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Tesla-Fabrik in Grünheide: Wertvoller Wald oder nutzlose Monokultur?

Gerodete Bäume und Kiefern in Grünheide, wo die Tesla-Fabrik entstehen soll. Wertvoller Wald oder Forst-Monokultur? (Foto: dpa)

Aktivisten wollen die Rodung eines Walds verhindern, auf dessen Fläche die „Gigafactory“ bei Berlin entstehen soll. Doch wie erhaltenswert sind die Kiefern zur Papierproduktion?

Das brandenburgische Grünheide bei Berlin ist Schauplatz eines ökologischen Kampfes geworden. Auf den ersten Blick könnte die Geschichte so erzählt werden: Mutige lokale Umweltschützer besetzen Bäume und kämpfen vor Gericht gegen einen milliardenschweren US-Konzern, der Bäume fällen will.

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Die Realität ist komplizierter. Das beginnt schon mit dem Wald. Es handelt sich dabei in der Fachsprache um einen Forst, also eine kommerziell genutzte Waldfläche – in diesem Fall zur Papierproduktion. Mit dem Hambacher Forst beispielsweise, ein Mischwald mit bis zu 300 Jahre alten Bäumen, sind die Bäume in Grünheide nicht vergleichbar.

Die Fläche ist im Flächennutzungsplan von Grünheide schon lange als Gewerbefläche ausgewiesen und war schon mal für ein BMW-Werk im Rennen. 2001 titelte Die Welt „Grünheide hofft noch auf BMW-Werk.“ „Allerdings regte sich in Grünheide schon bei den ersten Gesprächen ähnlich massiver Widerstand gegen eine Industrieansiedlung wie beim neuen Großflughafen oder beim Bau des neuen Chip-Werkes in Frankfurt/Oder“, schrieb die Zeitung damals. „Das dürfte die Chancen auf 2.500 neue Arbeitsplätze für Brandenburg nicht gerade gefördert haben.“ Protest hat in der Region also offenbar Tradition.

Fledermäuse, Reptilien und Waldameisen werden für die Tesla-Fabrik umgesiedelt

Statt des BMW-Werks kamen Kiefern für die Papierproduktion – eine Monokultur mit geringer Biodiversität. Kiefern speichern nur wenig Wasser, weshalb die Fläche auch für Waldbrände anfällig ist. Für die Rodung ist, wie in solchen Fällen üblich, eine Umweltverträglichkeitsprüfung notwendig, in der auch die Auswirkungen auf die im Forst lebenden Arten berücksichtig werden. Im Rahmen der sogenannten CEF-Maßnahme (continuous ecological functionality-measures) werden in diesem Fall unter anderem kleinere Populationen von Fledermäusen, Reptilien und Waldameisen umgesiedelt, heißt es aus Planerkreisen.

Mischwald mit einem höheren Anteil von Laubbäumen hätte einen größeren ökologischen Nutzen und würde Lebensraum für eine größere Artenvielfalt schaffen. Genau davon will Tesla als Ausgleich für die Fabrik die dreifache Menge anpflanzen. Mindestens die gerodete Fläche Wald müsste Tesla laut Gesetz sowieso anpflanzen – Tesla geht mit seinem Versprechen aber weit über die gesetzlichen Mindestanforderungen hinaus. Auch ansonsten listet Tesla auf der Website zur Gigafactory Berlin-Brandenburg ökologische Maßnahmen auf – darunter ein Solardach zur Stromproduktion und der Bau einer weiteren Zuganbindung. Manches ist allerdings auch wachsweich formuliert. So heißt es auf der Seite beispielsweise nur, Tesla „beabsichtigt erneuerbare Elektrizität zu verwenden, um Deutschland und Brandenburg bei der Erreichung der ambitionierten Energiewende-Zielen zu helfen.“ Von 100 Prozent erneuerbaren Energien, wie beispielsweise bei der ersten Gigafactory im US-Bundesstaat Nevada, ist nicht die Rede.

Warum Tesla nicht verraten will, wo der neue Wald entstehen soll

Twitter-Nutzer Tobias Lindh, der den Bau der Tesla-Fabrik vor Ort beobachtet, weist auf eine Karte im Informationsbüro von Tesla in Grünheide hin, auf der das Unternehmen die Flächen für die gesetzlich vorgeschriebene Eins-zu-Eins-Aufforstung verzeichnet hat. Wo genau Tesla den über die gesetzlichen Vorgaben hinausgehenden Wald anpflanzen möchte, ist nicht bekannt – aus gutem Grund, wie aus Planerkreisen zu hören ist: Die Kompensation für gerodete Wälder ist inzwischen ein eigenes Geschäft für Spekulanten, die geeignete Flächen aufkaufen und auf einen Spekulationsgewinn hoffen. Würde Tesla verraten, wo das Unternehmen die Bäume pflanzen möchte, würden sich möglicherweise Spekulanten auf die Grundstücke stürzen. „Bis so ein Wald nachhaltig aufgebaut ist, dauert es mindestens 50 Jahre“, sagt aber auch eine mit der Sache vertraute Person. Tesla reagierte bis Mittwoch nicht auf eine Presseanfrage von Montag.

