News

Soziale Netzneuheit: Ist Mastodon der Twitter-Killer?

Ich glaube ja, ein soziales Netzwerk, wie das hier gezeigte, hat es nie gegeben. (Illustration: Pixabay.com)

Lesezeit: 4 Min. Gerade keine Zeit? Jetzt speichern und später lesen

Ein neues Open-Source-Projekt namens Mastodon tritt an, die Dominanz der Walled Gardens der sozialen Netzwerke zu brechen. Anders als seine Vorgänger bemüht es sich um Kompatibilität.

Mastodon, Diaspora, StatusNet: Eine Historie des Scheiterns

Dezentralisierte soziale Netzwerke – das klingt doch gut, oder? Es gab auch schon ein paar dieser Ansätze. Am Ende sind sie alle gescheitert, zumindest soweit es den Massenmarkt angeht. Kann Mastodon diesem Schicksal entgehen?

Mastodon.social: Landing Page. (Screenshot: t3n)

Mastodon.social: Landing Page. (Screenshot: t3n)

Der Name des Projekts lässt wenig Raum für Hoffnung. Wie Wikipedia erläutert, ist die Gattung Mastodon, ein Verwandter des Mammuts, seit mindestens 10.500 Jahren ausgestorben und war auch nur in Nordamerika so lange aktiv. In anderen Regionen der Welt war das Mastodon zu diesem Zeitpunkt schon lange vergessen. Grund für die Ausrottung soll zum einen das Jagdverhalten des Menschen und zum anderen eine radikale Veränderung der Fauna gewesen sein, die die Nahrungssuche erschwerte. Dieses Bild vor Augen, fragt man sich doch ernsthaft, wie man auf die Idee kommen kann, den Konkurrenten für heutige soziale Netzwerke so zu benennen. Aber sei’s drum, so heißt er halt.

Inhaltlich will Mastodon nicht etwa ein Konkurrent zu Google+ oder Facebook sein, sondern ähnelt eher Twitter. Da er sich als Teil der OStatus-Community begreift, kann man Mastodon zutreffend als Microblogging-Service bezeichnen. OStatus ist ein offenes Protokoll, über das dezentral laufende Plattformen miteinander kommunizieren können. Du könntest also einen OStatus-Server für dich selbst oder eine Gruppe von Leuten betreiben und darüber auch Personen folgen, die Konten auf anderen Servern haben.

Fast fertig!

Bitte klicke auf den Link in der Bestätigungsmail, um deine Anmeldung abzuschließen.

Du willst noch weitere Infos zum Newsletter? Jetzt mehr erfahren

Das ist nicht neu, sondern im Grunde von der Zeit bereits überholt. Vor 2010 entstand das OpenMicroBlogging-Protokoll, das heute OStatus heißt. Die erste Implementierung war die Plattform laconi.ca, die dann Status.Net hieß und heute als GNU Social nach wie vor eine Randerscheinung ist. Wenn ich mich recht erinnere, konnte man damals sogar Twitter-Clients mit der API von laconi.ca verbinden, und so in beiden Welten gleichzeitig unterwegs sein. Dieser traumhafte Zustand hielt allerdings nicht lange an. 2009 schrieb ich diesen Beitrag zum Thema „OpenMicroBlogging”.

Mastodon in Aktion. (Screenshot: Github)

Mastodon in Aktion. (Screenshot: Github)

Unzweifelhaft ist die Idee immer noch gut. Wir haben gesehen, wie Twitter in den letzten Jahren das Ökosystem, ohne das es nicht hätte wachsen können, attackiert und weitgehend vernichtet hat. Die jüngsten Entwicklungen rund um den Verkauf des Netzwerks erhöhen auch nicht gerade das Vertrauen in den Service. Theoretisch wäre es möglich, dass Twitter von heute auf morgen den Schalter auf „Off” stellt und ein wichtiges Kommunikationsinstrument von jetzt auf gleich ausfält. Ebenso ist es möglich, dass Einflüsse Dritter auf das Netzwerk zu (noch heftigeren) Gefährdungen des Datenschutzes, der Meinungsfreiheit und mehr führen könnten. Generell wird man wohl Einigkeit dahingehend erzielen, dass es nie gut ist, wenn sich ein Kommunikationsmittel wie Twitter in der Hand eines einzelnen Unternehmens befindet.

Der Haken ist, dass nur eine Minorität der Nutzer sich über solche Themen überhaupt Gedanken macht. Das Aufsetzen einer laconi.ca-Instanz seinerzeit war nicht schwierig, ich habe das damals getan. Aber das Erstellen eines Twitter-Kontos war viel einfacher. Das Finden anderer Nutzer war bei Twitter wesentlich einfacher. Für Twitter gab es mehr Clients und jene, die mit laconi.ca hätten arbeiten können, stellten die Verbindung gar nicht erst her oder schnell wieder ein. Dagegen kommst du nicht an.

