Interview

Von der Hackerin zur Digitalministerin: So löst Audrey Tang Systemfehler der Politik

(Foto: Audrey Tang)

Im Schatten Chinas testet Taiwan neue Formen direkter Demokratie. Die Hackerin Audrey Tang ist dort Digitalministerin. Eine Begegnung mit einer, die mit digitalen Technologien die Politik verbessern will.

Wenn eine Hackerin zur Digitalministerin wird, muss man sich nicht wundern, wenn es in Interviews weniger um politische Floskeln als um technische Details geht. Audrey Tang ist Programmiererin und wurde 2016 zur jüngsten Ministerin Taiwans berufen. Als sie mit 35 Jahren in die Politik ging, hatte die heute 38-Jährige bereits eine opulente Karriere hinter sich: Mit 14 Jahren schmiss sie die ­Schule, mit 16 gründete sie ihre erste Firma und entwickelte eine Suchmaschine für chinesischsprachige Songtexte. Nach Jobs bei der Wikimedia-­Foundation und Apple verabschiedete sie sich mit 33 Jahren aus dem ­Berufsleben und engagierte sich als politische Hackerin in Taiwans Civic-Tech-Community, in der sie mithilfe von Informationstechnologien versuchte, Bürgerbeteiligung und soziales Engagement zu revolutionieren.

Die Politik, die sie heute macht, dreht sich nicht um Hinterzimmerabsprachen, Anträge oder Lobbyarbeit. Sie will mit Design Thinking und Erkenntnissen aus der Spieltheorie politische Probleme lösen. Und davon gibt es in Taiwan einige. Der lange Schatten der Volksrepublik ­China fällt auf die 24-Millionen-Einwohner-Insel. Peking weigert sich weiterhin, Taiwans Unabhängigkeit anzuerkennen, und zählt es immer noch zur Volksrepublik. Dadurch ist das Land auch international isoliert. Nur 15 Länder – darunter Zwergstaaten wie Nauru, Palau sowie der Vatikan – unterhalten diplomatische Beziehungen zu Taiwan. Deutschland nicht, denn China ist einer der wichtigsten Handelspartner der deutschen Wirtschaft. Die Taiwanesen wollen sich ihre Unabhängigkeit aber nicht nehmen lassen: Erst im Januar hat die Bevölkerung die ­chinakritische Präsidentin Tsai Ingwen wiedergewählt.

Mit digitalen Tools in die Politik

Als Tang in die Politik ging, brachte sie ein Tool mit: Pol.is. Damit können Regierungen, Parteien oder ­Unternehmen interaktive Fragebögen zu strittigen Themen an die Bürger schicken. Diese können dann über einen neuen Gesetzesvorschlag abstimmen oder auch neue Ideen mit einbringen. Aus den Reaktionen der Bürger zeichnet der Algorithmus hinter Pol.is ein politisches Meinungsbild. Wie funktioniert das und hilft es wirklich dabei, Entscheidungen zu demokratisieren? Unser Reporter Jan Vollmer hat Audrey Tang über Skype angerufen.

t3n: Audrey, du warst erst Hackerin, dann Apple-Beraterin, jetzt bist du Ministerin. Wie können Behörden aus deiner Sicht ihr Innovationspotenzial entfalten?

Audrey Tang: Vor allem zwei Dinge sind dabei wichtig: Erstens radikale ­Transparenz. Von allen Meetings unter meiner Leitung wird das Transkript nach zehn Werktagen veröffentlicht. Auch von diesem Interview. Zweitens: Jeden zweiten Dienstag reise ich an Orte weit abseits der Hauptstadt Taipeh und treffe mich mit lokalen Interessenvertretern. So bekommen auch die Menschen auf dem Land und auf den Inseln mit, was politisch passiert, und können direkt mit mir darüber sprechen. Dass alles schafft Vertrauen. Diese Offenheit macht mich aber auch angreifbar. Wenn die Leute sich über etwas aufregen, bekomme ich das dann auch direkt ab.

t3n: Dieser hohe Anspruch an Transparenz sowie die digitale Beteiligung von Bürgern klingt in der Theorie gut, aber wie sieht es in der Praxis aus? Gibt es bereits konkrete Erfolge?

Ja. Auf einer Insel hatten wir zum Beispiel das Problem, dass die Menschen sich nicht allein auf die Fähigkeiten der Krankenschwester vor Ort verlassen wollten. Die Patienten ließen sich lieber mit dem Helikopter auf die taiwanesische Hauptinsel ausfliegen, selbst wenn es dunkel war oder regnete. Wir haben letztlich herausgefunden, was das eigentliche Problem war: Krankenschwestern hatten aus rechtlichen Gründen keine Möglichkeit, über Telemedizin einen Arzt hinzuziehen. In einem Hackathon wurde also ein neues System entwickelt und innerhalb von drei Monaten die Gesetzeslage geändert sowie das notwendige ­Personal und Budget bereitgestellt. Nun können die Bewohner von mehr als 100 Inseln die Vorzüge der Telemedizin nutzen, ­bevor sie in den Helikopter steigen.

t3n: Wann stößt das Modell an seine Grenzen?

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