Interview

Wie der Share-Gründer auf die Kritik von Verbraucherschützern reagiert

Share-Gründer Sebastian Stricker mit seiner sozialverträglichen Wasserflasche. (Foto: dpa)
Lesezeit: 8 Min.
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Das Berliner Social-Startup Share will mit sozialverträglichen Konsumgütern Menschen in Not helfen. Ein halbes Jahr nach dem Start zieht Gründer Sebastian Stricker eine erste Bilanz – und reagiert auf die Kritik von Verbraucherschützern.

Es ist wieder mal eine dieser Mammutaufgaben, wie man sie von Sebastian Stricker kennt. Der 35-Jährige ging im März mit seiner sozialen Neugründung Share an den Start, um das globale Hunger-, Hygiene- und Trinkwasserversorgungsproblem zu lösen. Share verkauft dazu fair produzierte Konsumgüter – Wasserflaschen, Müsliriegel und Seifen – in Supermärkten und finanziert mit einem Teil der Erlöse Hilfsprojekte in Krisenländern. Die Rede ist vom 1+1-Prinzip: Jeder Müsliriegel spendet eine Portion Essen, jede Handseife ein weiteres Stück und jede Flasche einen Tag Trinkwasser.

Share: Lässt sich die Welt im Supermarkt retten? 

Vor Jahren war Stricker mit einer ähnlichen Idee bereits erfolgreich. Er entwickelte die Spenden-App „Share the Meal“ und finanzierte so bis heute rund 26 Millionen Mahlzeiten. Wenige Monate nach dem Start wurde das Startup von den Vereinten Nationen übernommen. Im Frühjahr startete er sein neues Projekt und war direkt in rund 5.000 Filialen von Rewe und DM gelistet. Im Interview zieht Stricker nun eine erste Bilanz  – und stellt sich der Kritik von Verbraucherschützern.

t3n: Sebastian, vor einem halben Jahr bist du mit Share gestartet. Wie fällt die erste Bilanz aus?

Sebastian Stricker: Seit dem Start haben wir 4,8 Millionen Produkte verkauft. Davon konnten wir 23 Brunnen in Entwicklungsländern bauen, 1,2 Millionen Mahlzeiten an Hungernde verteilen und 300.000 Seifen für eine bessere Hygieneversorgung finanzieren. Außerdem scheint das Feedback von Kunden, Händlern und Medien positiv. Nach klassischen Maßstäben können wir also zufrieden sein.

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t3n: Klassische MaßstäbeKlingt nicht so, als würdest du Luftsprünge machen.

Doch, wir sind glücklich. Aber ich möchte brennend gerne unser großes Ziel schaffen, jeden Tag einen neuen Brunnen zu bauen. Die Erlöse aus dem Verkauf der Flaschen reichen bisher aber nur für einen Brunnen pro Woche. Ich sehe immer mehr das, was möglich sein könnte als das, was wir schon erreicht haben. Es ist noch viel zu tun.

t3n: Aber hast du wirklich geglaubt, dieses Ziel in wenigen Monaten zu schaffen? Ihr seid ja erst seit März am Markt.

Nein. Aber ich möchte es eben so schnell wie möglich lösen. Unser Anspruch ist auch, den soziale Nutzen von Einkäufen im Supermarkt spürbar zu maximieren. Damit das passiert, müssen wir unterm Strich einfach noch viel mehr Produkte verkaufen.

t3n: Du hast von 4,8 Millionen bisher verkauften Share-Produkten gesprochen. Was bedeutet das für den Umsatz dieses Jahr?

Das Share-Team: Sebastian Stricker, Ben Unterkofler, Iris Braun und Tobias Reiner. (Foto: © Gene Glover)

Das Share-Team: Sebastian Stricker, Ben Unterkofler, Iris Braun und Tobias Reiner. (Foto: © Gene Glover)

Die Zahl der verkauften Produkte kann man mit einem Umsatz von durchschnittlich 65 Cent pro Stück multiplizieren.

t3n: Laut dem Taschenrechner sind das rund 3,5 Millionen Euro.

Ja, wobei das nur eine grobe Rechnung ist. Neben den verkauften Seifen, Wasserflaschen und Riegeln in den Märkten kommen ja noch größere Lagerbestände hinzu. Ein Umsatz zwischen vier und sechs Millionen Euro ist realistischer.

t3n: Wie zufrieden sind die Händler mit den Verkaufszahlen?

Ich kann nicht für die Händler sprechen. Aber wir sind in engem Austausch und ich glaube das zeigt, dass alle die Mission unterstützungswürdig finden. Allerdings stellt sich jetzt nach dem vielbeachteten Start auch der normale Arbeitsalltag ein.

t3n: Was meinst du damit?

Wir müssen jetzt von einem Startup zu einem richtigen Konsumgüterunternehmen werden. Das heißt, wir brauchen professionellere Lieferketten und müssen unser Sortiment ständig auf den Prüfstand stellen. Schon heute funktionieren nicht alle Produkte gleichermaßen gut. Dabei haben wir erst drei.

t3n: Welche verkaufen sich gut, welche nicht?

