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Wohlfühlblase für alle? Wie Twitter Opfer von Beleidigungen schützen will

Twitter will Nutzer:innen zukünftig per Algorithmus vor verbalen Angriffen bewahren. Aber kann eine solche Wohlfühlblase wirklich funktionieren?

3 Min. Lesezeit
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Twitter will Opfer von Beleidigungen besser schützen. (Foto: Antonio Guillem / Shutterstock.com)

Nachdem sich die heutige Bundesvorsitzende der Grünen im Januar 2022 bei einer Rede im Bundestag für die Impfpflicht ausgesprochen hatte, gab es auf Twitter nicht nur sachliche Kritik. Unter dem Hashtag #RicardaLang kam nicht zuletzt auch eine Vielzahl von Beleidigungen zusammen. Die reichten von hämischen Kommentaren zum Gewicht der 28-jährigen Bundestagsabgeordneten bis hin zu eindeutig sexistischen Äußerungen. Kein Einzelfall, denn solchen verbalen Attacken sind auf Twitter längst nicht nur Spitzenpolitiker:innen ausgesetzt.

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Um das Problem einzudämmen, hat Twitter jetzt den sogenannten „Safety Mode“ angekündigt. Dabei soll ein Algorithmus erkennen, ob es sich bei einem Tweet um „potenziell verletzende Sprache handelt“. Schlägt das System Alarm, dann erfolgt eine automatische Blockierung für sieben Tage. Ein:e Urheber:in eines solchen Tweets kann dann dem attackierten Twitter-Konto nicht mehr folgen und sieht keine Tweets der Person mehr.

Neben dem eigentlichen Inhalt soll der Algorithmus außerdem die Beziehung zwischen beiden Parteien in die Entscheidung miteinbeziehen. Wer im regen Kontakt mit jemandem steht, soll also nicht sofort bei Erwähnung eines beleidigenden Begriffes gesperrt werden. Der „Safety Mode“ wird derzeit mit zufällig ausgewählten Nutzer:innen aus englischsprachigen Ländern getestet. Später soll die Funktion aber auch weltweit ausgerollt werden.

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Twitters „Safety Mode“ soll Beleidigungen algorithmisch erkennen. (Screenshot: Twitter)

Kann der „Safety Mode“ die Diskussionskultur auf Twitter verbessern?

Für Opfer massiver Beleidigungswellen dürfte die neue Twitter-Funktion durchaus eine Erleichterung darstellen. Selbst wenn der Algorithmus nicht alle Angriffe erkennt, dürfte er in einigen kritischen Fällen das Maß an hasserfüllten Kommentaren doch zumindest minimieren. Allerdings auch nur für das eigentliche Opfer. Für andere Nutzer:innen bleibt der Beitrag nach wie vor sichtbar – und die dürften in vielen Fällen auch die eigentliche Zielgruppe sein.

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Wenn beispielsweise ein Oppositionspolitiker einen kritischen Tweet an ein Regierungsmitglied verfasst, dann richtet sich die Nachricht nicht an die eigentlich angesprochene Person, sondern den Rest von Twitter-Deutschland. Denn Twitter ist kein Messenger und jede Botschaft hat hier immer eine Vielzahl von Empfänger:innen. Twitters „Safety Mode“ ändert demnach an der Reichweite von Beleidigungen erstmal nur bedingt etwas.

Da Trolle nachweislich Freude daran haben, Menschen zu verletzen, müsste der „Safety Mode“ eigentlich dennoch eine positive Wirkung auf Twitter-Diskussionskultur haben. Denn psychologische Studien zeigen, dass Trolle durch die negativen Reaktionen ihres Gegenübers in ihrem Verhalten bestärkt werden. Wer aber ausreichend verletzend gegenüber einer Person ist, wird auf Twitter auch genug andere Menschen aufregen. Ob es das ursprüngliche Ziel war, dürfte in vielen Fällen schlicht egal sein. Die Motivation für ihr Handeln wird Trollen durch den „Safety Mode“ daher im Endeffekt nicht entzogen.

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Gefangen in der Wohlfühlblase

Menschenverachtende Beiträge führen aus nachvollziehbaren Gründen häufiger zu emotionalen Reaktionen. Urheber:innen solcher Beiträge könnten zumindest theoretisch durch den „Safety Mode“ von etwaiger Gegenrede abgeschirmt werden. Ähnlich wie bei Teilnehmer:innen von Facebook-Gruppen oder Telegram-Kanälen könnte ein Mangel an Widerrede Menschen irrtümlich zu dem Glauben verleiten, dass ihre Minderheitenmeinung von weiten Teilen der (Twitter-)Welt mitgetragen wird. Die sowieso schon sehr deutliche Blasenbildung auf Twitter könnte sich schlimmstenfalls noch verstärken.

Am Ende steht und fällt der „Safety Mode“ aber damit, wie gut der Algorithmus wirklich funktioniert. In früheren Testphasen stand die Funktion nur rund 750 Menschen zur Verfügung. In dem deutlich größeren, jetzt gestarteten Test will Twitter nach Unternehmensangaben weitere Veränderungen an dem Mechanismus vornehmen, bevor er für alle Nutzer:innen ausgerollt wird. Langfristige Folgen der Neuerung können dementsprechend erst in einiger Zeit wirklich beurteilt werden. Dass das Unternehmen seine 28,5 Milliarden US-Dollar schwere Empörungsmaschine mit dem blauen Vogel allzu stark verändern wird, bleibt aber unwahrscheinlich.

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