Kommentar

Vergesst die Spezialisierung! Eine Ode an Neo-Generalisten

(Grafik: Shutterstock)

Ganz Deutschland redet vom Fachkräftemangel. Aber was ist eigentlich mit den Menschen, die viele Dinge ganz gut können, sich aber in keinem Fachgebiet richtig niederlassen wollen?

Neulich war schon wieder so eine Situation: Ich traf nach langer Zeit einen Studienkollegen wieder. Er erzählt, dass er inzwischen bei einer bekannten politischen Stiftung arbeitet – kurz nach unserem Studium hatte er dort angefangen und sich hochgearbeitet. Er fragte mich, was ich seit unserem Uniabschluss denn so getrieben hätte. Ich sagte: „Erzähle ich dir sehr gern. Hast du ein wenig Zeit?“ Denn die Sache mit dem Beruf bedarf bei mir einer längeren Erklärung. Nicht, dass ich nicht auch erfolgreich wäre. Im Gegenteil – es läuft eigentlich sehr gut. Doch bei mir war es eben kein fein asphaltierter, gerader Berufsweg, sondern eine kurvenreiche Schnellstraße.

Ich befinde mich inmitten Karriere Nummer 4.

Ich habe lange damit gehadert, einen beruflichen Zickzack-Kurs eingeschlagen zu haben. Oft wünschte ich mir, auf die Frage nach meiner Arbeit einfach antworten zu können: „Ich bin Ingenieurin/Ärztin/Lehrerin.“

Berufliche Chamäleons

Heute habe ich mich damit abgefunden, eine Multifunktionalistin zu sein. Ja, ich bin sogar ein bisschen stolz darauf. Seit Kurzem weiß ich sogar, dass es einen Begriff für diese Spezies wie mich gibt: Neo-Generalisten. Darauf gebracht haben mich die Autoren Kenneth Mikkelsen und Richard Martin mit ihrem gleichnamigen Buch. Sie definieren Neo-Generalisten darin so: „Neo-Generalisten widersetzen sich dem Schubladendenken. Sie sind Nomaden, die in ihrer Karriere verschiedenste Bereiche durchkreuzen, und zwischen Kategorien und Labeln leben. Sie nutzen und begrüßen neue Möglichkeiten, anstatt sich vor ihnen zu fürchten und sie von sich zu weisen.“

Neo-Generalisten sind also berufliche Chamäleons. Sie sind neugierig, abenteuerlustig und erfinden sich immer wieder neu. Genau so erging es mir auch: Zwar musste ich ständig daran denken, dass Personaler wohl ihre Hände über dem Kopf zusammenschlagen würden, wenn sie meinen Lebenslauf sähen, aber: Ich liebe neue Herausforderungen. Vieles interessiert mich. Nichts begeistert mich genug, dass ich nur das machen wollte.

Ich habe als Projektmanagerin in Bangkok angefangen und als Länderdirektorin in Istanbul meine Auslandszeit beendet. Ich habe im Bereich Fernsehen, Venture Capital und Corporate Communications gearbeitet, bin jetzt Eventmoderatorin, PR-Beraterin, Pitchtrainerin und bringe Startups und Corporates zusammen. Ich bin Mompreneur geworden. Ich habe ein Buch geschrieben. Klingt willkürlich? Zufallsbedingt? War es auch. Aber nie unüberlegt. Ich bin vielen Chancen gefolgt, die mir das Leben geboten hat. „Wenn das Glück kommt, musst du ihm einen Stuhl hinstellen!“, hieß eins meiner Lieblings-Kinderbücher. Ein früher Leitsatz für spätere Schatzsucher?

Meine Frage ist: Wo seid ihr, meine lieben Neo-Generalisten da draußen, die ähnlich denken, handeln und sich wandeln? Ich suche Gleichgesinnte. Ich glaube, es ist gut, dass es uns gibt.

Denn die Erfahrung zeigt auch, unsere Gesellschaft blickt eher skeptisch auf Generalisten: Sind das nicht berufliche Zugvögel, die sich nicht binden können? Sind sie in den vorherigen Positionen schlichtweg nicht gut genug gewesen, sodass sie sie verlassen mussten? Können diese Leute nicht alles ein bisschen, aber dafür nichts richtig, wobei man sich doch spezialisieren und auf eine Sache konzentrieren müsste?

