Kolumne

Ernährungs-Apps: Der schmale Grat zwischen Selbstoptimierung und Zwangsstörung

Wo hört Selbstoptimierung auf und beginnt eine Zwangsstörung? (Foto: Dolphfyn/Shutterstock)

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Ernährungsratgeber boomen, ebenso die dazu passenden Kochbücher und Apps. Doch zwischen Gamification und Zwangsstörung verläuft ein schmaler Grat, warnt t3n.de-Chefredakteur Stephan Dörner. Die Neuland-Kolumne.

Ist es meine selektive Wahrnehmung, oder redet Deutschland fast nur noch über Ernährung? Dies ist einer der wenigen Artikel, in dem ich bewusst die Ich-Perspektive wähle, denn es geht am Ende um ein persönliches Thema, das jeden angeht und zu dem fast jeder einer Meinung hat: Ernährung. Vorweg: Dafür bin ich kein Experte. Ich persönlich habe mich mit diesem Thema sehr lang so gut wie gar nicht auseinandergesetzt. Seit Studentenzeiten habe ich quasi nie selbst gekocht. Ich bin schon länger Vegetarier, aber rein aus ethischen Gründen – ob das gesund ist oder nicht, hat mich kaum interessiert.

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Warum ich meine Ernährung umgestellt habe

Mit dem „Ernährungskompass“ von Bas Kast* hat sich das geändert. Inzwischen glaube ich, ein sehr gutes Gefühl dafür zu haben, was gesund ist und was nicht. Ich achte darauf, täglich mehrere Portionen Obst, Gemüse und Getreide fast ausschließlich in Vollkorn-Form zu mir zu nehmen. Ich meide Transfette – zum Beispiel in Form der von mir bis vor Kurzem noch massenhaft verzehrten Falafel aus der Fritteuse – und industriell verarbeitetes Essen abseits von Brot und Nudeln. Meinen Konsum von Zucker und Salz habe ich drastisch reduziert und Milch konsumiere ich fast ausschließlich in Form von Joghurt und Käse – ansonsten kommt Hafermilch zum Einsatz. Um als Vegetarier genug Proteine zu essen, damit sich das Sättigungsgefühl einstellt, achte ich auf ausreichend Hülsenfrüchte wie Bohnen, Erbsen und Linsen sowie Nüsse bei den Mahlzeiten.

Und das Schöne ist: Das reicht mir. Denn mit der Ernährung und der Gesundheit ist es so wie mit jeder Selbstoptimierung: Es geht immer noch besser. Wer nicht nur Schritte, sondern auch Obst, Gemüse und Kalorien zählen will, findet im breiten Bauchladen der Selbstoptimierung natürlich auch dafür die passende App. Besonders beliebt in meinem Freundeskreis ist beispielsweise die kostenlose App „Daily Dozen“ von dem „US-Veganer-Papst“ und Arzt Michael Greger („How not to die*“), die es für Android und iPhone gibt.

Checklisten-Wahn für die Gesundheit

„Daily Dozen“ besteht aus zahlreichen Checklisten, die den Tag über abgehakt werden sollen: Wasser trinken, Gemüse essen, ausreichend Kreuzblütler (Brokkoli, Blumenkohl, Kohl), Beeren und andere Früchte zu sich nehmen, Sport machen und so weiter und so fort. Und wem das nicht reicht, der findet zum Beispiel noch 21 Tipps zum Abnehmen, wie ein Glas Wasser zu jeder Mahlzeit trinken oder einen Apfel vor jeder Mahlzeit essen. Ich frage mich dabei: Wollen wir gesund sein, um zu leben, oder leben, um uns nur noch um die Gesundheit zu kümmern?

Wer seine Ernährung streng nach der App ausrichtet, muss sich fühlen wie beim Spiel Whac-A-Mole, bei dem der Spieler Maulwürfe mit einem Hammer erschlagen muss. Sobald ein Maulwurf erschlagen ist, taucht der nächste auf. Man wird nie fertig und perfekt ist es auch nie – zumindest, wenn man noch ein Leben hat und sich noch um andere Dinge kümmern will als die Ernährung.

Ich möchte damit nicht sagen, dass solche Apps nicht hilfreich sein können – insbesondere zu Beginn einer Ernährungsumstellung. Greger selbst schreibt in „How not to die“, dass er die App in analoger Form zu Beginn in Form einer Checkliste auf Papier an seinem Kühlschrank führte, diese aber schon seit Jahren nicht mehr brauche – weil die Ernährung nach seinem Konzept in Fleisch und Blut übergegangen ist. Und wahrscheinlich hängt es auch vom Persönlichkeitstyp ab, ob man sich von so einer „Gamification“ der Ernährung eher motiviert oder eher gestresst fühlt.

Ich kann regelmäßigen Sport und eine gesunde Ernährung nur jedem auch aus persönlicher Erfahrung empfehlen. Es geht dabei nämlich nicht nur darum, wie lange man lebt, sondern auch wie man lebt: ausgeglichener und glücklicher nämlich – regelmäßiger Sport wirkt ebenso gut wie ein Antidepressivum, ohne die zahlreichen Nebenwirkungen.

Der schmale Grat zwischen gesund und gestresst

Ich glaube aber, dass die Flut an Selbstoptimierungs-Apps – vom täglichen Schrittezählen über die Meditations- und Sport-App bis zur Ernährungs-Checkliste – eine Form der Zwangsstörung fördern, die ich Überoptimierung nenne. Denn sind wir mal ehrlich: Viele von uns würden gerne täglich meditieren, Sport machen, sich gesund ernähren und ausreichend schlafen. Kaum einem gelingt das alles – vor allem nicht dauerhaft. Und niemand sollte deshalb ein schlechtes Gewissen haben! Bei all der Selbstoptimierung sollte keiner von uns vergessen, zu leben.

Und so werden die Apps, die uns eigentlich helfen sollen, vor allem zu einer Art sich selbst verstärkenden virtuellen schlechten Gewissens. Wenn die Meditations-App zum fünften Mal in Folge nervt, dass ich heute schon wieder nicht meditiert habe, ist der Impuls, das Smartphone in die Ecke zu pfeffern, ganz normal. Denn selbst bei noch so gesunder Ernährung und noch so viel Sport sind unsere Tage auf dieser Erde am Ende begrenzt – und ich möchte möglichst wenige davon mit Schrittezählen oder Checklisten für Kreuzblütengewächse abhaken verbringen.

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