Das Wasser verkauft sich mit Abstand am besten. Es ist das billigste Produkt und wird natürlich häufiger gekauft als zum Beispiel eine Seife. Da sehen wir inzwischen große Unterschiede bei den Händlern. In den Drogeriemärkten von DM werden davon mehr verkauft als bei Rewe. Mit den Nussriegeln ist es wieder umgekehrt. Klar ist: Mit drei Produkten im Regal kann kein Konsumgüter-Startup überleben. Deshalb denken wir bereits über neue Produkte nach.

t3n: An welche Produkte denkt ihr da konkret?

Das können zum Beispiel weitere Hygieneartikel sein. Angefangen von Feuchtigkeitscremes über Zahnpasta bis hin zu Reinigungsartikeln. Bei Getränken sind wir wegen der guten Verkaufszahlen nicht so aktiv, aber wir denken zumindest über weitere Geschmacksrichtungen für das Wasser nach.

t3n: Was ist mit sozialverträglicher Kleidung? Das ist doch sicher auch ein sehr interessanter Markt.

Auch daran arbeiten wir, ja. Konkret planen wir zum Beispiel eigene Pullover oder auch Unterwäsche ins Sortiment aufzunehmen. Hochspannend ist für uns auch der Bildungsbereich. Von Stiften bis hin zu Notizblöcken ist für uns alles vorstellbar. In unserem Büro experimentieren wir mit diversen Mustern.

t3n: Bislang kooperieren allerdings nur Rewe und DM mit Share. Seit dem Start vor einem halben Jahr sind auch keine weiteren Händler hinzugekommen. Warum nicht?

Es ist richtig, dass wir außer Rewe und DM noch keine neuen Vertriebspartner hinzugekommen sind. Wir könnten problemlos in Österreich mit weiteren Händlern starten. Allerdings waren wir mit unseren Produkten von Anfang an in 5.000 Filialen präsent, was logistisch bis heute eine enorme Herausforderung ist. Es gab da neulich auch einen kuriosen Zwischenfall.

t3n: Worauf willst du hinaus?

Bei Getränkeflaschen gibt es einen sogenannten Stabilitätskoeffizienten. Das Problem: Kohlensäurehaltige und stille Mineralwasser haben verschiedene Stabilitätskoeffizienten. Das wussten wir nicht, sodass sich unsere Paletten mit stillen Flaschen beim Transport leicht nach links oder rechts geneigt haben und von den Lagerrobotern nicht mehr angenommen werden konnten. Daraufhin haben wir dann palettenweise Ware retourniert bekommen. Das hat Zeit, Nerven und Geld gekostet.

t3n: Hast du eigentlich keine Sorge, dass Händler eure Idee kopieren? Die Margen sind jetzt schon gering. Und der Discounter Lidl hat erst neulich die Produkte eures Wettbewerbers Lemonaid unter einer Eigenmarke ins Regal gestellt.

Derzeit habe ich die Sorge nicht, nein. Die Zusammenarbeit mit den Händlern ist gut. Aber niemand hat ein Patent auf die Idee von sozialen Konsumgütern. Es wäre also ein Leichtes, unsere Produkte wie bei Lidl durch Eigenmarken zu ersetzen. Als Sozialunternehmer hätte ich dann die moralische Verpflichtung, solche Produkte, sofern wirklich sozial, auch zu unterstützen. Sonst mache ich mich unglaubwürdig.

t3n: Glauben denn auch die Verbraucher an die Marke? Es bringt euch ja wenig, der Kunde eure Produkte nur einmal kauft.

Die Wiederkaufrate unserer Seifen liegen deutlich über dem Durchschnitt üblicher Wiederkaufraten. Beim Wasser liegen wir etwas darunter im Normalbereich. Was uns freut: 82 Prozent der Kunden würden unsere Produkte laut dem Net-Promoter-Score weiterempfehlen. Dieser Wert ist etwas schlechter als der von Tesla, aber deutlich besser als der vieler anderer Konsumgüterunternehmen.

t3n: Schön und gut. Skeptiker behaupten allerdings, dass ihre Hilfe gar nicht bei den Bedürftigen ankommt, sondern im Verwaltungsapparat der Hilfsorganisationen versickert. Kannst du diese Sorge verstehen?

Ich kann diese Sorge verstehen und es ist eine der größten Herausforderungen von Hilfsorganisationen, die auf Spenden angewiesen sind. Aus unserer Sicht ist Transparenz die beste Art, dem zu begegnen: Jedes unserer Produkte ist mit einem individuellen Tracking-Code versehen. Jeder Käufer kann damit sehen, wo seine Hilfe konkret ankommt und welche Organisation vor Ort für das unterstützte Projekt zuständig ist.

t3n: Und das allein reicht aus?