So ist unsere Gesellschaft geprägt – sie sucht Spezialisten und mag es, Menschen in Schubladen zu stecken. Das macht sie für sie einfacher. Ein erfolgreicher Karriereweg definiert sich hierzulande gern im immer spitzer werdenden Expertentum: „Professorin für … Doktorandin in … Spezialistin der ….“ Das ist perfekt für die, die sich brennend für ein Thema oder eine Sache interessieren und sich über die Jahre immer tiefer in die Materie einarbeiten. Doch für die Multifunktionalisten unter uns ist das nichts – wir können und wollen nicht verweilen.

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5 Kommentare
Frank Möller

Nicht immer leicht als Generalist Festreden zu halten. Das Neue zieht mehr als das Erreichte einen hält.

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Joe Blessing
Joe Blessing

Neo-Generalist!
So also nennt sich der Zustand, den ich nur zu gut kenne….

Ich bin Baujahr 1962, meinen ersten Job hatte ich schon im elterlichen Restaurant, wo ich mit 15 schon die Küche gewuppt habe und gelernt habe, systematisch und strukturiert zu arbeiten.
Dann in die Bäckerlehre, wo die Struktur und Systematik gefestigt wurde.

Danach bin ich den Bereich der Pflege gewechselt, habe auch hier diverse Ausbildungen absolviert. Zwischendurch Auszeiten als
– Strassenmusiker in Südfrankreich
– Ausbildung zum Organisationsprogrammierer (nicht abgeschlossen, weil dann doch zu langweilig)
– Streetfotografie und Fotoauftragsarbeiten
– LKW Fahrer Gefahrguttransporte
– Auftragsarbeiten als Texter (Werbetexte, Hochzeitsreden etc.)

Da es mir irgendwann richtig langweilig wurde, habe ich eine Ausbildung zum Heilpraktiker angefangen und 3 Jahre eine Praxis betrieben.

In der Pflege bin ich heute immer noch, mache gerade noch eine Spezialisierung in Palliativmedizin.

Für viele Leute sieht das nach beruflichem Durcheinander aus. Ich fühle mich in diesem Setting aber sehr wohl. Vieles gelernt, vieles gesehen, tonnenweise Erfahrungen gesammelt.

Genau das macht sich heute bei Berwerbungsgesprächen bemerkbar, denn mein Gegenüber versucht gar nicht erst, mich auszutesten. Die blättern nur noch durch die Bewerbungsmappe und fragen, wann ich anfangen kann.

Als Neo-Generalist habe ich in meinem Werdegang gelernt, zu improvisieren, auch im Chaos noch einen Überblick zu behalten.
Im Freundeskreis gabs mal eine Diskussion über folgende Situation:
„Man nimmt dir alles weg:Freundeskreis, Wohnung, Arbeit, Konto – also alle sozialen Absicherungen. Was machst du?“

Ist natürlich erstmal eine Horrorvorstellung, aber hier muss ich sagen: Selbst aus diesem Chaos würde ich es in kürzester Zeit wieder herausschaffen, weil ich gut improvisieren kann.

Stabilität gabs schon, weil ich seit 35 Jahren im gleichen Metier, der Pflege, geblieben bin. Aber es muss immer mal wieder neuer Input her, sonst wirds langweilig.

Zumindest weiß ich jetzt, daß es noch vielen anderen genauso geht….

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Sebastian
Sebastian

Barbara Sher nennt uns in ihrem Buch “Du musst dich nicht entscheiden, wenn Du 1000 Träume hast” Scanner… das Leben als Neo-Generalist oder Scanner ist spannend und abwechslungsreich… es kann jedoch Jahrzehnte dauern das zu akzeptieren und so laufen viele von uns hoffnungslos dem Traum nach einem Experten-Dasein hinterher.

Lasst los und genießt Euer Generalisten-Dasein!

Seb

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Giselher Redeker

Auch wenn mich die Bezeichnung „Löwenbändigerin“ in der kurzen Autorenbeschreibung im Zusammenhang mit diesem Artikel irritiert: sehr lesenswert!

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Alexander Dirr

So nennt man das, wenn man sich nie wirklich festlegen kann, was man eigentlich machen will ;)
Mein bisheriges Rezept als Generalist: machen und lernen, das was mich interessiert, was mir Spaß macht und wo es Möglichkeiten gibt.

Die eigene Weiterentwicklung und laufendes Lernen garantieren mir immer Möglichkeiten, und viele davon kommen plötzlich und unerwartet. Gut, wenn man dann darauf vorbereitet ist.

Interessanter Artikel. Und ich kann für mich bestätigen: das „nicht festlegen“, kann manchmal auch belastend sein. Aber ich bin überzeugt, als Generalisten werden wir mit den laufenden Veränderungen der aktuellen Zeit unsere helle Freude haben!
Alexander

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