Interview

Smart-Chefin Annette Winkler: „Ein Auto zu bauen, geht nicht mal eben so“

Smart-Chefin Anette Winkler. (Foto: dpa)
Lesezeit: 7 Min.
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Annette Winkler ist Chefin der Daimler-Tochter Smart. Im Interview mit t3n.de spricht sie über die neue mögliche Konkurrenz von Google bis Apple, wer aus ihrer Sicht beim Auto der Zukunft den Ton angibt und warum alle Smarts elektrisch werden.

t3n.de: Frau Winkler, hat das Auto im Privatbesitz noch Zukunft?

Annette Winkler: Ich glaube, dass es auch zukünftig noch viele Menschen geben wird – und zwar auch in dem Mikrosegment, in dem Smart unterwegs ist –, die ihr eigenes Auto haben wollen. Und da wird der Smart auch in Zukunft das Erstfahrzeug oder einzige Fahrzeug in der Familie sein. Wir haben uns entschieden, den Smart nach USA und Kanada, wo das bereits seit einem Jahr gilt, ab 2020 nun auch in Europa ausschließlich als elektrische Variante anzubieten. Ich glaube, dass der Smart dann auch nochmals stärker als Zweit- und Drittfahrzeug genutzt wird. Aber ich glaube in der Tat auch, dass ein weiterer großer Bereich das Carsharing sein wird und in der Stadt auch immer weiter zunimmt. Wenn es die Anforderung gibt, dass diese künftigen Sharing-Flotten elektrisch betrieben werden, sind wir darauf mit unserem elektrischen Smart perfekt vorbereitet.

Der Smart wird aus Ihrer Sicht also eine größere Rolle spielen, wenn der Privatbesitz von Autos zurückgeht in Städten?

Ja, unter anderem deshalb haben wir diese Entscheidung getroffen, nur noch vollelektrische Autos zu bauen. Das ist jetzt unsere kurzfristige Vision – und Smart ist schnell, also setzen wir das schnell um. Unsere langfristige Vision zeigt unser Konzeptauto Smart Vision EQ fortwo. Das ist, glaube ich, das radikalste Carsharing-Auto, das je gezeigt wurde. Es hat kein Lenkrad und keine Pedale und fährt komplett autonom. Tendenziell wird es in den Städten mehr Menschen geben, die sagen, dass sie kein eigenes Auto mehr brauchen. Nur in dem Moment, in dem ich mich in ein fremdes Auto setze, muss ich das Gefühl haben, es sei mein eigenes. Wie man das erreichen kann, zeigen wir in diesem Showcar.

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„Die Hardware Auto wird man immer benötigen.“

Das bedeutet, dass es personalisierbar ist? Also dass sich die Software-Einstellungen anpassen, auch wenn es immer andere Hardware ist?

Absolut. Und ich habe dann immer wieder das Gefühl, dass es sich gerade um mein Auto handelt. Weil sich Farbe, Beleuchtung, Displays, sogar die Sitzstellung und -temperatur wie auch die Musik auf meine Vorlieben einstellen.

Wenn Autos autonom fahren – was machen die Leute, wenn sie im Auto sitzen und nicht mehr fahren? Wer sind dann die wichtigen Player? Werden die Autohersteller zu „Blechbiegern“ degradiert? Wer hat am Ende das Sagen und verdient das Geld?

Ich glaube nicht, dass man sagen kann, dass es am Ende nur die Automobilhersteller oder nur die Kommunikationsanbieter sein werden. Es werden logischerweise einfach die sein, die es verstehen, die Geschäftsmodelle entsprechend umzubauen und ihre Stärken einzubringen. Ich glaube, dass Daimler ein sehr gutes Beispiel dafür ist, dass ein Automobilhersteller sehr früh gesagt hat: „Wir bauen die besten Autos der Welt und werden zusätzlich zum Mobilitätsanbieter.“ Car2go ist jetzt schon der größte free-floating Carsharing-Anbieter der Welt und hat extrem viel Erfahrung gesammelt. Wir haben die hundertprozentig passenden Autos, also die „Hardware“ und schnell gelernt, diese ideal mit der Sharing-Software zu verbinden. Das heißt nicht, dass es aus anderen Branchen nicht auch Mobilitätsdienstleister geben kann – aber die Hardware Auto wird man immer benötigen. Das Know-how wird in der Zukunft – nein, was heißt Zukunft, das ist heute schon so – darin liegen, Hardware und Software intelligent zu kombinieren. Und ein Auto zu bauen, geht nicht mal eben so.

Aber spricht nicht vieles dafür, dass Google auch zur Plattform für Mobilität wird? Wenn jemand von A nach B will, fragt er heute ja schon häufig Google Maps – und das bietet dann verschiedene Optionen vom ÖPNV und Uber bis zum Routenplaner für das Auto.

So etwas macht Daimler ja auch mit der Tochterfirma Moovel – das ist ja genau die Idee.

Wobei Moovel in Deutschland noch nicht viele Nahverkehrsbetriebe überzeugt hat, mitzumachen – da sind die Ticketverkäufe noch nicht integriert.

In den USA ist Moovel North America bereits der größte Verkäufer für Tickets im Nahverkehr des gesamten Landes. In Deutschland können Nutzer in Städten wie Stuttgart, Hamburg oder Karlsruhe Fahrkarten für Bus, Bahn und weitere Mobilitätsservices über die Moovel-App erwerben. Die Kunden wollen solch eine einfache Lösung und ich bin sicher, sie wird sich weiter durchsetzen.

„Die Verbindung von Smartphone und Auto ist ganz klar unser Fokus.“

Aber es gibt ja noch mehr Player, die künftig eine größere Rolle spielen könnten. Wenn die Leute dann künftig in autonom fahrenden Autos sitzen, wie verbringen sie dann ihre Zeit? Dann könnten doch auch Spotify und Netflix zu wichtigen Playern werden. Gibt es bei Smart Überlegungen für Deals mit diesen Unternehmen?

