. In dem obigen Projekt war ich nicht involviert.

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