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Autismus: Er hat als Koch gekündigt – und löst jetzt komplizierte IT-Probleme

Logik, Analyse, Detailgenauigkeit gehören zu den Stärken von Benjamin Heiland. (Foto: Daniel Weber)
Lesezeit: 9 Min.
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Autisten sind im Job oft ausgegrenzt. Dabei profitieren Arbeitgeber von ihnen – nicht nur in der IT. Experten sind sich einig: Nicht die Diagnose, sondern Vorurteile und Unwissen sind das Problem.

Es ist der Alltag, der Benjamin Heiland oft Probleme bereitet. „Wenn ich einkaufen gehe, muss ich alle paar Minuten ­stehen bleiben und durchatmen“, sagt er. Der Grund sind die unzähligen Reize, die auf ihn einprasseln. Die Supermarktkasse, die piept, die Kühltruhe, die auf- und zugeschoben wird, das Gurkenglas, das auf den Boden scheppert oder das Gespräch der schwerhörigen Rentnerin mit dem Fleischer, das immer lauter wird. Aber auch die Bewegung durch die Gänge empfindet er intensiver als andere Menschen. Die Geräusche versucht Heiland durch Musik zu kompensieren, wie er sagt: „Ich habe Stöpsel in den Ohren mit lauter Metal-Musik, die ich auswendig kenne. So habe ich diese eine Daten­quelle schon einmal gekappt.“ Seine Art zu sprechen, gibt einen Eindruck davon, wie er denkt. Benjamin Heiland ist Autist, er gilt als neurodivers. Heiland spricht systematisch, überlegt und präzise. So wird Krach schnell zur Datenquelle.

Autisten kämpfen mit Vorurteilen und Unwissen

Medial hat kaum eine Diagnose in den letzten Jahren so viel Aufmerksamkeit erhalten wie die Diagnose rundum Autismus. Dustin Hoffman spielte 1988 in „Rain Man“ den Autisten Raymond Babbitt, jüngere Produktionen wie „The Big Bang Theory“ arbeiten sich selbst Jahrzehnte später noch mit der Figur des Sheldon Cooper daran ab. Sie alle zeigen jedoch ein Stereotyp: einen extrem intelligenten, aber sozial kaum angepassten Menschen, der zwar im Rahmen einer Inselbegabung genial, ansonsten aber ungeeignet für die Arbeitswelt ist. Auch wenn diese Film- und Fernsehklassiker den Blick der breiten Masse auf Autismus gelenkt haben, haben sie auch das gängige Klischee bedient und so für Nachteile gesorgt: Mit Autisten lässt sich nicht gut arbeiten, so die Vorstellung vieler Chefinnen und Chefs. Schätzungen gehen davon aus, dass nur knapp 30 Prozent der Menschen mit Autismus in Arbeit sind.

Dabei ist Diversität das Thema des Jahrzehnts und darf nicht bei Geschlecht, Alter oder Herkunft aufhören. Dass auch neurodiverse Menschen zum Unternehmenserfolg beitragen können, wird oft übersehen. Anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Charta der Vielfalt, einer Selbstverpflichtung von Unternehmen zu einem vorurteilsfreien Arbeitsumfeld unter Schirmherrschaft der Bundeskanzlerin Angela Merkel, hat die Wirtschaftsberatung EY eine Studie zur gelebten Diversität in Unternehmen durchgeführt. Darin zeigt sich, dass 36 Prozent der befragten Unternehmen nur wenig Handlungsbedarf sehen, wenn es darum geht, Menschen mit Einschränkungen stärker einzubinden. Liegt das jetzt daran, dass sie bereits gut integriert sind? Wenn man die Beschäftigtenzahlen für Autistinnen und Autisten in Deutschland hochrechnet, kann die Antwort nur „Nein“ lauten. Auch in anderen Ländern, die gemessen am Wohlstand mit der Bundesrepublik vergleichbar sind, sieht das Bild ähnlich aus: In Groß­britannien und Australien gehen Experten von knapp 30 bis 40 Prozent aus.

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Katrin Reich kennt das Problem. Die Sozialwissenschaftlerin setzt sich seit Jahren mit der Teilhabe von Autisten auseinander und kennt Menschen wie Benjamin Heiland nur zu gut. Sie leitet derzeit ein Forschungsprojekt namens Autismus 1a, das Firmen im Umgang mit neurodiversen Menschen schulen will. „Bis vor 20 Jahren wurde ihnen die Ausbildungsfähigkeit sogar noch komplett abgesprochen. Man glaubte schlicht: ‚Die sind nicht arbeitsfähig, die kriegen wir nicht in den Beruf‘“, so die Expertin. Das ist inzwischen widerlegt. Unzählige Berufsbildungswerke bilden deutschlandweit aus: Gärtner, Laboranten, ­Lager­isten, aber auch Mechaniker. Das Problem liege nicht darin, dass ­Autisten keine Berufsabschlüsse haben. Eher sei das Gegenteil der Fall. Menschen mit Autismus würden ihre Schul- und Berufsausbildung meist überdurchschnittlich gut abschließen. Was also hindert Unternehmen daran, diese Fachkräfte einzustellen? „Vor allem fehlendes Wissen und falsche Vorstellungen“, erklärt die Expertin. „Es gibt nur spärliche Infos darüber, was und wie Autisten sind.“

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2 Kommentare
Benjamin Heiland
Benjamin Heiland

Eine Sache möchte ich noch anmerken:
Nicht Ich als Einzelperson bin „divers“, das geht ja schon rein rechnerisch nicht auf.
Vielmehr sind wir als Gemeinschaft miteinander divers.
Das Wort „divers“ nur als Synonym für „abnormal“ zu verwenden, halte ich für unproduktiv.
Grüße

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Andreas Weck

Hi Benjamin, danke für das Feedback. Das war so natürlich nicht beabsichtigt, aber es zeigt mir gut, dass auch ich da nach wie vor in einem Verständnisprozess stecke und auch ich mich da nur noch weiter entwickeln kann. Ich schau mir die Stelle(n) nochmal an.

Danke nochmal, dass du uns so offen deine Geschichte mitgeteilt hast. Solche Geschichten wirken und wir konnten damit sogar einen ersten kleinen Erfolg einfahren. Katrin Reich hat mir gestern gemailt und gesagt, dass ein Arbeitgeber sich gemeldet hat und eine Stelle für eine*n Autist*in schaffen möchte. https://twitter.com/AndreasWeck/status/1369588312986517505

Viele Grüße

Andreas

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