Natürlich werden wir geeignete Kooperationen suchen, wenn es mal soweit ist. Zunächst einmal ist das Auto nach wie vor der Mittelpunkt all dieser zusätzlichen Dienste. Ohne Fahrzeug kann ich nun mal kein Carsharing betreiben oder Dienste um das Auto herum entwickeln. Und wenn man dann eines Tages noch künstliche Intelligenz einbaut, hat man einen weiteren Vorsprung vor dem Markt.

Ein Problem bei der Entwicklung von Autos ist ja aktuell, dass die Entwicklungszyklen von Autoelektronik viel länger sind als die von Consumer-Elektronik wie Smartphones. Da bekommt man als Käufer selbst von teuren Autos schnell das Gefühl: Mein Smartphone ist eigentlich viel besser – auch von der Bedienung her – als dieses teure Auto. Und die Auto-Software ist selbst heute häufig immer noch nicht aktualisierbar.

Deswegen ist die Verbindung von Smartphone und Auto ganz klar unser Fokus. Wir setzen komplett darauf, dass das Auto das Smartphone praktisch spiegeln kann. Wenn man das Smartphone ins Auto legt, kann es mein Profil auslesen – wie groß ich bin, wie die Sitze eingestellt werden müssen und so weiter.

Mercedes-Benz hat ja kürzlich MBUX als neues Entertainment-System vorgestellt. Wird das System auch in die Smarts kommen?

Zum heutigen Zeitpunkt können wir das noch nicht sagen. Ich als Smart muss zum Beispiel nicht in Spracherkennung investieren – das nehmen mir andere ab. Unser Ziel ist – wie bereits erwähnt – die einfachste und schnellste Verbindung vom Smartphone mit dem Auto herzustellen.

Dann hat Smart also einen komplett gegensätzlichen Ansatz zu Mercedes-Benz? Die scheinen mit MBUX ja gerade zu versuchen, das bessere Smartphone in ihre Autos zu bauen.

Das kann man so definitiv noch nicht sagen. Fakt ist, die unterschiedlichen Kundengruppen können zu anderen Lösungen führen: Smart wird von allen gefahren – vom Studenten mit wenig Einkommen bis zum Millionär, der unser Auto liebt, weil es so praktisch ist, damit in die Stadt zu fahren. Insofern müssen wir hier einen anderen Ansatz wählen.

Wobei MBUX ist ja jetzt sowieso schon entwickelt. Da könnte Smart ja einfach eine abgespeckte Version nutzen.

Ja, schauen wir mal. Auf der einen Seite haben wir ja auch wieder andere Möglichkeiten, weil wir in einer Kooperation mit Renault sind. Andererseits, das ist ja auch kein Geheimnis, rücken wir jetzt wieder enger an Mercedes. Smart profitiert schon sehr stark von Mercedes-Technologien – in jedem Smart steckt sehr viel Mercedes-Wissen. Die Features werden mit Relevanz für unsere Kunden geprüft und eine Aufnahme danach entschieden. Wir werden abwägen, was in diesem Rahmen machbar und sinnvoll ist.

Und das Heranrücken an Mercedes sieht Renault mit Argwohn?

Nein, gar nicht. Wir sagen ja: Wir als Smart müssen immer teilen, weil wir als Marke zu klein sind, um irgendwelche Systeme selbst hinzubekommen. Und da ist jetzt die Frage: Wo ist für uns der richtige Weg? Wir sind da in einer Findungsphase.

Smart hat ja schon relativ früh mit Elektromobilität experimentiert: 2007 gab es den ersten Elektro-Smart zu kaufen. Jetzt sollen alle Smarts elektrisch werden. Wie ist da der Zeitplan?

Bis 2020 in Europa. In den USA und Kanada haben wir vergangenes Jahr schon losgelegt. Wir konzentrieren uns insbesondere in den USA nur noch auf bestimmte Städte und das dann vollelektrisch, was für die USA mehr Sinn ergibt.

Also ich vermute mal die West- und Ostküstenstädte.

Genau, wir schauen da auf Stadtanteil – nicht landesweiten Marktanteil. In Europa bieten wir die Elektro-Smarts flächendeckend an. Wir merken, dass die Nachfrage extrem hoch ist.

Aber Smarts bleiben Kleinwagen oder soll die Modellpalette in Richtung Tesla-Modelle erweitert werden?

Perfekt auf die Stadt zugeschnittene Kleinwagen sind die DNA unserer Marke und das, was die Kunden von uns wollen – also handeln wir getreu dem Motto „Schuster, bleib bei deinen Leisten“. Unseren Kunden ist die kompakte Größe unserer Zwei- und Viersitzer äußerst wichtig! Und natürlich, wie gut das Auto funktioniert, wie einfach, intuitiv, es zu handhaben ist – und wie gut die Kombination aus Smartphone und Smartcar funktioniert.

Können Sie sich denn perspektivisch vorstellen, dass Sie irgendwann mal sagen: Diese ganze Bedienung im Auto, das können wir auch Apple oder Google überlassen? Das machen die sowieso besser?

Das kommt darauf an, worüber wir reden – bestimmte Teile machen sie ja heute schon. Wenn ich davon spreche, dass man das Smartphone spiegeln kann, dann geht es zum Beispiel um Standardanwendungen der entsprechenden Anbieter. Das ist sinnvoll. Aber es muss auch klar sein, wo die Zusammenarbeit aufhört. Und wir werden keine Dritten auf unsere Fahrzeugdaten zugreifen lassen.

Frau Winkler, vielen Dank für das Interview!

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