Natürlich nicht. Wir arbeiten zudem nur mit erfahrenen und renommierten Hilfsorganisationen zusammen, etwa mit den Vereinten Nationen, der Welthungerhilfe oder der Berliner Tafel. Unser Team besucht persönlich Projekte und die Erfahrungen teilen wir über die sozialen Netzwerke. Eine 100-prozentige Sicherheit kann es aber leider nie geben. Würde ich jeden gespendeten Müsliriegel per Livestream verfolgen, explodieren die Kosten und man hat kaum mehr etwas übrig für die soziale Intervention. Am Ende müssen wir das optimale Gleichgewicht finden zwischen dem Transparenzbedürfnis der Kunden und dem sozialen Nutzen, den wir generieren wollen.

t3n: Apropos Berliner Tafel: Zwar sollen laut einem Medienbericht durch eure Hilfe bisher 50.000 Euro an die Organisation geflossen sein. Die Mahlzeiten für Obdachlose würden davon jedoch nicht bezahlt. Von dem Geld sollen vor allem Kühltransporter betankt und gewartet werden. Was hat das mit dem 1+1-Prinzip zu tun?

Das Information mit den Kühltransportern stimmt so leider nicht. Was richtig ist: Zum Geschäftsmodell der Berliner Tafel gehört, dass Lebensmittel, die sonst im Mülleimer landen, von Transportern abgeholt und Bedürftigen zugeführt werden. Das passiert bei der Berliner Tafel jeden Tag. Daran kann ich grundsätzlich nichts schlechtes finden.

t3n: Aber euer Versprechen klingt erstmal nicht danach.

Unser Versprechen ist, dass wir sämtliche Kosten übernehmen, die es braucht, um einen Hilfsbedürftigen eine Mahlzeiten auf den Tisch zu stellen oder einen Tag sauberes Trinkwasser zu ermöglichen, oder eben eine Seife. Und das bei jedem Kauf eines unserer Produkte.

t3n: Kritik kommt auch von Verbraucherschützern. Demnach ändere Share nichts an den Ursachen von Hunger und auch nichts am Preisdruck, den Händler auf ihre Produzenten ausüben. Viele Lieferanten von Lebensmittelzutaten beispielsweise sollen mit ihren Löhnen nicht mal die eigene Familie ernähren können.

Ich würde mir wünschen, dass wir mit der zitierten Verbraucherschützerin beim nächsten Mal sprechen können, bevor sie mit solchen Kommentare an die Öffentlichkeit geht.

t3n: Ist denn an den Vorwürfen etwas dran?

Hinsichtlich der Ursachen von Hunger darf ich vielleicht erwähnen, dass ich mich mit der Thematik relativ lange während meiner Arbeitstätigkeit beim Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen auseinandergesetzt habe. Aus meiner Sicht ist es zunächst eine moralische Verpflichtung, dass man Leute nicht verhungern lässt. Sinngemäß steht es so auch in der Charta der Menschenrechte. Zudem ist es erwiesen, dass Nahrungsmittelhilfe sehr wohl nachhaltig sein kann und an den Ursachen von Hunger ansetzt. Beispielsweise kann sich das Gehirn eines Kindes nicht richtig ausbilden, wenn es unterernährt ist. Da bringen dann später auch unzählige Schulungen über Landwirtschaft für die Selbstversorgung nichts.

t3n: Aber entledigen sich Händler durch Kooperationen mit hippen Anbietern wie euch nicht ihrer eigenen Verantwortung für sozialverträgliches Handeln?

In erster Linie ist es Sache des Gesetzgebers, dafür zu sorgen, dass Unternehmen sozial und verantwortungsvoll handeln. Mit Share können wir lediglich einen zusätzlichen Anreiz dafür schaffen, dass Unternehmen nachhaltiger produzieren. Zum Beispiel mit Blick auf die Debatten um Plastikmüll. Rewe und DM möchte ich an dieser Stelle keinen Vorwurf machen. Ohne die würde es Share heute in der Form gar nicht geben.

t3n: Die Produkte von Share bestehen bislang auch hauptsächlich aus Plastik. Schadet ihr damit nicht gleichzeitig der Umwelt, während ihr soziale Probleme lösen wollt?

Ja, das ist wirklich nicht optimal. Darum haben wir unsere Seifenbehälter bereits vor einigen Wochen auf 100 Prozent recyclebares Plastik umgestellt. Bei den Wasserflaschen sind wir vergangene Woche nachgezogen.

t3n: Inzwischen gibt es einige Konsumgüter-Startups mit sozialem Anspruch. Mir fallen da neben Lemonaid noch Charitea oder Lycka ein. Ist auf lange Sicht überhaupt Platz für so viele Anbieter im Regal?

Auf jeden Fall. Derzeit sind wir da sogar noch in der Minderheit, was sozialverantwortliche Unternehmen betrifft. Unter Verbrauchern steigt das Bewusstsein für soziales und ethisches Einkaufsverhalten extrem an.

t3n: Also lässt sich die Welt allein im Supermarkt retten?

Nein, allein im Supermarkt nicht. Wenn ich aber die Möglichkeit habe, durch einen normalen Wocheneinkauf die Welt ein bisschen besser zu machen, dann halte ich das eine gute Idee.

t3n: Vielen Dank für das Gespräch.

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