Kolumne

Das steckt hinter Kursen für digitale Nomaden

(Grafik: t3n)

Ob Online-Kurs, PDF, E-Book, Retreat, Event oder Kreuzfahrt: Da die Zahl der digitalen Nomaden stetig steigt, steigt auch das Angebot an „Infos“ und „Kursen“ dafür. Dafür muss man meist tief in die Tasche greifen. Und was kriegt man dafür?

Ich kann es ja nachvollziehen und verstehen – wenn sich jemand mit dem Gedanken beschäftigt, als DN um die Welt zu ziehen, ist man doch etwas unsicher. Und sucht den Rat von Experten. Tja, von denen gibt es eine ganze Menge, die ihr Wissen für viel Geld weitergeben. Witzig, das ist dann meist das einzige Einkommen dieser „Experten“, weil sie mit ihrem eigentlichen Job nicht vorankommen. Und die geben dann wertvolle Tipps? Ebenso andere Formate: Es werden hehre Ziele propagiert, doch letztlich geht es nur um eines: Geld. Möglichst viel davon. Nun ja …

Ich kann nur raten, davon die Finger zu lassen. Böse gesagt, aber das erlaube ich mir, weil es meine persönliche Meinung ist, in meinen Augen sind das Nepper, Schlepper, Bauernfänger. Hier und da konnte ich mir solche E-Books und PDFs anschauen und habe Menschen getroffen, die bei Cruises dabei waren. Selber war ich mal bei einem Retreat dabei – nicht als Teilnehmer, nur als stiller Beobachter am Rande. In einem Wort: erschreckend! Hier eine Übersicht der beliebtesten und gängigsten Formate, auf die viele reinfallen.

Kreuzfahrten

Um es vorweg zu sagen: eine der besten Business-Ideen, die ich gesehen habe. Für die Veranstalter. Mehr als 250 „digitale Nomaden“, die mindestens 1.000 Euro zahlen, um mit einem Kreuzfahrtschiff in zwölf Tagen von Europa nach Südamerika zu fahren. Rechnet man noch die Extrakosten hinzu, ist das ein recht teures Vergnügen. Was wird da geboten? Eine Unconference mit Speakern, echt wichtigen Speakern. Ja, da sind meistens auch ein paar echt interessante Leute dabei. Doch im Ernst: Gehe ich auf so eine CO2-Schleuder, um mir dann einen Vortrag über gesunde, vegane und nachhaltige Ernährung als digitaler Nomade anzuhören? Leute …

Die Idee dahinter ist ja gut: viele Digital Nomads zusammenbringen, sich connecten, Insights erfahren, Schlaues von schlauen Leuten hören und so. Doch die Realität sieht anders aus, so wurde es mir zumindest von Teilnehmern gesagt. Sie haben bestätigt, was ich immer dachte: Es ist eine einzige Party, digitales Nomadentum ist nur der Deckmantel. Die Qualität der Sessions ließ stark zu wünschen übrig, zumal viele Teilnehmer der Cruises sich dafür nicht interessierten. Oder mit mächtigem Kater noch im Bett lagen. Denn darum geht es im Grunde den meisten Teilnehmer wirklich: das „Connecten“. Aber nicht wegen Jobs …

Betrachtet man das mal ganz praktisch: Minimum 1.500 Euro für die Kreuzfahrt, dann der Rückflug (die wenigsten blieben danach in Brasilien oder Südamerika) – hey, 2.000 bis 2.500 Euro für zwölf Tage „soziale Interaktion“? Keiner der Teilnehmer, die ich getroffen habe, hat danach auch nur einen einzigen Job gekriegt. Es blieb bei Facebook-Kontakten und säckeweise gebrauchten Kondomen im Müll. Mehrwert also gleich null. Kreuzfahrten für digitale Nomaden sind meiner Meinung nach nur was für Digital Pretender. Zu teuer und höchst fragwürdig. Eben mal zwölf Tage just for Fun über den Atlantik mit einem Kreuzfahrtschiff und dann sich danach in einem Öko-Projekt für die Umwelt freiwillig engagieren? Leute, Leute …

Retreats

Coworking-Retreats für angehende Digital Nomads sind auch sehr beliebt. Versprechen sie doch, einem das Rüstzeug zu geben, um diesen tollen Lifestyle leben zu können. Ehrlich, ich kann mich immer noch beömmeln, wie ich das ein Mal miterlebt habe. Während ich an der Bar saß und am Laptop gearbeitet habe, habe ich mitgekriegt, was da so abging. Nach einem Tag habe ich nur noch so getan, als würde ich arbeiten, hatte Kopfhörer auf (ohne Musik), damit ich nicht angesprochen werden würde, und habe zugehört. An Arbeit war da nicht zu denken, das war besser als Backstage bei der Muppet Show. Nur um euch gleich die Fakten zu nennen: Es war ein Retreat über sieben Tage. Kosten pro Person: 3.500 Euro. Teilnehmer: etwa 20. An- und Abreise waren separat zu bezahlen. Rechnet das mal hoch … Und das war in Thailand! In der Teilnahmegebühr war enthalten: Unterkunft (etwa 500 Euro insgesamt), drei Mahlzeiten pro Tag (50 Euro insgesamt). Heilige S****** … Wenn dafür wenigstens die Inhalte gestimmt hätten, okay. Aber das war (in Kürze) das Programm:

  • Gemeinsam frühstücken
  • Yoga-Session
  • „Vortrag“ (15 Minuten)
  • Gemeinsames Mittagessen
  • Yoga oder Surf-Kurs
  • „Vortrag“ (15 Minuten)
  • Pause
  • Yoga-Session oder Surf-Kurs
  • „Vortrag“ (15 Minuten)
  • Abendessen
  • Abend zur freien Gestaltung

Und das jeden Tag. Als wäre das nicht schon lächerlich genug gewesen, habe ich auch die Vorträge der Experten zum Thema „Getting started as a DN“ angehört. Diese Experten waren (und so wurden sie auch vorgestellt): ein Kung-Fu-Großmeister (nix gegen Kung-Fu und schon gar nicht gegen Großmeister!), der über innere Ruhe dozierte; einer der Organisatoren über Surfen (er ist selber begeisterter Surfer); ein Entrepreneur und erfolgreicher Geschäftsmann (war über Google nicht auffindbar); eine Köchin, die über gesunde Ernährung erzählte (okay, das war ganz interessant zu erfahren, welcher Reis für welches Gericht am besten ist); und dann noch die Partnerin des Organisators, die über „positive Energien“ erzählte (hätte vorher echt nicht gedacht, dass Schlafen gut für die Regenerierung des Körpers ist …).

Zum Thema DN: kein Wort. Mit anderen Worten: Die einzigen, die von diesem Retreat profitierten, waren die Betreiber. Okay, die Teilnehmer hatten ihren Spaß, aber was hat es gebracht? Mir zumindest eine Menge Unterhaltung …

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