Kommentar

Das Anschreiben ist am Ende

Das Anschreiben ist nicht mehr zeitgemäß. (Foto: Shutterstock)

Das Anschreiben hält sich mancherorts wacker, aber warum eigentlich? Die Antwort: reine Tradition! Innovative Unternehmen überdenken ihren Bewerbungsprozess. Ein Kommentar.

Ich verdiene mein Geld mit Schreiben. Wenn ein Unternehmen also ein Anschreiben verlangt, bekommt es das – und zwar mit dem allergrößten Vergnügen. Denn für mich ist das Bewerbungsschreiben ein Türöffner, ich lege hier meine Motivation dar. Ich grüble über einen aufmerksamkeitserzeugenden ersten Satz. Ich formuliere eloquent und trotzdem präzise. Verfasse ein rundes Ende, das den Kreis zum ersten Satz schließt. Ich streue im Text kleine sprachliche Highlights, die von nüchternen Fakten abgelöst werden. Und das abwechselnd wieder und wieder und wieder – bis die Seite nicht nur voll, sondern auch spannend geschrieben ist. Ich erzähle meine Geschichte also so, dass Personaler gar nicht anders können, als mich einzuladen und mehr über den Menschen zu erfahren, der da schreibt. Einzig und allein: Ich verdiene mein Geld mit Schreiben. Und deswegen wäre ich auch schön blöd, wenn ich das Potenzial des Anschreibens nicht nutzen würde.

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Für viele Bewerber sind Anschreiben eine Tortur

Die Zahl der Menschen, die einen ähnlichen Beruf verfolgen, ist verglichen mit allen anderen Berufstätigen in Deutschland eher gering. Denn seien wir ehrlich: Wer schreibt in seinem Job schon seitenlange Artikel – ausgenommen Journalisten, Berater, Copywriter und Autoren, die meist sowieso selbstständig sind? Viele Berufstätige schreiben allenfalls eine E-Mail oder Slack-Nachricht an die Chefin, den Kollegen oder die Kundin. Und mindestens genauso viele tun nicht einmal das – sie arbeiten an Supermarktkassen, in Produktionshallen, an Bahnhöfen oder in Kfz-Werkstätten. Warum diesen Menschen ein Anschreiben abverlangt wird? Die ehrliche Antwort darauf dürfte lauten: „Weil man das schon immer so gemacht hat!“. In vielen Berufen ist es jedoch völlig egal, ob sich jemand auf dem Papier gut ausdrücken kann. Es sagt überhaupt nichts darüber aus, ob die Person die richtige für den Job ist. Für sie ist das Anschreiben eine Tortur.

„Er hätte auch ein Muster aus dem Internet nutzen können.“

Einer von ihnen ist mein Cousin. Erst vergangene Woche schrieb er – Mitte 20, eher Macher als Denker – mich an, ob ich seine Bewerbung überfliegen könne. Er wolle sich als Lagerarbeiter bewerben. Was ich vorfand, waren in meinen Augen größtenteils Phrasen: „Sehr geehrter XX, über ihre Website habe ich erfahren, dass Sie Mitarbeiter suchen. Hiermit möchte ich mich bewerben“, schrieb er. „Ich bin teamfähig, pünktlich und ordentlich“, warb er weiter. Tja, dachte ich, daran ist überhaupt nichts falsch. Und trotzdem: Das sind alles Sätze, die mit Sicherheit mindestens jeder Zweite benutzen dürfte, der oder die nicht in einem Beruf wie dem meinen arbeitet. Mein Cousin gab sich Mühe, hat daran den ganzen Tag gearbeitet und sich der Herausforderung gestellt. Davor ziehe ich den Hut, auch wenn ich glaube, dass er auch einfach ein Muster aus dem Internet hätte nutzen können.

An seinem Beispiel wurde mir aber klar, wie hirnrissig das Bewerbungsschreiben eigentlich ist. Erst kürzlich diskutierten wir in der Redaktion diesen Kommentar, den ihr gerade lest. Sowohl mein Chefredakteur als auch ich vertraten die Position, dass ein Anschreiben durchaus aussagekräftig sei. Dass es viel über den Menschen preisgäbe, der sich bewirbt. Bei genauer Betrachtung glaub ich, dass es uns maximal viel über den Bewerber oder die Bewerberin sagt, der oder die sich auf eine Stelle als Redakteur oder Redakteurin bewirbt. Keiner von uns weiß, welche Anforderungen an einen Lagerarbeiter, einen Supermarktkassierer, Pfleger oder Zugbegleiter gestellt werden – und vor allem, wie wichtig es wirklich ist, dass sie sich auf dem Papier gut ausdrücken können. Was, wenn mein Cousin großen Quatsch geschrieben hätte? Ich hätte die Bewerbung natürlich für ihn ausgebügelt und prompt wäre er (oder vielmehr ich?!) wieder im Rennen gewesen.

Unternehmen denken um – und das zu Recht!

Anstoß zu diesem Kommentar gab mir übrigens eine Nachricht, die dieser Tage herum ging: „Immer mehr Konzerne verzichten auf Anschreiben“, titelten wir. Die Recruiting-Plattform Taledo hat Stellenausschreibungen für IT-Positionen ausgewertet. Bei den allermeisten war das Anschreiben nur noch optional, ein Großunternehmen verzichtete sogar komplett drauf. Nur wenige Firmen bestanden explizit darauf. Auch die Bahn hat sich 2018 dafür entschieden, die Sache mit dem Anschreiben nicht mehr ganz so eng zu sehen, als der Konzern bemerkte, dass immer weniger Auszubildende den Kontakt zum Unternehmen suchten. Mit dem Weglassen des Bewerbungsschreibens stieg die Zahl der Einsendungen plötzlich um satte zehn Prozent. Für Unternehmen, die dringend suchen, ist das ein bemerkenswerter Erfolg – also für alle, die beispielsweise Programmierer, Zugführer, aber auch Pfleger, Kindergärtner oder Handwerker suchen.

Die Frage, wie effektiv und effizient der Bewerbungsprozess in Zeiten des branchenübergreifenden Fachkräftemangels ist, müssen sich Personalverantwortliche stellen. Ist das Anschreiben wirklich das richtige Format, um die Motivation der Jobsuchenden abzuklopfen? Wie wichtig ist es, zu erfahren, ob jemand originell schreiben kann ? Und ist ein Vorstellungsgespräch nicht sowieso viel besser geeignet, um Bewerber und Bewerberinnen kennenzulernen und sich von deren Idealen, Talenten und Ambitionen zu überzeugen? Je mehr ich mich in meinen Cousin hineinversetze, desto mehr glaube ich, dass Menschen wie er allenfalls einen Lebenslauf (Erfahrung) und Zertifikate (Fähigkeiten) mitschicken sollten. Für alles andere lohnt sich ein Gespräch unter vier Augen viel mehr. Wenn das Anschreiben maximal noch in meinem Job eine Art der Arbeitsprobe darstellt, was bedeutet es dann für die anderen Berufe? Ernst gemeinte Frage.

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