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Kommentar

Die besten Mitarbeiter kommen spät und gehen früh

Spät kommen, früh gehen: Wer es sich leisten kann? (Foto: Shutterstock-Akos Nagy)

Überstunden führen nicht zu mehr Produktivität. Im Gegenteil: Wer pünktlich Feierabend macht, arbeitet meistens effektiver. Denn was ist besser? Ein motivierter Mitarbeiter oder einer, der nur so tut?

„Wo warst du nur all die Jahre?“, fragt Opa Hermann seine lange Zeit verschollene Gitty und übereicht ihr einen Blumenstrauß zur Feier des Wiedersehens. Ihre Antwort: „In der Agentur!“ Das Bild, auf das ich hier zurückgreife, kennt wohl jeder, der nicht gerade als Tarifbeschäftigter im Amtskeller die Post sortiert. Leicht ironisch wird das Meme, obwohl schon gut fünf Jahre alt – also in Internetjahren ein halbes Jahrhundert –, noch immer in regelmäßigen Abständen durch das Netz gepeitscht. Gefühlt immer dann, wenn ein neuer Jahrgang von Uniabsolventen sich in die Tretmühlen der Kreativschmieden begibt. Und jedes Mal wieder denke ich mir: Da werden die nächsten jungen Kollegen verbrannt, bis sie es eines Tages besser wissen. Ironie ist oft die letzte Phase der Enttäuschung.

Arbeitszeiten: Die besten Mitarbeiter machen keine Überstunden

Noch immer wird Leistung und Loyalität vielerorts daran gemessen, bis in die Puppen zu arbeiten. Als Erster kommen, zuletzt gehen. Das ist aber irgendwie auch kein Wunder, wenn junge Berufstätige allen Ernstes in Magazinen wie GQ lesen, dass Überstunden schrubben der Karriere-Booster schlechthin sein soll. Na gut, Chefs freuen sich vielleicht über so viel Unterstützung. Doch warum eigentlich? Bezahlen sie doch im Grunde unproduktive Mitarbeiter. Denn seien wir mal ehrlich: Niemand wird auf Dauer gut drauf sein, wenn er wie eine Legehenne in der Batterie sitzt und das einzige Sonnenlicht in Form eines Hintergrundbildes auf dem Desktop ins Gesicht scheint. Angesichts dessen ist die GQ-Headline „So werden Sie befördert, ohne etwas zu können“ dann vielleicht doch wieder ganz passend.

Außerdem ist es doch längst belegt, dass Qualität und Produktivität sich kaum bis gar nicht verändern, mancherorts sogar steigen und schlussendlich sogar der Krankenstand sinkt, wenn Menschen beispielsweise einen Sechs- statt Acht-Stunden-Tag hinlegen dürfen. Schwedische Testläufe zum verkürzten Arbeitstag sprechen eine deutliche Sprache und sind, wenn überhaupt, nur dann eingestellt worden, weil geringe Mehrkosten, die derartige Projekte während des Testlaufs verursachen konnten, keine Akzeptanz in den Chefetagen fanden. Als ob Innovation, wenn sie denn schon gewährt wird, wenigstens nichts kosten darf. „Wie jetzt? Da zieh ich mir schon den Finger aus der Nase, damit das Hirn mal Luft bekommt und dann wird’s im Hinterstübchen auch noch frisch? Unerhört. Un-er-hört!“

Karriere organisieren: Diese Apps helfen im Berufs- und Privatleben
Jobsuche: Die kostenlose „Truffls“-App für iOS und Android ist ein Tinder für Bewerber. Wer auf der Suche nach einem interessanten Job ist und fündig wird, swipt einfach nach rechts und schickt einen Lebenslauf ab. Antwortet das Unternehmen, kommt es zum Match. (Grafik: t3n.de / dunnnk)

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Achtung, steile These: Die besten Mitarbeiter kommen spät und gehen früh! Dass sie die Besten sind, hängt nämlich auch damit zusammen, dass sie sich auf den Tag freuen können, weil sie etwas davon haben. Und weil sie die Freiheit besitzen, ihren Geist neben der Arbeit mit neuen Dingen zu konfrontieren. Morgens mal ganz in Ruhe durch ein Magazin blättern, ohne sich den Kaffee zwischen Tür und Angel hinter die Binde zu kippen, nur um vorbildlich das Licht im Büro anzumachen, kann im Meeting schon Mal zur zündenden Idee führen. Abends in Ruhe zum Sport gehen zu können, ohne die Blicke der Kollegen zu fürchten, weil es zum guten Ton gehört, erst nach dem Chef zu gehen, wird vitale Menschen hervorbringen, die auch während stressiger Phasen nicht sofort beim Arzt auf der Matte stehen.

Wer lange bei der Arbeit ist, der leistet nicht mehr. Im Gegenteil: Wer seinen Arbeitstag strukturiert gestaltet und deshalb pünktlich Feierabend machen oder auch mal früher gehen kann, arbeitet so gut wie immer effektiver. Und wer in der Lage ist, ein Leben auch außerhalb der Agentur zu führen, wird am nächsten Tag deutlich zufriedener und motivierter wieder zurück ins Büro gehen. Frage an alle: Was ist besser? Ein motivierter, kreativer und gut organisierter Mitarbeiter? Oder jemand, der nur so tut?

Ich glaube, ich kenne die Antwort bereits.

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3 Reaktionen
LM

Für mich kreiert Andreas Weck hier eine Kausalität, die nicht haltbar ist. Ich würde seiner ersten Frage der Abstimmung zustimmen, der zweiten vielleicht in Teilen bestätigen aber seiner Überschrift komplett widersprechen. Das kommt für mich gleich nach "Nachts ist kälter als draußen"!

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Michael Alznauer

Wer beurteilt eigentlich, wer die "besten Mitarbeiter" sind? Und anhand welcher Kriterien? Zur Auswahl stehen z.B. erreichte hierarchische Stufe, Höhe des Gehalts, Beliebtheit, Beitrag zum gemeinsamen Ergebnis...

In der Regel bestimmen Chefs darüber, wer "die Besten" sind - und damit auch darüber, wer und was belohnt wird. Ist es dann nicht weise (oder zumindest nachvollziehbar), wenn sich Mitarbeiter in ihrem Verhalten daran orientieren?

Nahezu alle Führungskräfte beurteilen "aus dem Bauch heraus" nach folgenden Kriterien: (1) Wer ist loyal? (2) Wer löst mir mehr Probleme als er mir verursacht? (3) Wieviel Engagement zeigt jemand? In den offiziellen Feedback- und Beurteilungssystemen bringen sie dann ihre subjektiven Bewertungen einfach nur in die notwendige Form.

Meine Sichtweise soll nicht als zynisch (miss-)verstanden werden: Diese drei Kriterien machen schon seit Urzeiten Sinn. Unsere Vorfahren überlebten eher, wenn sie zügig einschätzen konnten, auf welcher Seite jemand steht, wie gefährlich er ist und wieviel Aufwand er investiert. Heutige Chefs brauchen das nicht zu wissen, handeln aber zumeist danach. Wer wundert sich dann über Mitarbeiter, die "früh kommen und spät gehen"?

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emjot

Genau meine Worte. Aber mir glaubt ja keiner. Ich als Kreativarbeiter lehne aber 40h-Verträge mittlerweile generell ab - mit Begründungen, die sich auch im Artikel wiederfinden.
Meist stoße ich da auch nicht auf taube Ohren und wenn doch - dann Tschüß und weiter... :-)

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