Die Community-Group zu OStatus, die an der Fortentwicklung des Protokolls arbeiten sollte, hat seit Beginn des Jahres 2012 keinerlei Veröffentlichungen mehr aufzuweisen. Man kann mit Fug und Recht sagen, dass das bisschen Schwung, das zu Beginn da gewesen sein mag, inzwischen verpufft ist.

Und wer ist schuld daran? Wir, die Nutzer, die es am liebsten ganz bequem haben; so bequem, wie es nur in einem Walled Garden geht.

Mastodon: Tweetdeck-Optik und Anbindung an GNU Social

In Anbetracht all dessen, wird es der jüngste Vertreter im Reigen des dezentralen Socialisings nicht leicht haben. Und ganz sicher wird er nicht der Twitter-Killer schlechthin sein. Eine interessante Software ist er dennoch.

Denn Mastodon ist technisch auf der Höhe der Zeit. Das Backend wurde mit Ruby on Rails erstellt, das Frontend läuft zeitgemäß mit React und Redux. Echtzeit-Updates funktionieren per WebSockets. Eine RESTful API erlaubt Anbindungen durch Drittanbieter. Wer sich mit Docker auskennt, hat Mastodon schnell am Laufen.

Mastodon.social: Public Timeline. (Screenshot: t3n)

Mastodon.social: Public Timeline. (Screenshot: t3n)

Wenn du nicht gleich eine Mastodon-Instanz starten, sondern erst einmal nur testen willst, wie sich das Nutzen der Software so anfühlt, kannst du dich bei Mastodon.Social registrieren. Dabei handelt es sich um den ersten Server auf dieser Basis. Das Anlegen eines Accounts ist schnell erledigt.

Nach dem Einloggen wirst du allerdings recht ernüchtert sein. Denn viel zu sehen gibt es nicht. Das Finden anderer Nutzer ist (noch) nicht vorgesehen. Es bleibt dir im Grunde nur, die Public Timeline anzusehen. Die allerdings sieht durchaus sehr nach Twitter aus, wenn auch das Hinzufügen von Bildern und Videos nicht so komfortabel ist. Wer das dunkle Theme von Tweetdeck nutzt und schätzt, wird sich sofort zuhause fühlen. Da Microblogging schlussendlich kaum mehr als das Versenden kurzer Textschnipsel ist, ist es indes auch nicht allzu schwierig, eine hinreichende Funktionalität anzubieten.

Fazit: Aufgrund der quasi nicht vorhandenen Benutzerfreundlichkeit wird Mastodon nicht das Tool für die Massen sein, das die Kehrtwende weg von Twitter, hin zu dezentralen Strukturen einleitet. Wer allerdings bereits in dezentralen Strukturen unterwegs ist, wird es begrüßen, dass sich mit Mastodon ein weiterer, dabei sehr moderner Vertreter an die kleine, aber in sich aktive Community anschließt.

Das könnte dich auch interessieren

Bitte beachte unsere Community-Richtlinien

Wir freuen uns über kontroverse Diskussionen, die gerne auch mal hitzig geführt werden dürfen. Beleidigende, grob anstößige, rassistische und strafrechtlich relevante Äußerungen und Beiträge tolerieren wir nicht. Bitte achte darauf, dass du keine Texte veröffentlichst, für die du keine ausdrückliche Erlaubnis des Urhebers hast. Ebenfalls nicht erlaubt ist der Missbrauch der Webangebote unter t3n.de als Werbeplattform. Die Nennung von Produktnamen, Herstellern, Dienstleistern und Websites ist nur dann zulässig, wenn damit nicht vorrangig der Zweck der Werbung verfolgt wird. Wir behalten uns vor, Beiträge, die diese Regeln verletzen, zu löschen und Accounts zeitweilig oder auf Dauer zu sperren.

Trotz all dieser notwendigen Regeln: Diskutiere kontrovers, sage anderen deine Meinung, trage mit weiterführenden Informationen zum Wissensaustausch bei, aber bleibe dabei fair und respektiere die Meinung anderer. Wir wünschen Dir viel Spaß mit den Webangeboten von t3n und freuen uns auf spannende Beiträge.

Dein t3n-Team

Ein Kommentar
Leon
Leon

Hochverfügbarkeit.

Antworten

Melde dich mit deinem t3n Account an oder fülle die unteren Felder aus.

Bitte schalte deinen Adblocker für t3n.de aus!

Hallo und herzlich willkommen bei t3n!

Bitte schalte deinen Adblocker für t3n.de aus, um diesen Artikel zu lesen.

Wir sind ein unabhängiger Publisher mit einem Team von mehr als 75 fantastischen Menschen, aber ohne riesigen Konzern im Rücken. Banner und ähnliche Werbemittel sind für unsere Finanzierung sehr wichtig.

Schon jetzt und im Namen der gesamten t3n-Crew: vielen Dank für deine Unterstützung! 🙌

Digitales High Five
Holger Schellkopf (Chefredakteur t3n)

Anleitung zur Deaktivierung