„In Zeiten des Klimawandels kann man von einem nutzlosen Forst nicht sprechen. Jeder Baum zählt.“

Selbst die klagende Grüne Liga räumt ein, dass es ihr nicht in erster Linie um den eher minderwertigen Kiefern-Forst geht. Sie wirft der Landesregierung aber vor, für Tesla deutsches und europäisches Recht zu beugen und problematisiert die Wasserversorgung. Die Wasserversorgung ist laut Brandenburgs Umweltminister Axel Vogel (Grüne) allerdings inzwischen geklärt.

Auch die Position der Umweltschutzorganisation Greenpeace ist differenziert. „In Zeiten des Klimawandels kann man von einem nutzlosen Forst nicht sprechen. Jeder Baum zählt“, sagt Christoph Thies, Experte von Greenpeace für die Themen Wald und Biodiversität. Denn jeder Baum – ob in einem Mischwald oder nicht – speichert CO2. „In Deutschland sind die Hälfte der Waldflächen Forst.“ Zwar lobt er das Vorhaben Teslas, den gerodeten Wald dreifach zu kompensieren – besser wäre es seiner Meinung nach jedoch einen Standort zu finden, an dem kein Forst gerodet werden muss. „Es braucht 50 bis 100 Jahre, bis ein Wald das Optimum der CO2-Speicherung erreicht hat.“

Tatsache sei allerdings auch, dass Deutschland ein dicht besiedeltes Industrieland ist. „Ich gebe mich nicht der Illusion hin, dass in Deutschland nie wieder ein Baum gefällt wird.“ Doch auch aus dem Forst in Grünheide könnte langfristig ein ökologisch wertvollerer Wald mit mehr Laubbäumen werden, die mehr Wasser speichern – wenn man ihn denn lässt, also nicht rodet.

Doch was sind die Motive der Gruppen, die die Tesla-Fabrik verhindern wollen? Geht es ihnen wirklich um Umweltschutz oder nutzen sie den Medienrummel, um mit viel Aufmerksamkeit auch für vermehrtes Spendenaufkommen zu sorgen?

Tesla-Protest spaltet die Öko-Bewegung

Der Protest gegen die Tesla-Fabrik spaltet die Ökobewegung ähnlich wie andere Großprojekte im Sinne des Klimaschutzes – darunter Windkraftanlagen und Stromtrassen. Unter den Organisationen, die gegen die Rodung des Forsts demonstrieren, sind auch Gruppen wie der Verein „Vernunftkraft“, der den menschengemachten Klimawandel leugnet. Auch der Verein für Landschaftspflege und Artenschutz in Bayern (VLAB), der sich dem Protest angeschlossen hat, hat ein ähnliches Profil. Die deutsche Energiewende hält der VLAB „zur Reduzierung des weltweiten CO2-Ausstoßes“ für „nicht geeignet.“ Vertreter der Organisation leugneten ebenfalls schon in Interviews den menschengemachten Klimawandel und zwischen „Vernunftkraft“ und VLAB gibt es zudem personelle Überschneidungen.

Andere Tesla-kritische Gruppen sind dagegen um eine scharfe Abgrenzung in Richtung von Rechtpopulisten bemüht. Die Grüne Liga distanziert sich von beiden Vereinen und eine Tesla-kritische Bürgerbewegung stellte ihre Aktivitäten ein, nachdem die AfD die Proteste unterstützte.

Auch während der Brutzeiten darf gerodet werden

Häufig war in den vergangenen Tagen zu lesen, dass Tesla unter Zeitdruck ist: Sobald die ersten Tierarten beginnen zu brüten, dürfe zunächst grundsätzlich nicht gerodet werden, war häufiger zu lesen. Das allerdings stimmt nicht, wie vom Landesbetrieb Forst Brandenburg zu erfahren ist. So lange der Forst als Wald bewirtschaftet wird, darf er vom Gesetz her auch während der Brutzeiten bewirtschaftet und damit gerodet werden, sagte ein Sprecher auf t3n-Anfrage. „Normalerweise wird das aber nicht gemacht.“ Das bestätigt auch Rechtsanwalt Rolf Kemper, Mitglied der Arbeitsgemeinschaft für Bau- und Immobilienrecht im Deutschen Anwaltverein, der einst für das Land Brandenburg den Vertrag für das heutige Tesla-Arreal entworfen hatte, auf dem ursprünglich das BMW-Werk angesiedelt werden sollte. „Fällungen sind auch während der ‚Schonzeit‘ zulässig“, sagt Kemper und verweist auf Paragraph 39 des Bundesnaturschutzgesetz.

Dass E-Autos ökologisch günstiger sind als Verbrenner haben inzwischen sogar die Autoren der sogenannten „Schweden-Studie“ eingesehen, die von E-Auto-Kritikern gerne zitiert wurden. Ist es also gerechtfertigt, den Forst zu roden, um einer Elektro-Mobilität den Weg zu ebnen, die zusammen mit einer Energie- und Verkehrswende verhindern kann, dass aus der menschengemachten Klimakrise eine Klimakatastrophe wird?

„Grünheide ist das falsche Schlachtfeld.“

Der Dachverband der deutschen Umweltverbände, der Deutsche Naturschutzring (DNR), jedenfalls warnt davor, Grünheide zum Symbol für deutschen Umweltaktivismus zu machen. „Grünheide ist das falsche Schlachtfeld“, zitiert der Spiegel DNR-Präsident Kai Niebert. „Einige Verbände sind offenbar bereit, Seite an Seite mit identitären Klimaleugnern (VLAB) gegen jede Form der Industrieansiedlung zu kämpfen. Dabei kann Tesla ein Zugpferd einer CO2-armen Industrie werden.“ Die Grünen postionieren sich noch klarer auf Seiten Teslas.

Nicht nur heimische Wirtschaft und Politik beobachten das Verfahren für Tesla sehr genau – und hoffen überwiegend, dass Gerichte dem Bauvorhaben keine weiteren Steine in den Weg legen. „Das Verfahren ist ein Benchmark für die Frage wie investitionsfähig Deutschland insgesamt ist“, sagt eine mit der Sache vertraute Person. Unter anderem die Proteste in Deutschland gegen einen Google-Campus in Berlin-Kreuzberg und ein Amazon-Gebäude in Berlin-Friedrichshain sind unter den Silicon-Valley-Konzernen nicht unbemerkt geblieben.

Update vom 19. Februar, 13 Uhr: Nach einem Hinweis von einem Nutzer auf Twitter wurde der Artikel um die Aufforstungskarte von Tesla ergänzt.

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3 Kommentare
Titus von Unhold
Titus von Unhold

„Denn jeder Baum – ob in einem Mischwald oder nicht – speichert CO2.“

Und wenn das Holz nicht verrotten kann, bleibt es auch gespeichert. Aufforsten, warten, ernten, vergraben oder verarbeiten… Dann wird aus Holz ein dauerhafter CO2-Speicher.

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Donau-Orakel
Donau-Orakel

Wo waren eigentlich die ganzen Aktivisten und Umweltschützer als beginnend ab 2014 der Daimler-Konzern bei Immendingen über 100 Hektar Wald für das Prüf- und Technologiezentrum rodete.

Der ehemalige Standortübungsplatz war – wie sich anhand von Satellitenaufnahmen nachvollziehen lässt – keine Mondlandschaft und waldtechnisch sicherlich wertvoller als die Kiefer-Monokulturen.

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Micha aus Erkner
Micha aus Erkner

Ich bin FÜR die Tesla-Fabrik, passe aber wohl rein gar nicht in irgendeins der oben beschrieben Klischees, denn ich bin Klimaleugner (Stichwort Hitzesommer alle 36 Jahre – 1911, 1947, 1983, 2019 – siehe SFB Berlin im Jahre 1983 mit einem damaligen Experten-Interview), bin kein Fan von E-Autos, die eh nicht für Langstrecken geeignet sind und auch gar keine Lademöglichkeiten für Massen an Besitzern bieten können, zumal der Strompreis ständig steigt) und ich bin auch noch treuer AfD-Wähler, seit ich von den Linken und den Sozen rein gar nichts mehr halte, weil sie sich durch Merkels Linkskurs der CDU und diversen Verfassungsbrüchen noch weiter in Richtung Kommunismus bewegen – vermutlich aus Trotz – und weil sie Andersdenkende nur noch als „Nazis“ und „Faschisten“ bezeichnen, was mir einfach nur zu plump ist.
Ich bin also FÜR Tesla, denn offenbar bekommen unsere Orte Erkner und Neu Zittau nur durch die Ansiedlung von Tesla ENDLICH eine ordentliche weil notwendige Verkehrsentlastung sowie eine Verbesserung des Nahverkehrs, was OHNE Tesla ja nicht möglich war Immerhin läuft der halbe Ostberliner Straßenverkehr durch unsere Orte. Außerdem wird nicht nur Tesla Arbeitsplätze schaffen, sondern die Wirtschaft um sich herum auch anwachsen lassen, was noch deutlich mehr Arbeitsplätze schaffen wird, als im Werk überhaupt möglich wären.
Und mir gehen die Grünen auf den Keks, denn die sind meiner Meinung nach nur grün-angemalte Kommunisten, wie bereits zahlreiche ehemalige Westdeutsche Politiker lange vor unserer heutigen zeit erkannten.

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